Prälat Wilhelm Imkamp ist Direktor der bayerischen Wallfahrtskirche Maria Vesperbild.
Prälat Wilhelm Imkamp über die Bedeutung klerikaler Kleidung

"Ein Priester sollte nicht 'undercover' unterwegs sein"

Papst-Schneider Annibale Gammarelli ist am Donnerstag in Rom verstorben. Zu seinen Kunden gehörte auch Prälat Wilhelm Imkamp. Er hat eine klare Antwort auf die Frage, warum Klerikerkleidung wichtig ist.

Von Kilian Martin |  Ziemetshausen - 14.07.2016

Frage: Prälat Imkamp, waren Sie selbst Kunde bei Annibale Gammarelli?

Prälat Wilhelm Imkamp: Ja, allerdings nur für Accessoires. Also für ein Zingulum oder auch mal für ein Paar Schuhe.

Frage: Gammarelli ist wohl der bekannteste und beliebteste Laden für Klerikerbedarf in Rom. Er beliefert die Päpste, aber auch einfache Priester und Bischöfe kaufen dort ein. Wieso gehen Kleriker ausgerechnet dort hin?

Imkamp: Rund um die Basilika Santa Maria sopra Minerva gibt es etliche Geschäfte für Kirchenbedarf und auch Klerikalschneider, unter denen Gammarelli die älteste Firma ist. Die Familie Gammarelli hat ihren Laden ausgerechnet im gleichen Stadtpalast wie die Päpstliche Diplomatenakademie. So liegt es nahe, dass die angehenden Diplomaten sich dort – zu Sonderkonditionen – eindecken. Man kann auch seine Maße dort lassen und später von überall aus der Welt Kleidung nachbestellen.

Frage: Und wie wichtig ist dabei die Tradition dieses Familienunternehmens?

Imkamp: Die Firma gibt es seit knapp 220 Jahren und das ist sicher wichtig. Das Know-How ist gerade in Fragen einer protokollarisch fixierten Kleidung nicht unerheblich.

Linktipp: Der "Schneider der Päpste" ist tot

Annibale Gammarelli ist tot. Der Seniorchef des traditionsreichsten römischen Geschäfts für liturgische Gewänder starb nach italienischen Medienberichten am Dienstag im Alter von 84 Jahren in Rom.

Frage: Wie wichtig ist für Kleriker Ästhetik und Qualität der Kleidung?

Imkamp: Die Qualität sollte so sein, dass es lange hält und seinen Zweck erfüllt. Ich brauche für eine Soutane einen anderen Stoff als für ein Disko-Outfit. Dann sollte die Kleidung eine gewisse Schlichtheit und Eleganz aufweisen. Das widerspricht sich übrigens nicht; die meisten Kleidungsstücke, die schlicht sind, sind auch elegant. Dabei sollte man als Priester nie vergessen, dass das äußere Erscheinungsbild ja auch eine Hilfe ist für den Menschen, der mir begegnet. Ein Priester sollte nicht "undercover" unterwegs sein, außer in extremen Verfolgungssituationen.

Frage: Welche Zwecke soll die Kleidung noch erfüllen?

Imkamp: Selbstdisziplinierung. Wenn ich weiß, dass ich auch äußerlich für eine Sache stehe, benehme ich mich anders und rede anders. Ich nehme mich mehr an die Kandare.

Frage: Dennoch wirkt diese Kleidungsordnung auf so manchen in unserer säkularisierten Gesellschaft wie aus der Zeit gefallen. Wieso ändert sich daran so wenig?

Imkamp: Es hat erhebliche Änderungen gegeben! Im 19. Jahrhundert, unter Pius IX. gab es die große Neuordnung der klerikalen Ehrenränge und auch des äußeren Erscheinungsbildes von Bischöfen und Kardinälen. Heute noch spricht man bei der einfachen Bischofskleidung vom "abito piano" ["einfacher Habit"; Anm. d. Red.]. 1969 hat dann Paul VI. eine ganz drastische Neuordnung  vorgenommen, die nur noch drei Ehrenränge übrig ließ und auch völlig neue und vereinfachte Kleidungsregeln. Papst Franziskus hat die Regeln wieder geändert, so dass de facto nur noch Päpstliche Diplomaten die klerikalen Auszeichnungsränge erhalten können. Es ist also schon eine starke Entwicklung da.

Frage: Papst Franziskus steht für einen nüchternen, einfachen Stil. Wie verträgt sich das mit einer so aufwändigen und strengen Kleiderordnung?

Imkamp: Zuerst einmal: Diese Kleiderordnung ist nicht aufwändig. Ein Talar ist in der Regel billiger als ein Anzug und ein Kollarhemd kostet längst nicht so viel wie ein ziviles Markenhemd, zu dem Sie ja dann noch eine Krawatte brauchen. Und zum Papst: Franziskus ist Ordensmann. Er ist Jesuit auch in seinem ganzen ästhetischen Stil. Das bedeutet, dass er selbst sehr einfach lebt und auch wohl kein ausgeprägtes Verhältnis zu traditionellen Distinktionen hat. Das bedeutet aber nicht, dass er seinen persönlichen ästhetischen Geschmack anderen verpflichtend aufdrängt. Die "heilige Indifferenz" ist halt typisch jesuitisch.

Frage: Ist es also legitim, dass es unter Klerikern unterschiedliche Ausdrucksformen auch im Kleidungsstil gibt?

Imkamp: Ja natürlich! Die katholische Kirche steht für Pluralismus, für ein buntes, vielfältiges Outfit. Das schlägt sich auch nieder im wohlgeordneten Pluralismus der klerikalen Kleidung. Im Gegensatz dazu gibt es geradezu einen Wildwuchs in anderen religiösen Gemeinschaften, wo kunterbunte Stolen oder Phantasiegewänder auftauchen. Gerade in anderen christlichen Konfessionen gibt es beinahe eine Entwicklung hin zum klerikalen Wolpertinger. Das gibt es bei uns nicht und das ist auch ein Verdienst dieser relativ einfachen Ordnung.

Frage: Ist in diesem katholischen Pluralismus dann auch Platz für Priester in Jeans und T-Shirt?

Imkamp: Ich will deutlich sagen, dass die Priester in Jeans und T-Shirt ja eine viel größere Gruppe darstellen als jene, die korrekt nach dem Kirchenrecht gekleidet sind. Man muss als Priester in Priesterkleidung schon fast dankbar sein, wenn einem korrekt gekleideten Kaplan krawattierte klerikale Funktionäre aus Verbänden und Ordinariaten ihre Krawatten nicht um die Ohren schlagen. Neupriester sollten wissen, in Deutschland ist Priesterkleidung nicht karrierefördernd.

Zur Person

Prälat Wilhelm Imkamp ist Wallfahrtsdirektor an der Kirche Maria Vesperbild in der bayerischen Diözese Augsburg. Er dient unter anderem als Berater in verschiedenen vatikanischen Behörden. Daneben ist er als Autor tätig. Im Jahr 2012 verlieh ihm Papst Benedikt XVI. den Ehrentitel eines Apostolischen Protonotars.

Von Kilian Martin