Eine Hellseherin legt Tarot-Karten
Theologe Manfred Becker-Huberti über Engel, Rituale und unstillbare Sehnsüchte

"Man kann feststellen, dass Aberglaube zugenommen hat"

Glaube - Geisterbeschwörung und christlicher Glaube - Theologe Manfred Becker-Huberti kennt beide Welten. Manchmal könnten Heiler Erfolge erzielen. Wann Aberglaube gefährlich werden kann, erklärt er im Interview.

Berlin - 05.06.2016

Frage: Wie unterscheiden sich Aberglaube und Esoterik? 

Manfred Becker-Huberti: Aberglaube bezeichnet kein feststehendes Phänomen, sondern gibt immer die Sichtweise von jemandem mit einem angeblich richtigen Glauben wieder, der den Glauben eines anderen als falsch bezeichnet. Man könnte auch sagen: Der ABER das andere glaubt. Esoterik bezieht ihren Schub von dem Geheimnisvollen. Esoteriker haben ihre Praktiken auf eine ganz spezielle Art und Weise erworben. Sitzungen werden hinter verschlossenen Türen ausgeübt, es darf nicht darüber geredet werden.

Manfred Becker-Huberti
Bild: © KNA

Manfred Becker-Huberti ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde und Honorar-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Rheinland-Pfalz.

Frage: Worauf führen Sie Aberglauben zurück?

Becker-Huberti: Es gibt die unstillbare Sehnsucht nach Harmonie, das Rückführen auf einen Punkt, an dem sich alles erklärt. Eine Sehnsucht, die über das Festhalten an traditionellen Glaubenssystemen hinausgeht. Es ist etwas Grundlegendes, das uns Menschen umtreibt: Ob es der Stein der Weisen ist oder die Weltformel in der modernen Physik. Wir sehnen uns danach, dass sich alles erklärt, dass sich alle Widersprüche auflösen und es einen Ort gibt, an dem wir uns selbst genügen.   

Frage: Wo liegen Unterschiede zwischen altem und neuem Aberglauben? 

Becker-Huberti: In der Vergangenheit waren abergläubische Rituale fest eingebaut in vorhandene Glaubenssysteme. Als Katholik konnte ich sie auf eine Art und Weise betreiben, die andere als Aberglaube bezeichnen würden. Nehmen wir nur den Segensspruch, den die Sternsinger mit weißer Kreide an die Tür anbringen, um Dämonen fernzuhalten. In der modernen Variante gibt es einen Unterschied. Die modernen Formen unterscheiden sich dahingehend, dass sie eine Eigenständigkeit entwickeln. Wenn man bestimmte Rituale kennt, kann man den Spieß umdrehen. Dann ist nicht mehr Gott der, der über mich verfügt, sondern ich bin derjenige, der Gott und seinen Mächten sagt, was sie zu tun haben. Und wer möchte das nicht? 

Frage: Die Kirchenbänke sind leer, esoterische Engelskongresse wirken wie Magnete. Engel ja, Gott nein. Wie passt das zusammen? 

Becker-Huberti: Die Bindung an institutionalisierten Glauben hat stark abgenommen, die heutige Generation unter 55 Jahren steht für eine neue Denkrichtung, die mit der alten auf Kriegsfuß steht. Ursprünglich ist die Vorstellung von Engeln zutiefst mit dem Altertum verbunden. Sie beruht auf der Idee, dass zwischen Mensch und Gott keine direkte Kommunikation möglich ist, sondern es Zwischeninstanzen bedarf. Diese Vermittler waren Engel. Das Bild vom kindlichen, geschlechtslosen Barockengel prägte lange unsere Vorstellungen. Die Interpretation dessen, was ein Engel ist, ist wandelbar. Sie kann im Laufe der Zeit verändert werden und setzt sich, nach zahlreichen Wiederholungen, in unseren Köpfen fest. Heute ist es die Esoterik, die den Begriff neu besetzt und uminterpretiert.

Linktipp: "Gegenpol zur sozialen Kälte"

Was steckt tatsächlich hinter dem Engel-Boom? Katholisch.de sprach mit Thomas Ruster, Professor für Katholische Theologie mit dem Schwerpunkt Systematische Theologie/Dogmatik, über Esoterik und Sensibilität fürs Überirdische.

Frage: In welchem Anteil stehen Heiler zu Betrügern? 

Becker-Huberti: Es gibt Heiler, die auf ihre Art und Weise Erfolge erzielen, die man sich nicht erklären kann. Dass immer nur Placebo-Effekte wirken, würde ich nicht glauben wollen. Es gibt Dinge, die ich zwischen Himmel und Erde nicht erklären kann. Es gibt in allen Bereichen Phänomene, die sich finanzieren, es gibt aber auch etliche, die keine kommerziellen Erfolge erzielen, sondern glauben, ihnen sei die Gabe geschenkt und sie seien verpflichtet, diese Gabe zugunsten der Menschen anzuwenden. Die Mehrheit neigt aber zum Profit. Und gerade hier ist große Vorsicht geboten. 

Frage: Vorsicht wovor? 

Becker-Huberti: Gefährlich werden kann Aberglaube an dem Punkt, an dem ich mein Ich aufgebe. Wo mein Geld darüber entscheidet, wie viel Heil ich bekomme. Da muss man extrem vorsichtig sein und rückwärts laufen - ein Punkt, den die meisten aber nicht bemerken, wenn sie selbst betroffen sind.

Von David Fischer (dpa)

Zur Person: Manfred Becker-Huberti

Manfred Becker-Huberti (70) ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde und Honorar-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Rheinland-Pfalz. Bis 2006 war er 16 Jahre als Pressesprecher des Erzbistums Köln tätig. Zuletzt erschien von ihm das Buch «aber.Glaube - Was hilft, wenn sonst nichts hilft» (J.P. Bachem Verlag).

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Video: © Tobias Roth

Sendung vom 20.05.2014

Umfrage ergibt: Engel sind beliebt, Heiler ernten Skepsis

Engel haben viele Fans: Etwa jeder Zweite in Deutschland glaubt an Schutzengel, Hellseher dagegen genießen weit weniger Vertrauen. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur. Knapp drei von zehn Menschen können sich vorstellen, Heiler und ähnliche Helfer aus der Esoterik-Szene um Hilfe zu bitten oder haben es bereits getan. Umgekehrt sagt fast der ganze Rest der befragten Erwachsenen (69 Prozent), für sie komme das nicht in Frage. 

Für mehr als die Häfte schließen sich Christsein und Aberglaube nicht aus

Auch bei der Fähigkeit zum Blick in die Zukunft ist die Mehrheit skeptisch: 51 Prozent denken, dass Menschen nicht hellsehen können. Gut ein Drittel sagt: Ja, solche Menschen gibt es. Für fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) müssen sich christliche und esoterische Glaubensformen nicht ausschließen. Nur gut ein Viertel vertritt die Position: Man kann nicht zugleich gläubiger Christ und Anhänger esoterischer Ideen sein. Etwa gleich viele legen sich in dieser Frage nicht auf Ja oder Nein fest.

Bei Frauen finden spirituelle Dinge deutlich mehr Zuspruch als bei Männern. So glauben 58 Prozent der Frauen, aber nur 41 Prozent der Männer an Schutzengel. Und gut vier von zehn Frauen denken, dass Menschen hellsehen können. Bei den Männern glauben das nicht mal drei von zehn (27 Prozent). Trotz des teilweisen Zuspruchs gelten Wahrsager, Astrologen und Schamanen allerdings für die wenigsten als «besonders vertrauenswürdig».

Für die Online-Studie befragte YouGov zwischen dem 30. Mai und dem 1. Juni 2016 insgesamt 2027 Frauen und Männer. (dpa)