Der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Februar 2014
Nach Thesen von Benedikt XVI.

Kirchenhistoriker Wolf: Missbrauch in der Kirche nicht erst seit 1968

Missbrauch sei keine Folge der sexuellen Revolution und der 68er Zeit: Hinweise darauf finde man vielmehr, "seitdem wir Quellen über Kleriker und deren Verhalten haben", sagt Hubert Wolf – und weist damit Thesen Benedikts XVI. zurück.

Frankfurt - 19.07.2019

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat Behauptungen zurückgewiesen, sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt in der Kirche seien eine Folge der sexuellen Revolution und der 68er Zeit. Historiker könnten "Hinweise auf sexuellen Missbrauch finden, seitdem wir Quellen über Kleriker und deren Verhalten haben", sagte der katholische Priester am Donnerstag im Interview der "Frankfurter Rundschau". Zuvor hatte der frühere Papst Benedikt XVI. die These vertreten, der Verfall der kirchlichen Morallehre und die zunehmende Gottlosigkeit in Kirche und Gesellschaft seit den 60er Jahren seien Hauptursachen der Missbrauchskrise.

Wolf forderte die Abschaffung des Pflichtzölibats. Er sei zwar nicht die Ursache für sexuellen Missbrauch, "aber eben doch ein erheblicher Risikofaktor". Der Zölibat mache Priester "zu scheinbar seraphisch-reinen, asexuellen Wesen" und stelle potenziellen Tätern damit einen "Tarnumhang" bereit.

Kirchenhistoriker Hubert Wolf.

Der Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster sieht den Zölibat zudem als zentralen Baustein für eine "Priesterkaste mit klerikalem Korpsgeist und Standesdünkel". Er führe zu Milieu-Verengung und Selbstabschließung. "Er ist der wichtigste Identitätsmarker des klerikalen Systems. Jenes Systems, das man neuerdings angeblich überwinden will."

"Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, steuern und erpressen"

Die verpflichtende Ehelosigkeit habe die Kleriker einerseits in immer höhere Sphären entrückt und sie von außen unangreifbar gemacht. Zugleich seien zölibatär lebende Priester für die kirchlichen Autoritäten umso verfügbarer gemacht worden. "Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren, leichter zu steuern - und leichter zu erpressen. Nicht zuletzt wegen des bekannt hohen Anteils an Zölibatsverstößen."

Wolf, dessen Buch "Zölibat. 16 Thesen" am Donnerstag veröffentlicht wurde, wies auch die These zurück, der Zölibat habe schon immer zum Wesen der Kirche und des Priestertums gehört. Bis 1917 habe die kirchliche Gesetzgebung sehr wohl mit der Möglichkeit verheirateter Priester gerechnet. "Historisch ist zunächst einmal festzustellen: Mit Zölibat waren über die Jahrhunderte hinweg sehr viele verschiedene Dinge gemeint: vom Verbot der Wiederheirat etwa eines verwitweten Priesters über sexuelle Enthaltsamkeit an Sonn- und Feiertagen bis hin eben zur verpflichtenden lebenslangen Ehelosigkeit", sagte der Kirchenhistoriker. "Es gab in der katholischen Kirche alles - und nichts, was es nicht gab."

Die Priesterweihe für verheiratete Männer wird auch bei der kommenden Amazonien-Synode Thema sein. Die Synode solle die Möglichkeit prüfen, in entlegenen Gegenden ältere und angesehene Familienväter zur Priesterweihe zuzulassen, um eine sakramentale Versorgung zu gewährleisten, heißt es unter anderem im vor einem Monat veröffentlichten Arbeitspapier. Das Bischofstreffen findet vom 6. bis 27. Oktober in Rom statt. (tmg/KNA)