Bauten von Le Corbusier ins Weltkulturerbe aufgenommen

Kompromissloser Vordenker

Aktualisiert am 19.07.2016  –  Lesedauer: 
Architektur

Roquebrune-Cap Martin ‐ Die Bauten des französischen Architekten Le Corbusier sollten funktional sein. Seine wenigen Kirchen sind jedoch spektakulär. Nun sind die Bauten Le Corbusiers ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen worden.

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Wenig zimperlich schlug er in den 1920er Jahren den Abriss des gesamten Pariser Stadtzentrums rechts der Seine vor. Die Bevölkerung sollte in gigantische Wohntürme umziehen und Teil einer verkehrsgerechten, wirtschaftlich effizienten Metropole werden. Mit solchen Entwürfen wurde Le Corbusier nicht nur zu einem genialen Vordenker der Betonarchitektur des 20. Jahrhunderts. Seine Radikalität steht Kritikern auch für ein wenig humanes Rasterdenken, das die Bedürfnisse des einzelnen Menschen am Ende außer Acht lässt.

Als Charles Edouard Jeanneret-Gris kam Le Corbusier am 6. Oktober 1887 in der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds im Schweizer Jura zur Welt. Sein Vater war Uhrenziseleur, seine Mutter Musikerin. Sie übte bis zu ihrem Tod im Alter von 100 Jahren einen besonderen Einfluss auf den Sohn aus. Zunächst schien der Junge beruflich in die Fußstapfen des Vaters zu treten, doch schließlich brachten ihn seine Studien zunächst zur Malerei und am Ende zur Architektur. In den 1920er Jahren, in denen er auch seinen Künstlernamen und die Hornbrille und Fliege als Markenzeichen annahm, entwickelte er seine immer konsequenteren Architekturadaptionen an eine technisierte Welt.

Viele Bauten in Städten, wenige Kirchen

Neben diversen Privatvillen konzipierte Le Corbusier Stapelhäuser für den modernen Menschen: Serienbauten mit genormten Einzelteilen, die alle Funktionen einer Stadt unter einem Dach vereinigten. Zu seinen bekanntesten Werken gehören ein mondänes Doppelhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927), der "Pavillon der neuen Zeit" für die Pariser Weltausstellung (1937), die sogenannte Unite d'Habitation in Marseille (1945-1950) und vier weiteren Städten, die Modernisierung der kolumbianischen Hauptstadt Bogota (1950) sowie Bauten im südindischen Chandigarh, wo er eine ganze Provinzhauptstadt ("City Beautiful") in der Art Brasilias schuf.

Bild: ©KNA

Büste von Le Corbusier, geboren als Charles Edouard Jeanneret-Gris, am Cap Martin an der Cote d'Azur. Hier ertrank der Architekt am 27. August 1965 im Meer.

Spektakulär sind auch Le Corbusiers wenige Kirchenbauten. Am bekanntesten die Kapelle Notre Dame du Haut im ostfranzösischen Ronchamp (1952-1955). Der geschwungene Betonbau mit dem Pilzdach - das tatsächlich einem am Strand gefundenen Krebspanzer nachempfunden ist - wurde schnell zu einer Ikone des Kirchenbaus der Nachkriegszeit (siehe Bild). Bei Corbusier-Puristen stieß der vorübergehende Verlust der Linientreue dagegen auf Enttäuschung. Anders das kubische Dominikanerkloster "La Tourette" in Eveux bei Lyon (1956-1960), das den "reinen" Le Corbusier wiedergibt und ebenfalls bis heute Pilgerstätte für Architekten ist (siehe Video).

Sich selbst auch bei seinem Grab treu

Le Corbusiers wichtigstes Motiv zum Bauen war freilich weniger Spiritualität als Funktionalität. Andere Architekten seiner Zeit, die wie er kühne neue Umgebungen für den "modernen Menschen" konzipierten, waren eher sozialistischen Geisteshaltungen zuzuordnen, so etwa der Brasilianer Oscar Niemeyer (1907-2012). Für Le Corbusier haben jüngere Briefeditionen und historische Forschungen dagegen deutliche Sympathien für rechtes Gedankengut zutage gebracht.

In der Tat ist das Innere von Le Corbusiers "Cite radieuse" in Marseille so faszinierend wie verstörend: ein Koloss, eine "Wohnmaschine", uniform und entseelt. Man kann darin den Willen erkennen, vielen Menschen zugleich einen möglichst großen Wohnkomfort zu ermöglichen. Vertraute aus Vichy-Zeiten sahen darin allerdings auch eine "Umsetzung des faschistischen Programms".

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Le Corbusier errichtete rund 80 Gebäude und entwarf 200 weitere. Patentieren ließ er sich sein "Modulor", ein Baukastenprinzip für architektonische Proportionen auf der Grundlage eines 1,83 Meter großen Mannes. Nach diesem Prinzip entwarf er unter anderem - in 45 Minuten nach eigenen Angaben - seine Hütte ("cabanon") in Roquebrune-Cap Martin an der Cote d'Azur, die ihm in den letzten Lebensjahren als seine Minimalbehausung diente: 3,66 mal 3,66 Meter, karg wie eine Mönchszelle eingerichtet.

 Am 27. August 1965 fand man Le Corbusiers Leiche unterhalb seiner Hütte im Wasser. Wahrscheinlich erlitt der 78-Jährige beim Baden einen Herzinfarkt. Er wurde auf dem Friedhof von Roquebrune hoch über Cap Martin beigesetzt. Mit dem schlichten Betongrab, das er sich selbst entwarf, blieb er sich auch im Tod treu.

Von Alexander Brüggemann (KNA)