Das flämische Rote Kreuz erregt mit einem Werbespot die Gemüter

Griff in die Schreckenskammer

Aktualisiert am 13.05.2016  –  Lesedauer: 
Bild: © YouTube
Hilfsorganisationen

Mechelen ‐ Eigentlich geht es um mehr Freiwillige im Rettungsdienst. Doch dafür greift ein Werbefilm des Roten Kreuzes in den sozialen Netzwerken tief in die Schreckenskammern der Geschichte. Prompt debattiert das Netz.

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"Diese Geschichtslektion verursacht dir eine Gänsehaut", verkündet der englische Titel. Was folgt, ist bildlich eher schnöde. Nacheinander zeigt der 53-Sekunden-Clip (siehe unten) sieben historische Kreuzsymbole und unterlegt sie zu düsteren Klängen mit Opferzahlen. Es beginnt mit dem Baskenkreuz und 1.229 Terroropfern im baskischen Unabhängigkeitskampf; 30.000 Menschen werden dem Kreuz des Malteserordens zugeschrieben, 100.000 Christen mordeten demnach die Römer im Zeichen des "Nerokreuzes", das an das "Peace"-Symbol erinnert.

Unter dem Kreuz des Kaisers Konstantin, besser bekannt als Christus-Monogramm, starben den Angaben zufolge 110.000 Unschuldige. Das preußisch-deutsche Eiserne Kreuz bringt es laut dem Video auf 16,5 Millionen Kriegsopfer und das lateinische Kreuz der Christen auf 17 Millionen Gemeuchelte. Nahtlos und mit Hitlers Stimme im Hintergrund kulminiert der Reigen des Schreckens im Hakenkreuz - "60.500.000 Menschen getötet", erklärt der Untertitel. Die erlösende Pointe liefert endlich ein Rotes Kreuz mit der Botschaft: "41.520.000 Menschen gerettet. Werde Freiwilliger."

Kritische User-Reaktionen

Zehntausende Klicks hat der Spot über Facebook, Twitter und YouTube binnen weniger Tage kassiert - und eine kleine Kontroverse über Schuld, Symbolik und Opferzahlen entfacht. "17mio. Da bin ich aber mal auf verlässliche Quellen gespannt?", meint ein User auf YouTube, dem der Ruf des Christentums offenbar am Herzen liegt. In 2.000 Jahren christlicher Geschichte komme man "locker" auf diese Menge, antwortet ihm ein anderer.

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Ein Dritter stört sich an der Summe von mehr als 60 Millionen Toten unter dem Hakenkreuz und bemerkt, da seien wohl auch sämtliche Opfer der Alliierten mit eingerechnet, zum Beispiel die verbrannten Frauen und Kinder der englischen Flächenbombardements gegen deutsche Städte. Ein Kommentar hält das Gesamtkonzept für missraten: "Echt traurig - hat das rote Kreuz nötig?" Irgendwelche "Marketing-Hanseln" hätten nun sogar die Nächstenliebe als Markt entdeckt.

"Großes Erregungspotential in Deutschland"

"Die Reaktion hat uns überrascht", sagt An Luyten, Pressesprecherin des Roten Kreuzes Flandern. Die Debatte werde jedoch nicht in Belgien geführt, sondern vor allem in Deutschland. "Da ist das Erregungspotenzial bei diesen Fragen offenbar viel größer." Der Film diene nicht als politisches oder religiöses Statement, denn auf diesen Feldern sei die Hilfsorganisation "absolut neutral", betont Luyten. "Wir wollten niemanden provozieren." Die Opferzahlen habe das Rote Kreuz sehr gewissenhaft mit der Werbeagentur besprochen. Als Quellen nennt Luyten "seriöse Seiten" im Internet wie "findthedata.com" oder die Homepages internationaler Tageszeitungen.

Ein Hang zum Grobschnitt ist nicht zu übersehen, als Luyten ins Detail geht. Dem Christentum werden neben fraglosen Schandtaten wie den Exzessen der Inquisition und der Kreuzzüge auch sämtliche Toten der deutschen Bauernkriege und des Dreißigjährigen Krieges ans Zeug geflickt. Letzterer hatte so dezidiert machtpolitische Züge, dass das katholische Frankreich mit protestantischen Mächten gegen deutsche Katholiken kämpfte. Zweifelhaft ist auch, ob alle Toten der preußisch-deutschen Kriege zwischen 1813 und 1918 dem Eisernen Kreuz, sprich der deutschen Politik, anzulasten sind. Stoff, an dem sich Historiker seit Jahrzehnten abarbeiten, eignet sich kaum für einen einminütigen Spot. Luyten verweist dagegen auf den Zweck: "Umfragen haben uns gezeigt, dass die meisten das Rote Kreuz für eine Selbstverständlichkeit halten, die quasi von selbst besteht. In Wahrheit haben wir von Jahr zu Jahr weniger junge Freiwillige." Von der Social-Media-Kampagne erhofft sie sich deshalb mehr als eine kleine Kontroverse.

Von Christoph Schmidt (KNA)