Auf dem Weg zum gemeinsamen Nenner

Der zweite Zwischenbericht der deutschen Sprachgruppe war der theologisch stärkste Text aus der Synodenaula. Kein Wunder: Denn hier sind herausragende Theologen versammelt - wenn sie auch mitunter sehr gegensätzliche Meinungen vertreten. Eine Analyse.

Familiensynode | Bonn - 14.10.2015

Mit Spannung hatten Beobachter erwartet, wie sich die Debatte in der deutschen Sprachgruppe der Familiensynode entwickeln würde. Schließlich versammelt der Zirkel nicht nur Vertreter mit starken, teilweise gegensätzlichen Meinungen, sondern auch herausragende Theologen.

Der am Mittwoch vorgestellte zweite Zwischenbericht zeigt nun: Die Spannung war berechtigt. Der theologisch fundierte Text aus der Feder des Berliner Erzbischofs Heiner Koch stellt jedoch die angeblich unversöhnlichen Positionen nicht etwa gegenüber, sondern vereint sie auf durchdachte Weise.

Lob vom englischen Kardinal Nichols

Der englische Kardinal Vincent Nichols lobte den Text des "Circulus Germanicus" bei der Pressekonferenz im Vatikan am Mittwoch als den theologisch-wissenschaftlich stärksten der insgesamt 13 Zwischenberichte. Dabei habe die Gruppe bei der Verabschiedung sogar Einstimmigkeit erzielt. Angesichts ihrer Zusammensetzung ist dies eine durchaus beachtliche Nachricht: In der deutschen Sprachgruppe diskutieren unter anderem die Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Walter Kasper. Deren Positionen insbesondere zur Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene galten noch vor Beginn der Synode als schlechterdings unversöhnlich.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist Präfekt der Glaubenskongregation.
 KNA

So beginnt der Bericht dann auch an diesem Punkt: "Ausführlich haben wir die immer wieder als Gegensatz aufgefassten Begriffe Barmherzigkeit und Wahrheit, Gnade und Gerechtigkeit und ihre theologische Beziehung zueinander diskutiert", erklärte Koch der Synode. All diese angeblichen Gegensätze würden letztlich im Herrn selbst aufgehoben, "weil Gott Liebe ist", schlussfolgerten die Bischöfe. Man mag sich in diesen Worten an einen anderen großen, deutschen Theologen erinnert fühlen, der derzeit im Vatikan weilt: Papst Benedikt XVI. hatte zwei seiner drei Enzykliken der Liebe Gottes und ihrem Verhältnis etwa zur Wahrheit gewidmet.

Ausgehend von dieser eher fundamentaltheologischen Einmütigkeit sind die deutschsprachigen Bischöfe in ihrer zweiten Beratungsrunde anscheinend auch in ganz handfesten Fragen einem gemeinsamen Nenner ein Stück näher gekommen, wie das Schriftstück nahelegt. So schließe die umfassende göttliche Liebe für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen "eine einseitig deduktive Hermeneutik aus, welche konkrete Situationen unter ein allgemeines Prinzip subsumiert". Oder einfacher ausgedrückt: Wenn in Gott, der die Liebe ist, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammenfielen, könne in der Seelsorge mit wiederverheirateten Geschiedenen nicht eines der beiden Prinzipien als einzig gültig überbetont werden.

Bezug auf Thomas von Aquin

Auf den Einzelfall komme es an, sagen die Bischöfe. Die Grundprinzipien müssten "mit Klugheit und Weisheit auf die jeweilige, oft komplexe Situation" angewandt werden. Diesen Gedanken hatte bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert formuliert. Danach könne ein allgemeines Gesetz manchmal nicht ausreichen, einen Einzelfall angemessen abzudecken. Dass diese "Epikie" genannte Idee nun ausgerechnet im Zwischenbericht der deutschen Sprachgruppe auftaucht, ist überraschend. Denn unter den Diskutanten finden sich nicht nur Befürworter, sondern auch mindestens ein erklärter Gegner.

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Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hatte in seiner Rede vor dem Synodenplenum am vergangenen Samstag ein entsprechendes Zitat von Thomas von Aquin eingebaut. Noch prominenter hatte Kardinal Kasper bereits im vergangenen Jahr vorgeschlagen, dass "die Kirche (in diesem Sinne) in menschlich schwierigen Situationen barmherzig von der Vollmacht zu binden und zu lösen Gebrauch machen" könne. Widerspruch erhielt er dafür ausgerechnet von seinem derzeitigen Mitdiskutanten Kardinal Müller. Der urteilte, dass diese Lehre im Umgang mit widerverheirateten Geschiedenen "nicht angewandt werden" könne, da die Kirche nicht über das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe verfügen könne.

Sicherlich bedeutet all dies nicht, dass der Chef der Glaubenskongregation am Ende doch noch der Linie Kaspers folgt. Dafür sind die einschlägigen Abschnitte des Berichts nicht eindeutig genug, zumal sie zudem letztlich nur die Debatte innerhalb der Sprachgruppe wiedergeben. Wenn man aber der Aussage von Kardinal Nichols vom Mittwoch Glauben schenken kann, hat die deutsche Gruppe über diese Fragen in großer Einmütigkeit diskutiert. Und dieses Bild bestätigt der Bericht: Das ist kein theologischer Flügelkampf, sondern der Versuch, gemeinsam Lösungen für komplexe Probleme zu finden.

Kardinal Walter Kasper
Kardinal Walter Kasper im Rom
 picture alliance/ROPI

Noch an zwei weiteren Stellen des Zwischenberichts wird dies deutlich. Die Pastoral für Menschen, deren eheliches Leben nicht den Grundsätzen der Kirche entspricht, müsse die "Normativität der Lehre und die Personalität des Menschen in gleicher Weise" einbeziehen. Das entspricht einer Überzeugung, die schon in den Monaten vor der Synode von allen vermeintlichen Lagern immer wieder beteuert wurde: Die Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene mag dornenreich sein, weil eine volle Versöhnung nun einmal nicht ohne Weiteres möglich ist. Aber das entbinde die Kirche nicht von ihrer Pflicht, sich auch dieser Menschen liebevoll anzunehmen.

Am Ende des Berichts findet sich dann dieser Satz: "Es sollte jeder Eindruck vermieden werden, dass die Heilige Schrift nur als Zitationsquelle für dogmatische, juristische oder ethische Überzeugungen gebraucht wird". Auch in dieser Frage herrscht zwischen Kasper und Müller schon lange Einigkeit. Stets hatten sie darauf verwiesen, dass das diskutierte Problem zu komplex sei, um es mit zusammenhangslosen Bibelzitaten zu lösen. Fundierte Theologie ist schließlich mehr als die bloße Aneinanderreihung passender Schriftworte. Vielmehr lässt sie Gegenstimmen zu Wort kommen und versucht, einen gemeinsamen Weg zu finden. Die deutsche Sprachgruppe scheint es gerade vorzumachen.

Von Kilian Martin

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