Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 durch den türkischen Terroristen Mehmet Ali Agca. Der Papst sinkt nach den Schüssen im Papamobil zusammen.
Papst-Attentäter bezeichnet Khomeini als Auftraggeber

Ali Agcas 134. Wahrheit

Insgesamt 133 verschiedene "Wahrheiten" - so rechneten Prozessbeobachter nach - hat Papst-Attentäter Ali Agca über seinen Mordversuch an Johannes Paul II. und seine Hintermänner verbreitet. Mal nannte er kommunistische Geheimdienste, mal die Mafia, mal zog er die Islamisten-Karte, gab den fanatischen Einzeltäter und bezeichnete sich schließlich als "Jesus Christus".

Rom - 04.02.2013

Nur die Fakten und Hintergründe des 13. Mai 1981, an dem Ali Agca Papst Johannes Paul II. mit drei Schüssen lebensgefährlich verletzte, blieben im Dunkeln.

Neue "Wahrheit" in Agcas Autobiografie

Jetzt hat der inzwischen in Freiheit lebende Agca seine mit Spannung erwartete Autobiografie veröffentlicht - und dabei eine neue, noch spektakulärere "Wahrheit" verkündet: Der Mordauftrag gegen das katholische Kirchenoberhaupt sei von niemand anderem als dem iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini persönlich gekommen. "Sie hatten mir das Paradies versprochen", heißt das am Freitag in Italien erschienene Buch des heute 55-jährigen Türken.

"Mein Leben und die Wahrheit über das Attentat auf den Papst", lautet der Untertitel des 190-Seiten Bändchens, das im Verlag "Chiarelettere" (Klartext) erschien. In dem gleichen Verlag, in dem auch der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi seine vatikanischen Geheimdokumente veröffentlichte.

Wölfe, Hitler und Khomeini

In einer romanhaft-romantisierenden Darstellung schildert Agca seine arme Kindheit und Jugend, dann den Kontakt zu den rechtsextremen "Grauen Wölfen", die Indoktrination durch Koran und Hitlers "Mein Kampf", seinen Weg zum Islamismus und den Mord an einem türkischen Journalisten. Agca beschreibt, wie sein Hass auf Christen und Juden, auf den Westen und Amerika wuchs.

Dann aber berichtet er ausführlich über seinen Besuch in Teheran und ein Treffen mit Khomeini am 13. Mai 1980. "Mehmet Ali, du musst den Papst im Namen Allahs töten", habe dieser ihm gesagt, schreibt Agca.

"Du musst den Sprecher des Teufels auf Erden töten, der Vikar Satans auf dieser Welt. (...) Johannes Paul II. soll durch deine Hand tot sein". Dieser Tod werde auf einmal alle Straßen zur Rückkehr des Mahdi in die Welt öffnen. "Das Blutvergießen wird das Vorspiel zum Sieg des Islam über die ganze Welt sein. Dein Martyrium wird durch das Paradies, durch ewige Ruhm im Reich Allahs belohnt."

Papst Johannes Paul II. besucht am 27. Dezemeber 1983 den Türken Mehmet Ali Agca im Gefängnis in Rom.
Bild: © KNA

Papst Johannes Paul II. besucht am 27. Dezemeber 1983 den Türken Mehmet Ali Agca im Gefängnis in Rom. Ali Agca verübte das Attentat auf Johannes Paul II. am 13. Mai 1981.

Diese Worte habe er beim Prozess in Italien für sich bewahrt, bei dem er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, dann aber nach 17 Jahren in die Türkei abgeschoben wurde. Nur einem einzigen Menschen habe er das Geheimnis anvertraut: dem Papst selbst, als dieser ihn am 27. Dezember 1983 im Gefängnis Rebibbia besuchte. Und auch Johannes Paul II. habe bis zu seinem Tod das Geheimnis bewahrt.

Papstsekretär Dziwisz kennt andere Version

Allerdings stimmt Agcas Version nicht mit dem überein, was der Papstsekretär und heutige Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz in Erinnerung hat, der damals in Rebibbia mit im Raum war. Dieser erinnerte sich in seinem eigenen Memoiren-Buch von 2007 sehr detailliert an diese Begegnung: Dass Agca sich keinesfalls entschuldigt, sondern nach einer Erklärung gesucht habe, warum er als Killer versagte. "Warum sind Sie nicht tot?", habe er gefragt und sich nach der offenbar sehr mächtigen "Göttin von Fatima" erkundigt, die ihn "außer Gefecht gesetzt" habe. Von Khomeini oder anderen Auftraggebern kein Wort.

Vatikansprecher Federico Lombardi hat Dziwisz in dieser Sache kontaktiert. Er selbst habe in Agcas Enthüllungen nichts substanziell Neues, viel Bekanntes und auch viel Falsches gefunden, betonte Lombardi jetzt in einer Note. Ob man Agca, der bei seinem Prozess ständig neue falsche Spuren legte und Verwirrung stiftete, diesmal glauben dürfe? "Ich meine nicht", so Lombardi. Praktisch alles, was er aus seiner Kompetenz heraus verifizieren konnte, sei falsch.

Weiter wahrscheinlich sind kommunistische Auftraggeber

Und damit schwindet eine weitere Chance, dass doch noch Licht ins Dunkel des Papstattentats kommt. So spricht weiter manches dafür, dass Agcas Auftraggeber aus dem Zentrum des kommunistischen Ostens kamen. Weil man in Moskau, Warschau, Sofia und Ostberlin im polnischen Papst eine ernste Gefahr für das ganze System sah. Agca hat seinen 133 Wahrheiten offenbar die 134. hinzugefügt.

Von Johannes Schidelko (KNA)