Als die Muttergottes vor den roten Horden floh
Vor 100 Jahren kam das Altöttinger Gnadenbild in den Passauer Dom

Als die Muttergottes vor den roten Horden floh

Im Frühjahr 1919 bekam der Passauer Dom hohen Besuch: das weltberühmte Altöttinger Gnadenbild. Doch dessen Aufenthalt war weder geplant noch gab es einen feierlichen Anlass dafür: Wegen der politischen Unruhen zu dieser Zeit hatte es aus Altötting "fliehen" müssen.

Von Matthias Altmann |  Passau/Altötting - 10.05.2019

Schon seit Tagen war ganz Passau in Aufruhr: Das Gnadenbild von Altötting, seit Jahrhunderten Ziel tausender Wallfahrer, ist zu Besuch in der Bischofsstadt! Als es am 10. Mai 1919 vom Kloster Niedernburg in den Dom überführt wurde, schlossen sich Tausende Gläubige dem Zug an, ebenso viele säumten den Weg entlang der Straßen. "Unter dem Jubel der gläubigen Volksmenge, getragen vom Bischof, begleitet vom Domkapitel und dem Klerus der Stadt hielt die 'Königin des Friedens' ihren Einzug in den Dom" – so beschreibt es der Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich. Doch der Grund für den Aufenthalt des Altöttinger Gnadenbilds in Passau waren nicht etwa diözesane Feierlichkeiten. Ganz im Gegenteil: Die Muttergottes war auf der Flucht vor den "Roten".

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 geriet Bayern politisch in unruhige Fahrwasser: König Ludwig III. musste abdanken, an die Stelle der Monarchie trat ein republikanischer Freistaat. Radikal linken Kräften ging das nicht weit genug: Sie riefen am 7. April 1919 die "Bairische Räterepublik" aus, in der bald die Kommunisten die Macht übernahmen. Daraufhin kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen: Kommunistische "Spartakisten" kämpften gegen eine Koalition aus Vertretern des parlamentarischen Systems, antidemokratisch gesinnten Freikorps und nationalkonservativ geprägten Militärs.

Angst vor Kirchenplünderung

In Altötting ging die Angst um, dass es die Spartakisten auf das Bildnis der Schwarzen Madonna abgesehen haben und dazu aus dem nicht allzu weit entfernten München anrücken könnten. Die Altöttinger Gnadenkapelle, die die Statue der Maria mit dem Jesuskind beherbergt, hat eine enge Verbindung zur bayerischen Monarchie: Dort werden die Urnen mit den Herzen mehrerer bayerischer Herrscher aus dem Hause Wittelsbach sichtbar aufbewahrt, darunter auch die mit den Herzen der bayerischen Könige des 19. Jahrhunderts.

Bild: © KNA

Die Schwarze Madonna, das Gnadenbild der Muttergottes. Charakteristisch sind die Kronen der Figuren.

In einem Gasthaus tagte am 24. April eine Gruppe besorgter Altöttinger um Bürgermeister Ferdinand Altmann. In der Stadt hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass die Spartakisten im Laufe dieses Tages eintreffen und versuchen könnten, die Gnadenkapelle zu plündern. Als neue Kunde die Stadt erreichte, die die Gerüchte zu bestätigen schien, wurde eilig beschlossen, das Gnadenbild in Sicherheit zu bringen.

Die möglicherweise in Burgund oder am Oberrhein entstandene frühgotische Lindenholzstatue einer stehenden Muttergottes mit dem Jesuskind kam vermutlich im 14. Jahrhundert nach Altötting. Die Wallfahrt geht auf ein Wunder zurück, das sich 1489 zugertragen haben soll: Ein dreijähriger Junge war in einen Bach gefallen und von der Strömung mitgetragen worden. Nach seiner Bergung wurde er für tot erklärt. Die verzweifelte Mutter brachte das leblose Kind in die Kapelle und legte es auf den Altar. Dort begann sie mit anderen Gläubigen, für die Rettung ihres Kindes zu beten. Nach kurzer Zeit kehrte das Leben in den Körper des Jungen zurück.

Eine Nacht- und Nebelaktion

Nachdem die Männer um Bürgermeister Altmann mit ihren Ratschluss bei Stadtpfarrer Franz Xaver Konrad vorstellig geworden waren, sah auch dieser die Notwenigkeit des Handelns. In einer Nacht- und Nebelaktion holte er mit Hilfe einiger Eingeweihter das Gnadenbild höchstpersönlich aus der Kapelle und brachte es unter seinem Mantel aus der vermeintlichen Gefahrenzone. In einer abenteuerlichen Reise, die der Priester teilweise zu Fuß, teilweise mit einem Fuhrwerk zurücklegte, gelangte das Gnadenbild schließlich nach zwei Tagen und einigen Zwischenstationen in Pfarrhäusern nach Passau, wo es zunächst im Kloster Niedernburg bei den Englischen Fräulein Unterschlupf fand.

In Altötting sollte eine noch in der Nacht eilends herbeigeschaffte Ersatzstatue, die mit dem echten Gewand des Gnadenbildes bekleidet wurde, die Flucht des Originals verheimlichen. Doch dies gelang nur sehr unzureichend: Die Krone konnte nicht auf dem Haupt des Jesuskinds befestigt werden und wurde stattdessen danebengelegt – somit merkten schon die ersten Kirchenbesucher des kommenden Tages, dass etwas nicht stimmte.

Wallfahrtsort Altötting

Der Kapellplatz im bayerischen Wallfahrtsort Altötting. In der Kapelle in der Mitte steht das Gnadenbild.

Unterdessen waren in Altötting wie erwartet die Spartakisten aufgetaucht. Trotz aller Befürchtungen verschonten sie die Gnadenkappelle – und zogen nach Gefechten mit ihren Gegnern schon nach einigen Tagen wieder ab. "Mit Befriedigung darf erwähnt werden, dass fast alle Rotgardisten nicht Bayern, sondern Norddeutsche waren", hält Cyprian Fröhlich mit einer großen Portion Genugtuung fest.

Im Passauer Dom wurde das Gnadenbild zur Verehrung auf einen eigens errichteten Altar im Presbyterium aufgestellt. Eine Zeitung berichtet von den Scharen, die in den darauffolgenden Tagen, teilweise von weit her, zur Anbetung kamen. Es war beinahe Feierstimmung, die in diesen Maitagen im Jahr 1919 in der niederbayerischen Dreiflüssestadt herrschte – trotz der dramatischen Umstände.

Gut einen Monat verbrachte die Muttergottes von Altötting in Passau, ehe sie am 29. Mai 1919 wieder die Heimreise antrat. Am 31. Mai erreichte sie schließlich den Wallfahrtsort und kehrte wieder an ihren angestammten Platz zurück – begleitet von einem langen Zug von Gläubigen, vom örtlichen Klerus sowie nahezu von der gesamten Geistlichkeit des Passauer Doms, mit dem Bischof an der Spitze.

Von Matthias Altmann