Die Sonne scheint am durch eine der Öffnungen im Kolosseum in Rom
Kolumne: Römische Notizen

Kolosseum – Mahnmal für die ersten Märtyrer ...?

Das Kolosseum ist das Größte, was die alten Römer je gebaut haben. Es war schon 1.000 Jahre außer Betrieb, als man anfing zu meinen, die Römer hätten dort gezielt Christen hingemetzelt. Eine Ente. Und doch leiten die Päpste am Karfreitag einen Kreuzweg am Kolosseum. Warum das trotzdem aufgeht, beschreibt Gudrun Sailer.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 15.04.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Egal, ob man es schon von weitem aufragen sieht, wenn man über die Via dei Fori Imperiali darauf zugeht: Das Kolosseum haut einen zuverlässig um, wenn man davorsteht. Vier mächtige Stockwerke, drei davon aus Arkaden, durch die der Himmel blitzt, weil das Innere ausgeweidet ist. Man legt den Kopf in den Nacken, blickt 50 Meter hinauf und begreift, warum es das meistbesuchte Monument Italiens ist (nicht der Welt, da ist die chinesische Mauer vor).

Das Kolosseum ist ein Inbegriff von etwas. Wovon, lässt sich nicht so leicht erfassen, wie man meint. Denn dieser gigantische Bau ist in den 2.000 Jahren seines Bestehens mehrfach neu mit Bedeutung überschrieben worden.

Klarerweise steht das Amphitheatrum Flavium, wie die Römer es nannten, für die romanità, die alte Welthauptstadt Rom, die universelle Werte der Zivilisation formte. Dabei war das Kolosseum im Grund ein Vergnügungstempel, in dem blutige Spiele stattfanden, Tiere gegen Tiere, Tiere gegen Menschen, Menschen gegen Menschen. Doch diese Spektakel stabilisierten das System Rom. Sie hielten das Volk ruhig, weil gut unterhalten, sie bannten symbolisch das Fremde, und sie bildeten das Imperium ab. Die Tiere, die in der Arena aufeinander losgingen, waren aus allen Teilen des Weltreichs zusammengefangen, Stiere, Panther, Elefanten, ähnlich die kämpfenden Menschen, exotische Kriegsgefangene wurden nach Rom verfrachtet, um hier aufzutreten.

Brot und Spiele - Kitt der römischen Gesellschaft

Und das Publikum? War ebensowenig "stadtrömisch", weil Rom im Kaiserreich höchst durchmischt war. Zu den Spielen strömte Volk von überall, das dann nach Rang gestaffelt saß und guckte. Ganz oben, mit schlechter Sicht: Frauen und andere Minderprivilegierte. Der Eintritt war frei, aber wer falsch saß, wurde bestraft. Im gigantischen Rund des Amphitheaters bot sich das Bild eines bestens organisierten Weltreichs, in dem jeder die anderen sah und wusste, wo sein eigener Platz war. Oben die Ordnung, in der Arena die Bestien. Oben die Römer, unten die Fremden: Gladiatoren und Tierkämpfer waren fast nie römische Bürger.

Vom Tertullian wissen wir, dass auch viele Christen sich an den Spielen ergötzten, was ihnen Schimpfe des christlichen Schriftstellers eintrug. Ähnlich brandmarkte Augustinus den Besuch der Spiele als unwürdig. Beide schrieben nichts davon, dass in der Arena gezielt Christen hingemetzelt worden wären. Das Kolosseum als Ort des christlichen Massenmartyriums – das ist eine Zuschreibung, die erst ein Jahrtausend später aufkommt.

Zwischenzeitlich wurde der Bau Steinbruch, Magazin, Misthaufen, Räuberhöhle und schließlich Wohnsitz der Adelsfamilie Frangipane, die einen Teil der Liegenschaft vermietete und einen anderen als Festung ausbaute, wo auch mal Päpste in Not sich vor Feinden versteckten (ihre Residenz im Lateran war unweit). Dann trat gegen 1490 eine Laienbruderschaft auf den Plan, die das Amphitheater gezielt als religiösen Ort bespielte.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Im verfallenen Kolosseum wurde nun immer zur Fastenzeit die Passion Christi szenisch aufgeführt. Das Volk stand unten in der Arena, wo einst die Gladiatoren kämpften, die Orte der Passion waren in den Rängen eingerichtet, und wie beim Kreuzweg zogen die Darsteller von Szene zu Szene. Die Bruderschaft baute – auch als Kulissendepot – ein Kirchlein, in dem bis heute die Messe gefeiert wird: S. Maria della Pietà al Colosseo. So wurde die christliche Nutzung des antiken Stadions erstmals Architektur, stofflich verfestigte Wirklichkeit. Das war 1517, das Jahr, in dem im fernen Wittenberg ein deutscher Mönch 95 streitbare Thesen an eine Kirchentür genagelt haben soll.

100 Jahre später war Europa ein anderes. Weil die Päpste im Kampf gegen die Reformation Rom als alleinige Mitte der Christenheit präsentieren mussten, wurden Martyrien interessant. Die hatte es in Rom prominent gegeben, doch die alten Märtyrer reichten nicht mehr aus. Überall suchte und fand man frühe Glaubenszeugen, in Katakomben, Basiliken und antiken Bauten (oder das, was davon übrig war). 1586 erstellte der gebildete Kardinal Cesare Baronio das erste Martyrologium. 1591 führt Antonio Gallonis „Traktat der Marterinstrumente“ in säuberlichen Kupferstichen vor, auf welche Art man meinte, dass die Römer Massen von Christen zu Tode gequält hätten, Sieden in Öl, lebendiges Begraben, Zerfleischen durch Bestien. Im Hintergrund: klassische Architektur mit Arkaden und Halbsäulen. De facto das Kolosseum.

Aus normaler Erde wird heiliger Boden

Ab 1650 galt der Bau in der christlichen Rom-Literatur als Ort der Märtyrer schlechthin. Das ungepflegte Erdreich über der Ex-Arena war heiliger Boden, getränkt mit dem Blut früher Christen, das ganze Kolosseum ein Freiluft-Reliquiar. Dies baulich zu markieren, brannte den barocken Päpsten auf den Nägeln. So plante Carlo Fontana 1696 eine mächtige Märtyrerkirche im Inneren des Kolosseums. Ein Rundbau wäre es geworden, mit einer Kuppel, die die Ruinen des riesigen Amphitheaters überragte. Die Märtyrer sollten baulich sozusagen aus der Arena wieder auferstehen und über die Heiden in den längst ruinierten Zuschauerrängen triumphieren. Allein, das Geld fehlte. Der Kampf der Päpste gegen neue Heiden, die Türken, ließ das Kolosseum Kolosseum bleiben.

Neue Zeit, neuer Papst: 1750 ließ Benedikt XIV. einen Kreuzweg im Amphitheater einrichten. Den realisierte der heilige Franziskanermissionar Leonardo di Porto Maurizio, der im Kloster am Palatin neben dem Kolosseum lebte und den Papst wöchentlich besuchte. Die Via Crucis als anschauliche, körperlich-geistliche Andachtsform auf den Spuren des Leidenswegs Christi lag den Franziskanern sehr am Herzen, und Leonardo schuf nach und nach hunderte Kreuzwege, der im Kolosseum ist der bedeutendste. Die 14 Marmor-Bildstöcke säumten den Rand der antiken Arena und wurden zum Fixpunkt religiösen Brauchtums in Rom. Einer dieser Bildstöcke kehrte 2017 ins Kolosseum zurück, die übrigen lagern im Depot.

Seit Paul VI. im Jahr 1964 wieder den Karfreitags-Kreuzweg am Kolosseum leitete, ist diese Tradition zurück. Es sei die schönste Andacht im Kirchenjahr, die Rom zu bieten hat, heißt es oft. Die christliche Überschreibung des Kolosseums ist Teil seiner Geschichte, weil dieser Bau zwangsläufig zu jeder Epoche Roms gehört und jede Epoche ihn nutzt, als Stadion, als Steinbruch, als Folie oder als "Wahrzeichen". Die historische Wirklichkeit über dort erfolgte Martyrien bleibt schemenhaft. Aber der Kirche liegt an den christlichen Märtyrern von heute. Sie sind zahlreicher als die unter den grausamsten römischen Kaisern, wie gerade Papst Franziskus oft herausstreicht: das 3. Jahrtausend zählt mehr als das 3. Jahrhundert. Auf diese Märtyrer von heute verweist jedes Jahr am Karfreitag das Kolosseum in Rom. Zeitlos, ortlos, klassisch.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.