Baumhäuser im Hambacher Forst
Katholikenrat geht Pilgerweg am Wald im Braunkohle-Gebiet

"Als hätte der Papst im Hambacher Forst gestanden"

Im Oktober sollen wieder 100 Hektar Wald fallen – der Hambacher Forst muss dem Braunkohletagebau weichen. Auch Christen protestieren dagegen und berufen sich dabei auf Papst Franziskus.

Von Matthias Altmann |  Düren - 23.09.2018

Seit Wochen protestieren Umweltaktivisten für den Erhalt des Hambacher Forsts – teilweise mit Gewalt. Daneben gibt es auch friedliche Demonstrationen, etwa von einigen evangelischen Basisinitiativen. Am Sonntagmittag startete eine große Kundgebung, aber auch ein "Pilgerweg" beginnt am Nachmittag. Der Katholikenrat der Region Düren lädt zu dem "Pilgerweg mit dem Aachener Friedenskreuz" ein. "Wir wollen zeigen, dass ein sich ein breites Spektrum der Bevölkerung für den Wald engagiert – auch ein katholisches", sagt Irene Mörsch, Vorsitzende des Katholikenrats der Region Düren, im Gespräch mit katholisch.de. Weil die Polizei die Wege in den Wald hinein abgesperrt hat, soll der Zug nicht durch den Wald selbst führen, sondern daran vorbei.

Der Energiekonzern RWE hält daran fest, den Braunkohle-Tagebau am Hambacher Forst zu erweitern. Mitte Oktober sollen die Rodungsarbeiten beginnen und weitere rund 100 Hektar Wald abgeholzt werden. Der Protest vor Ort sei zum Symbol geworden für den Widerstand gegen Kohle, sagt Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Experte für Umweltethik. "Da braucht es in jedem Fall mehr politische Sensibilität, da braucht es Kompromisse." Deshalb solle die Politik auf die Demonstranten zugehen.

Enzyklika "Laudato si" bestärkt im Engagement

Wie viele Christen, die sich für den Umweltschutz engagieren, kann auch Irene Mörsch nicht nachvollziehen, dass der Hambacher Forst weiter gerodet werden soll. In ihrem Einsatz sieht sie sich von Papst Franziskus bestärkt. Dieser schreibt in seiner Enzyklika "Laudato si": "Wenn  die  Abholzung  eines  Waldes  die  Produktion erhöht,  wägt  niemand  in  diesem  Kalkül  den  Verlust  ab,  der  in  der  Verwüstung  eines  Territoriums,  in  der  Beschädigung  der  biologischen  Vielfalt  oder in der Erhöhung der Umweltverschmutzung liegt (195)."  "Das hört sich so an, als hätte Franziskus diesen Satz geschrieben, als er im Hambacher Wald stand", bekräftigt die Katholikenratsvorsitzende.

Irene Mörsch
Bild: © Privat

Irene Mörsch ist die Vorsitzende des Katholikenrats der Region Düren.

Markus Vogt möchte den Papst ungern für eine politische Debatte in Deutschland vereinnahmen. Dennoch sieht er  in "Laudato si" einige Gesichtspunkte, die sich Demonstrierende zu Eigen gemacht hätten, etwa die Dringlichkeit des Themas Klimaschutz. "Franziskus befürwortet sehr deutlich, dass es hier ein kritisches zivilgesellschaftliches Engagement geben muss. Deswegen kann diese Enzyklika den Demonstranten Rückenwind geben", sagt der Theologe.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 rund 40 Prozent an CO2 einzusparen. Spätestens 2050 soll das Land treibgasneutral sein. Das alles stehe und falle mit der Kohle, erklärt Vogt. Braunkohle-Energie ist in Deutschland noch für mindestens zehn Jahre vorgesehen. "Aber insgesamt ist es wichtig, schnellstmöglich daraus auszusteigen. Erstmal müssen die alten, wenig effizienten Kraftwerke abgeschaltet werden, danach muss auf andere Energiearten umgestellt werden."

Misereor-Chef fordert von der Regierung mehr Willen und Visionen

Die Möglichkeit für einen schnellen Ausstieg aus der Kohle-Energie sieht Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel gegeben. Einst sei Deutschland Vorreiter im Klimaschutz und bei der Umstellung auf erneuerbare Energien gewesen. "Ich vermisse bei der Bundesregierung Kraft, Willen und Visionen, um die Zukunft und ein würdevolles Dasein für die nachfolgenden Generationen zu sichern", stellt er fest.

Enzyklika "Laudato si" in einer Buchhandlung

Ein Mann blättert in der Enzyklika "Laudato si". "Wenn die Abholzung eines Waldes die Produktion erhöht, wägt niemand in diesem Kalkül den Verlust ab, der in der Verwüstung eines Territoriums, in der Beschädigung der biologischen Vielfalt oder in der Erhöhung der Umweltverschmutzung liegt," heißt es dort.

Ähnlich wie Spiegel äußert sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Sie blicke "mit Sorge und Unverständnis" auf die geplanten Rodungen, heißt es in einer Pressemitteilung von Hans Diefenbacher, Beauftragter des Rates der EKD für Umweltfragen, und Ruth Gütter, Referentin für Nachhaltigkeit im Kirchenamt der EKD. "Wir betrachten die Vorbereitung der Rodung zum jetzigen Zeitpunkt als ein fatales Zeichen der Infragestellung der Klimaschutzziele, die sich die Bundesregierung selbst gesetzt hat."

Nach eigener Aussage erhält Irene Mörsch viel Unterstützung von den Gläubigen. Doch sie verspürt auch Gegenwind. Besonders die Pfarreien, die direkt am Hambacher Forst liegen, sehen den Protest kritisch. Wegen der Entschädigungszahlungen seien sie auf das Entgegenkommen von RWE angewiesen und wollten nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Dafür hat Mörsch durchaus Verständnis, doch für sie ist der Umweltschutz in diesem Fall ein "höheres Ziel".

Irene Mörsch hat Vertreter der Aachener und Kölner Bistumsleitung zum Pilgerweg eingeladen – doch diese sagten freundlich ab. Die Vorsitzende des Katholikenrats in der Region Düren gibt zu, davon enttäuscht zu sein. "Sie lassen das Ganze leider das Kirchenvolk machen und setzen selber kein Zeichen." Sie hofft, dass die Bischofskonferenz das Thema Umwelt demnächst angeht. "So etwas fehlt vielen Menschen an der Basis von der Kirche." Doch sie wird sich weiter für den Erhalt des Hambacher Forsts einsetzen – das hält sie für ihre Pflicht als Christin. Auch der Theologe Vogt sagt zum Abschluss des Gesprächs, dass der Umweltschutz für die Christen des 21. Jahrhunderts einen hohen Stellenwert haben sollte.

Von Matthias Altmann