Papst Benedikt. XVI. bei einer Messe im Vatikan
Theologe Magnus Striet antwortet Benedikt XVI.

Die Gesellschaft ist nicht schuld an der Missbrauchskrise!

Benedikt XVI. macht die "Abwesenheit Gottes" in der Gesellschaft für den Missbrauchsskandal in der Kirche mitverantwortlich. Der Fundamentaltheologe Magnus Striet findet das absurd. In seinen Augen sollte sich der emeritierte Papst eher für etwas Anderes stark machen.

Von Magnus Striet |  Freiburg - 11.04.2019

Für eine Überraschung ist er immer wieder gut, seither er vom Papstamt zurücktrat und ankündigte, künftig im Gebet zu verweilen und ansonsten schweigen zu wollen. Nun hat Benedikt XVI. sich zum Missbrauchsskandal geäußert, und führt das gesellschaftliche "Ausmaß" der Pädophilie auf die "Abwesenheit Gottes" zurück. Daraus muss man wohl schließen, dass Missbrauchstäter im Klerus sich im Gefolge der 68er-Bewegung haben verweltlichen lassen. So erinnert sich Benedikt XVI. an "Sexkoffer", die die österreichische Regierung habe austeilen lassen. Diesen Begriff habe ich bei ihm noch nicht gelesen. Inhaltlich Neues auch nicht.

Ich bin mir relativ sicher, dass in den Human- und Sexualwissenschaften schon lange keine Texte mehr gelesen werden, die aus Rom kommen. Solche Aussagen würden auch schlicht als grotesk zurückgewiesen werden. Die Ausführung des ehemaligen Papstes lesen sich wie eine Rekonstruktion seiner eigenen Vita. Offensichtlich leidet er bis heute unter der Erschütterung, die die 68er-Bewegung bei ihm auslöste. Aber dass nun ernsthaft der gesellschaftliche Umbau in der Folge dieser Bewegung dafür verantwortlich gemacht wird, dass es zu Missbrauch durch Kleriker kam, ist absurd. Es stimmt in der Tat, dass damals pädophile Praktiken in Teilen der Reformbewegung liberalisiert wurden, aber: Hier hat man selbstständig hinzugelernt.

Mal Pädophilie, mal Homosexualität

Die jetzt publizierten Äußerungen von Joseph Ratzinger lassen dies nicht erkennen. Sie handeln mal von Pädophilie, dann von Homosexualität. Einschlägige wissenschaftliche Studien bestreiten einen direkten Zusammenhang zwischen homosexuellen Orientierungen und Missbrauch, weisen aber darauf hin, dass sexuell unreife homosexuell orientierte Männer ein Gefährdungspotenzial haben. Wenn der ehemalige Papst – das ist dann doch ein Novum! - offen davon spricht, dass sich in den 60er Jahren in "verschiedenen Priesterseminaren ... homosexuelle Clubs" bildeten, dann wäre es damals bereits angezeigt gewesen, über das Phänomen von Homosexualität nachzudenken und die eigene moralische Überzeugung infrage zu stellen. Dies hätte missbrauchsverhindernd wirken können.

Die kirchenintern provozierte und gepflegte Homophobie verschärft indes das Problem. Denn nicht homosexuelle Orientierungen als solche stellen ein Problem dar, sondern eine nicht in die Persönlichkeit integrierte Sexualität und ein Raum, der mit seiner Doppelmoral für entsprechende Personen attraktiv ist. Pädophile Neigungen dürfen um keinen Preis ausgelebt werden, weil sie Menschen ein Leben lang traumatisieren können; gleiches gilt für den Missbrauch von Minderjährigen. Für homosexuell liebende Menschen aber nicht.

Magnus Striet ist Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Es macht mich sprachlos, dass Joseph Ratzinger im Jahr 2019 ausgerechnet im Kontext der Missbrauchsdebatte nochmals an die Auseinandersetzungen um das Konzept einer auf Autonomiefüße gestellten Moral nach dem Konzil erinnert. Er insinuiert, hier sei die eigentliche Verantwortung für Missbrauch in der katholischen Kirche zu suchen. Er selbst, dessen Bücher in Priesterseminaren "wie schlechte Bücher" hätten "verborgen" werden müssen, man habe sie "gleichsam nur unter der Bank" lesen dürfen, und Johannes Paul II. seien, so muss man den Text wohl verstehen, die eigentlichen Missbrauchsbekämpfer gewesen. Letzterer mit seiner Enzyklika "Veritatis Splendor" (1993), die nochmals die Wahrheit von objektiven Normen einschärfte. Macht dies ein Autonomiedenken nicht? Schärft dies nicht die Norm unbedingt zu achtender Menschenrechte ein?

Benedikt XVI. baut einen Popanz auf, um einen Schuldigen dafür ausmachen zu können, warum Missbrauch stattfand – und: systematisch vertuscht wurde. Letzteres spielt bei ihm im Übrigen nur eine untergeordnete Rolle. Weder ist eine an Freiheitsrechten orientierte Moral Schuld an Missbrauch, weil Freiheit hier nicht meint, Begierden hemmungslos ausleben zu dürfen. Das gesamte Werk von Benedikt XVI./Joseph Ratzinger ist durchzogen von einem Furor gegen Neuzeit und Moderne, die er aber nur als Verfallsgeschichte wahrnimmt. Noch die Veränderung der sozialen Verhältnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dann müsste er erst einmal erklären, wie es eigentlich zu sexuellem Missbrauch kam, bevor die 68er-Bewegung die angeblich so schöne heile Welt zerstörte, in die er sich offensichtlich zurückträumt. Und gab es nicht auch massiven Missbrauch in Ländern, die erst in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts demokratisiert wurden? Konnte sich Missbrauch nicht gerade in autoritären Strukturen verbreiten?

Wer hat eigentlich die Bischöfe ernannt?

Wirksam gewesen wäre, die Ortsbischöfe strikt anzuweisen, in Verdachtsfällen konsequent mit den Staatsanwaltschaften vor Ort zusammen zu arbeiten und zu sanktionieren, wenn sie dies nicht tun. Ist dies geschehen? Warum eskaliert die Situation erst im Jahr 2018? Wer hat eigentlich die Bischöfe ernannt, die jetzt unter heftigen Vertuschungsvorwürfen stehen? Oder die selbst zu Tätern wurden? Sind das Alt-68er? Zwar sind Maßnahmen ergriffen worden. So wurde etwa die Glaubenskongregation im Kampf gegen beschuldigte Kleriker gestärkt. Aber ging es hier um die Betroffenen? Oder doch mehr um das Priesteramt? Wenn sich Joseph Ratzinger, der über lange Zeit Präfekt der Glaubenskongregation war, dafür einsetzen will, dass den Opfern von sexualisierter Gewalt zumindest insofern Gerechtigkeit widerfährt, als die Wahrheit ans Licht kommt, dann sollte er sich dafür stark machen, dass die in der Glaubenskongregation seit dem Jahr 2000 gehorteten Unterlagen einer unabhängigen Untersuchung zugeführt werden. Dies wäre hilfreicher, als sich über "Sexkoffer" aufzuregen, die die österreichische Regierung irgendwann zu Aufklärungszwecken in den 1970er Jahren herausgab.

Die Missbrauchsproblematik wird die katholische Kirche noch lange beschäftigen, über missbrauchsbegünstigende theologische Denkfiguren ist noch viel zu wenig gearbeitet worden. Der Text von Benedikt XVI. bietet ein Lehrstück dafür, dass eine bestimmte Theologie die Probleme überhaupt nicht angemessen in den Blick bekommen kann. Die Gründe werden an die böse Welt oder an den Teufel externalisiert, anstatt sich den Wissenschaften der Gegenwart zu öffnen.

Von Magnus Striet

Zur Person

Magnus Striet ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg im Breisgau.