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Kein Ort für Katechese

Mit seiner Kritik am Religionsunterricht hat Kurienerzbischof Georg Gänswein eine Debatte ausgelöst. Aber lernen die Schüler im Unterricht tatsächlich zu wenig über ihren eigenen Glauben? Experten sind in dieser Frage unterschiedlicher Meinung.

Schule | Bonn - 04.04.2016

Mit seiner Kritik am Religionsunterricht in Deutschland hat Kurienerzbischof Georg Gänswein eine Debatte ausgelöst. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Frage, was Jugendliche am Ende ihrer Schullaufbahn über das Christentum - oder besser: über den Katholizismus - gelernt haben müssten. Die Antworten darauf fallen jedoch ebenso unterschiedlich aus, wie das Wissen darüber, was tatsächlich im Unterricht gelehrt wird.

Gänswein hatte vor gut zwei Wochen im Interview mit der Deutschen Welle bemängelt, junge Leute wüssten nach der Schule "fast gar nichts" von ihrer Religion. Einige Tage später reagierten die Arbeitsgemeinschaft Katholische Religionspädagogik (AKRK) und der Deutsche Katecheten Verein (DKV) in einer gemeinsamen Stellungnahme auf den Vorwurf: Ja, es gebe ein mangelndes Glaubenszeugnis. Und ja, es existierten auch "Leerstellen" in der Glaubensverkündigung. Gewehrt haben sich die Verbände jedoch gegen die Schlussfolgerung, dass das Schulfach Religion dafür verantwortlich sei. "Die Hinführung zur Teilnahme am kirchlichen Leben ist nicht primär Aufgabe des Religionsunterrichts", hieß es in ihrer Mitteilung.

Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht von "einer völligen Fehleinschätzung der Situation" durch Gänswein. In Abiturklausuren, aber auch schon vorher im Unterricht würden sich Schüler mit hochtheologischen Themen wie etwa der Eschatologie auseinandersetzen. "Das ähnelt schon kleinen Seminararbeiten an der Universität", sagt Biesinger katholisch.de. Wissen werde im Religionsunterricht demnach genug vermittelt. Die Bildungspläne seien voll von Theologie. Das angeeignete Wissen verfalle jedoch wieder, weil der Praxisbezug in den Kirchengemeinden fehle. "Ich selbst habe in Biologie einmal gelernt, wie eine Niere funktioniert, es aber wieder vergessen, weil ich es nie anwenden musste", so der Theologe.

Bildungsplan sieht jede Menge religiöse Inhalte vor

Ein Blick etwa in den Bildungsplan Nordrhein-Westfalens bestätigt Biesingers Aussage zunächst. Denn zumindest auf dem Papier sind jede Menge religiöse Inhalte vorgesehen. Schon in der Grundschule tragen die Einheiten Titel wie "Das Wort Gottes und das Heilshandeln Jesu Christi in den biblischen Überlieferungen". Konkret geht es um die Auseinandersetzung mit der Bibel, um die Schöpfungsberichte, den Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Kindheitsgeschichte Jesu und die Wundererzählungen.

In den weiterführenden Schulen sieht das nicht anders aus. Für die Sekundarstufe I an Gymnasien sind Themenkomplexe mit den Namen "Bibel als 'Ur-kunde' des Glaubens an Gott" oder "Jesus der Christus" vorgesehen. In der Oberstufe geht es um den Mensch in christlicher Perspektive oder "die christliche Hoffnung auf Vollendung". Der häufig polemische Vorwurf, die Schüler würden im Unterricht mehr über den Buddhismus lernen als über das Christentum, lässt sich bei einem Blick in die Lehrpläne nicht belegen. Lediglich eines von sechs großen Themenfeldern in der Sekundarstufe I trägt den Namen "Weltreligionen und andere Wege der Sinn- und Heilssuche".

Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger spricht nach Gänsweins Aussagen von "einer völligen Fehleinschätzung der Situation".
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Dennoch ist Kurienerzbischof Gänswein nicht der erste kirchliche Würdenträger, der den Religionsunterricht kritisierte. Bereits 2010 hatte Papst Benedikt XVI. (2005-2013) persönlich im Interviewbuch "Licht der Welt" beklagt: "In Deutschland hat jedes Kind neun bis dreizehn Jahre Religionsunterricht. Wieso dann gar so wenig hängen bleibt, um es mal so auszudrücken, ist unbegreiflich." Die Bischöfe müssten ernsthaft darüber nachdenken, "wie der Katechese (Glaubensunterweisung, Anm. d. Red.) ein neues Herz, ein neues Gesicht gegeben werden kann".

Für den Bochumer Religionspädagogen Bernhard Grümme ist der Vorwurf erst einmal nicht aus der Luft gegriffen. Neuere Forschungen zum Religionsunterricht belegten, dass Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn tatsächlich zu wenig über das Fach wüssten. Allerdings macht Grümme nicht die fehlenden Lehrinhalte dafür verantwortlich, sondern die didaktischen Konzepte, über die auch die Religionspädagogen stritten.

Paradigmenwechsel im Bildungssystem als Ursache?

Zur Diskussion steht beispielsweise der vom Bundesbildungsministerium angestoßene Paradigmenwechsel von der "Input-Orientierung" der alten Lehrpläne zur neuen "Output-Orientierung". Das Ergebnis ist der sogenannte kompetenzorientierte Unterricht, der mittlerweile deutschlandweit in Schulen Einzug erhalten hat. Die vermittelten Inhalte sind in diesem Konzept eher Mittel zum Zweck, um weitere Fähigkeiten zu erwerben. Zum "Wissen" kommen Aspekte wie Verstehen, Können, Handeln, Erfahrung und Motivation hinzu. Pädagogen sprechen in Bezug auf den Religionsunterricht von Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenz.

Grümme steht der Kompetenzorientierung mit einer gewissen Skepsis gegenüber. Zwar wünsche er sich keinen "Bildungskanon" zurück, der alle zu behandelnden Inhalte vorgebe. Allerdings würden durch die neuen, stark vom Konstruktivismus geprägten Methoden teilweise wichtige Unterrichtsinhalte relativiert. "Wenn Schüler 30 Minuten Zeit bekommen, um etwas herauszufinden, das der Lehrer durch einen kleinen Impuls in zwei bis drei Minuten vorgeben kann, dann geht das natürlich auf Kosten eines Wissenszuwachses", erklärt Grümme. Der Theologe beklagt zudem, dass die Kompetenzorientierung das Gefälle hin zu einer Ökonomisierung von Bildung weiter verstärke.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (l.) und sein Privatsekretär, Kurienerzbischof Georg Gänswein.
Papst Benedikt XVI. (l.) und Kurienerzbischof Georg Gänswein haben beide Kritik am Religionsunterrücht in Deutschland geübt.
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Während der Bochumer Religionspädagoge die Kritik Gänsweins und Benedikts inhaltlich nachvollziehen kann, beurteilt er die Motivation dahinter anders. Während sich die beiden nämlich die "Rekatechisierung" des Religionsunterrichts wünschten, gehe es ihm und anderen Forschern darum, das Bildungspotenzial noch weiter auszuschöpfen. "Wenn wir von religiöser Bildung sprechen, meinen wir nicht Katechese, sondern Mündigkeit und Urteilsfähigkeit in Bezug auf den Glauben", sagt Grümme. Auch dazu brauche es natürlich Wissensbestände. Aber eine "Rekatechisierung" würde die Legitimation des Fachs Religion grundsätzlich infrage stellen, weil sie dessen Beitrag zum Bildungsauftrag der Schule schwäche. "Und auch die Katechese selbst verwahrt sich gegen diese Vermischung."

Die deutschen Bischöfe hatten bereits während der Würzburger Synode (1971-1975) festgestellt, dass die "vorsichtige Unterscheidung" von schulischem Religionsunterricht und Katechese von "besonderer pastoraler Tragweite" sei. Das Schulfach solle zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen. Es werde "als schulisches Unternehmen für alle bejaht, seine pastoralen Möglichkeiten und Grenzen aber werden realistischer gesehen". Der Unterricht müsse deshalb "durch die verschiedenen katechetischen Bemühungen der Gemeinde ergänzt und weitergeführt werden".

"Ein Ritt auf des Messers Schneide"

Doch wie soll das funktionieren, wenn immer weniger junge Menschen eine Anbindung an die Kirchengemeinde haben? Grümme bestätigt, dass der Religionsunterricht durch den "gesellschaftlichen Wandel vor ganz neuen Herausforderungen stehe. Ursprünglich hätten Schüler außerhalb der Schule religiöse Erfahrungen gemacht, die als Grundlage für den Unterricht dienten. Weil das nicht mehr der Fall ist, versuche man nun etwa mit der sogenannten performativen Religionsdidaktik, Religion im Unterricht selbst erlebbar und erfahrbar zu machen. Das sei laut Grümme aber "ein Ritt auf des Messers Schneide".

Als Beispiel nennt er den Umgang mit Gebeten wie dem "Vaterunser". Weil es ein zentrales Element des christlichen Glaubens sei, gehöre es durchaus in den Religionsunterricht, so Grümme. Auch könne man den Inhalt des Gebets mit persönlichen Erfahrungen der Schüler verknüpfen. Sobald man das "Vaterunser" aber im Unterricht so einfordere, "dass es auswendig gelernt und persönlich, aus dem Glauben heraus gesprochen wird, dann wurde das eigentliche Ziel verfehlt".

Bernhard Grümme studierte römisch-katholische Theologie, Geschichte, Erziehungswissenschaft und Philosophie an der Universität Münster. Seit 2013 ist er Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Ruhr-Universität Bochum.
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Werner Reutter, Geschäftsführer des Verbands Katholischer Religionslehrer und Gemeindereferenten (VKRG), sieht den konfessionellen Religionsunterricht noch vor einigen anderen Problemen - zum Beispiel vor einem organisatorischen. "Wir haben mittlerweile katholische, evangelische und orthodoxe Christen, Muslime und Schüler, die am Ethikunterricht teilnehmen wollen", sagt er. Einen vernünftigen Stundenplan zu erstellen, sei deshalb an Schulen kaum noch möglich.

Darüber hinaus gebe es ein gesellschaftliches Problem. Der Glaube werde von Eltern häufig nicht mehr mitgetragen, erklärt Reutter. In der Folge sei das Interesse daran, dass ihr Kind im Fach Religion etwas lernt, natürlich deutlich geringer als zum Beispiel im Matheunterricht. Und letztlich gebe es auch ein Problem mit dem deutschen Bildungssystem. Statt eines ganzheitlichen Bildungsangebots zu machen, werde der Unterricht nur noch auf einen reinen Nutzen für die Wirtschaft hin ausgerichtet. "Auch deshalb steigt der Druck auf die Schüler und irgendwann sind sie bildungssatt."

Die Schulpastoral als möglicher Anknüpfungspunkt

Wie eine bessere religiöse Bildung gestaltet werden könnte? Eine schwierige Frage, meint Reutter. Neben dem Unterricht sei die Schulpastoral eine gute Gelegenheit, um mit den Jugendlichen, die daran Interesse haben, ins Gespräch zu kommen. Dabei könne es durchaus auch um religiöse Themen gehen. Gerade in der sich verändernden Schullandschaft, in der Ganztagsschulen eine große Rolle spielten, sei das ein wichtiger Faktor. Auch eine bessere Verzahnung mit den Kirchengemeinden vor Ort wäre wünschenswert. "Aber wie, wenn die Seelsorgeeinheiten zurzeit immer größer werden?", fragt Reutter.

Der Bochumer Religionspädagoge Grümme sieht die Möglichkeit der Verzahnung zum Beispiel durch außerschulische Projekte. "Aktuell wäre die Flüchtlingshilfe sicher eine Option, bei der Schulen und Kirchengemeinden zusammenarbeiten könnten, um Gelerntes durch Erfahrungen zu konkretisieren." Dabei gehe es schließlich um Ethik und um christliche Nächstenliebe. "Das sind zentrale Elemente, über die man dann auch tiefer in einen konstruktiven Dialog über den Glauben einsteigen kann."

Von Björn Odendahl

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