Flüchtlinge als Missionsobjekt
Sekten-Experte Gary Lukas Albrecht über Sekten in Flüchtlingsheimen

Flüchtlinge als Missionsobjekt

Sekten - Sie interessieren sich derzeit besonders für Geflüchtete: Sekten wie die Zeugen Jehovas oder Scientology. Der Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Essen, Pfarrer Gary Lukas Albrecht, weiß, was Flüchtlinge so interessant für Sekten macht.

Von Johanna Heckeley |  Essen - 07.04.2016

Frage: Pfarrer Albrecht, in der letzten Zeit gibt es immer wieder Berichte über Sekten*, die bevorzugt an Orten missionieren, an denen sich viele Flüchtlinge aufhalten. Welche Fälle sind Ihnen bekannt?

Albrecht: Von den Zeugen Jehovas weiß ich definitiv, dass sie missionieren; den Scientologen sagt man es nach, aber mir ist kein Fall im Bistum Essen bekannt. Bei den Zeugen Jehovas ist mir aufgefallen, dass sie zum Beispiel in der Essener Innenstadt dezidiert arabischsprechende Menschen mit ihren Publikationen erreichen wollen. Ich habe mit Verkündigern gesprochen, die speziell für diese Mission Arabisch gelernt haben und einige ihrer Zeitschriften jetzt auch auf Arabisch anbieten. Sie versuchen also schon, sich auf eine neue Zielgruppe einzustellen. Es gibt zwar auch einige Freikirchen, die sich um Flüchtlinge kümmern, aber da habe ich den Eindruck, dass die auch humanitär helfen wollen, was bei den Zeugen Jehovas und den Scientologen nur selten der Fall ist.

Frage: Was macht Geflüchtete so interessant für diese religiösen Gruppen?

Albrecht: Jede Gruppe, die davon überzeugt ist, den einzig wahren Weg zu beschreiten, sieht deshalb auch die zwingende Notwendigkeit, Andersglaubende retten zu müssen. Deren Gläubige gehen vor allem auf die Menschen zu, die für eine solche Überzeugung empfänglich sind, und die, die sich darüber freuen, dass sich jemand – wenn auch oft nur scheinbar – für sie interessiert. Klassische Sekten haben in Deutschland außerdem Schwierigkeiten, neue Mitglieder zu werben – die Zeugen Jehovas zum Beispiel stagnieren eindeutig, die Scientologen haben ein massives Imageproblem in Deutschland. Unter den Flüchtlingen sind viele junge Leute, meist alleinstehende junge Männer. Dadurch erhoffen sich einige Gruppen, die zum Teil ein ähnliches demografisches Problem haben wie die Großkirchen, eine "Frischzellenkur".

Stichwort: Sekte

Der Begriff "Sekte" leitet sich aus dem von den lateinischen Wörtern "secta" (Richtung, Richtlinie) und "sequi" (folgen) ab. Nach dem Lexikon für Theologie und Kirche (LTHK) wird damit eine Gemeinschaft "vornehmlich religiösen Charakters" bezeichnet, die sich in ihren Überzeugungen, wie ein Mensch zum Heil gelangen kann, unter anderem auf biblische Inhalte bezieht. Diese Inhalte seien exklusiv und fundamentalistisch ausgerichtet und würden eifernd vertreten. Die Gemeinschaft werde zudem durch starke autoritäre Strukturen und eine abgrenzende Grundhaltung charakterisiert. "Sekte" ist zwar ein sehr gängiger Begriff, wird aber in Fachkreisen zunehmend abgelehnt. Der Grund: "Der Sekten-Begriff ist in vielfältiger Weise negativ besetzt", heißt es im LTHK. Stattdessen verwende man zum Beispiel Zuschreibungen wie "Neureligiöse Bewegungen", "Psychogruppen", "Kultbewegungen" oder "destruktive Kulte".

Frage: Und andersherum – was könnte die Flüchtlinge an diesen Gruppen faszinieren? Viele von ihnen sind Muslime. Gehen sie überhaupt auf die Missionsversuche ein?

Albrecht: Ich kann mir mehrere Szenarien vorstellen: Erst einmal gibt es sicherlich viele überzeugte Muslime, die Muslime bleiben wollen. Da sehe ich eher die Gefahr der Radikalisierung durch Salafisten – wenn überhaupt: Viele Flüchtlinge sind ja gerade vor radikalen Islamisten geflohen. Dann gibt es natürlich Flüchtlinge, die deshalb vom IS-Terror und zugleich vom Islam insgesamt genug haben und sich zukünftig christlich orientieren wollen. Die sind froh, wenn sie in die Kirche gehen können, ohne deshalb diskriminiert, verfolgt oder gar getötet zu werden. Und dann gibt es möglicherweise auch jene, die einsam sind und nicht merken, dass sich ihnen Mitglieder einer obskuren Gruppe nähern. Sie sind zunächst einmal froh, dass sich überhaupt jemand um sie kümmert und fühlen sich durch die vermeintliche Zugewandtheit, das sogenannte "love bombing", der Leute angenommen.

Frage: Die Missionstätigkeit dieser Gruppen wirkt oftmals offensiv. Können Sie absehen, wie erfolgreich sie sind?

Albrecht: Das ist schwer zu beurteilen. Ich kann mir vorstellen, dass sie in dem ein oder anderen Fall durchaus erfolgreich sind. Ich weiß aber auch, dass die Verantwortlichen für die Flüchtlingsheime sehr darauf geeicht sind, Menschen zu beobachten, die vorgeben, sich selbstlos um Flüchtlinge kümmern zu wollen. Die, denen es stattdessen nur um Missionierung geht, erhalten zumeist sehr schnell Zutrittsverbot. Die Zeugen Jehovas behaupten dann gern, das wäre eine ungleiche Behandlung ihrer Religionsgemeinschaft gegenüber den Kirchen.

Pfarrer Gary Lukas Albrecht, Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Essen.
Bild: © Bistum Essen

Pfarrer Gary Lukas Albrecht, Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Essen.

Frage: Was unterscheidet denn die Mission problematischer religiöser Gemeinschaften von der Flüchtlingsarbeit kirchlicher Organisationen? Missionieren diese nicht auch?

Albrecht: Man muss deutlich unterscheiden zwischen denen, denen es wirklich darum geht, Menschen zu helfen, und denen, die nur auf Seelenfang gehen. Sekten sehen in den Flüchtlingen zuerst Missionsobjekte. Die Kirchen versuchen hingegen, den notleidenden Menschen nahe zu sein und ihnen selbstlos zu helfen, wo Hilfe angebracht ist. Die Zeugen Jehovas argumentieren anders: Sie behaupten, den einzigen Weg zu Gott zu kennen. Daher fühlen sie sich gegenüber "Jehova" verpflichtet, diese rettende Botschaft den Flüchtlingen zu predigen. Die materiellen Bedürfnisse der Flüchtlinge interessieren sie kaum. Die Zeugen Jehovas unterhalten selbst keinerlei caritative Hilfswerke. Ihre Überzeugung ist, dass dafür der Staat zuständig sei und sie dafür Steuern zahlten. Eine gerechte Gesellschaft, in der alle genügend zum Leben haben, kann es nach ihrem Verständnis erst nach dem Weltuntergang "Harmagedon" geben, bei dem alle bösen Menschen vernichtet werden. Menschliche Organisationen können die heutige Not demnach sowieso nicht dauerhaft beseitigen.

Frage: Soll man die Sekten und Glaubensgruppen im Sinne der Religionsfreiheit gewähren lassen, solange sie nicht überhandnehmen?

Albrecht: Dass wir das unveräußerliche Grundrecht auf Religionsfreiheit in Deutschland haben, ist eine demokratische Errungenschaft. Jede Gruppe hat das Recht, im Rahmen der rechtsstaatlichen Ordnung für ihre Ziele zu werben. Man kann sie nicht einfach verbieten, bloß weil sie eine andere Weltanschauung haben. Erst wenn dort Dinge passieren, die mit geltendem Recht nicht vereinbar sind oder wenn jemand unter seiner Mitgliedschaft leidet und aussteigen will, dann sind wir Weltanschauungsbeauftragte gefordert. Wenn also ein Flüchtling bei einer solchen Gruppe landet und dort glücklich wird - warum nicht? Dann kann er das Recht zur Religionsfreiheit wahrnehmen, das bei uns garantiert ist und in seinem Herkunftsland möglicherweise nicht. Ich glaube aber nicht, dass die Sekten sehr erfolgreich sein werden in Bezug auf die Missionierung von Flüchtlingen.

Albrecht: Heilerszene als neue Gefahr

In Deutschland sind laut Gary Albrecht bekannte Sekten wie Zeugen Jehovas oder Psychogruppen wie Scientologen nicht mehr sonderlich erfolgreich. Was dem Weltanschauungsbeauftragen wirklich Sorgen mache, sei der diffuse Markt der sogenannten Lebenshilfe und der Heilerszene im Bereich der Esoterik: "Unter ihnen gibt es zahllose kleine und zumeist unbekannte Gruppen und Zirkel, die vor allem im Selbsterfahrungs-Milieu Erfolg haben." Einige von ihnen griffen stark in das Leben ihrer Anhängerschaft ein: "Sie verteufeln zum Beispiel die Schulmedizin, sogar bei Krebserkrankungen, oder zerstören funktionierende Partnerschaften und Ehen", berichtet Albrecht. Dies geschehe häufig deshalb, um die Anhängerschaft noch mehr an die eigene Gruppe und vor allem an den Guru oder die Heilerin zu binden. "In dem Bereich werden geschätzt jedes Jahr 20 Milliarden Euro umgesetzt", so Albrecht. Die Flüchtlinge betreffe das derzeit jedoch noch nicht.

Von Johanna Heckeley