Lautsprecher trifft Alphatiere
Bild: © Verlag Herder
In Berlin wurde das neue Buch von Bestseller-Autor Manfred Lütz vorgestellt

Lautsprecher trifft Alphatiere

Gregor Gysi und Jens Spahn: Mit politischen Schwergewichten wollte der Herder-Verlag in Berlin das neue Buch von Bestseller-Autor Manfred Lütz vorstellen. Doch der Abend verlief anders als geplant.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 01.03.2018

Politiker in Berlin sind es nicht gewohnt, die zweite Geige zu spielen. Schon gar nicht, wenn sie Gregor Gysi und Jens Spahn heißen. Gerade Spahn, der designierte Gesundheitsminister, ist in diesen Tagen ein vielgefragter Gesprächspartner. Doch an diesem Mittwochabend in der Bundespressekonferenz müssen er und Gysi sich erst einmal in Geduld üben.

Eigentlich sollen die beiden politischen Alphatiere auf Einladung des Herder-Verlags über das neue Buch von Bestseller-Autor Manfred Lütz sprechen – doch diesen Part übernimmt Lütz erst einmal selbst. Mehr als 20 Minuten spricht der katholische Theologe, Kabarettist und Psychotherapeut über sich und sein neues Werk. Teilweise erinnert er dabei an diesen einen Onkel, den jeder hat und den man alle Jahre wieder bei Familienfeiern trifft: Etwas zu laut und etwas zu viel erzählt der von sich und seinen Erfolgen.

Lütz: Mein bislang wichtigstes Buch

"Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums", so der Titel, sei sein "bislang wichtigstes Buch", betont Lütz. Es gehe ihm mit dem 286-seitigen Werk um Aufklärung und Allgemeinbildung. "Wenn sie das Buch gelesen haben, gewinnen sie jede Quizshow zu christlichen Themen", sagt der 63-Jährige, der nach eigenen Worten zudem nichts weniger als eine internationale Debatte über das Christentum und die christlichen Werte starten will.

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Bestseller-Autor Manfred Lütz.

Doch jenseits dieser etwas lautsprecherischen Eigenwerbung ist Lütz mit seinem neuen Buch durchaus ein großer Wurf gelungen – wobei der Titel des Werks in die Irre führt. Was zunächst wie eine knallharte Abrechnung mit dem Christentum klingt und durch das reißerische Buchcover mit einer kurz vor der Explosion stehenden Bombe noch unterstrichen wird, ist in Wahrheit eine Schrift, die den Ruf des Christums retten möchte – wissenschaftlich fundiert und geprüft von fünf führenden Historikern, wie Lütz an diesem Abend mehrfach betont.

Egal welches sogenannte "heiße Eisen" aus 2.000 Jahren Kirchengeschichte – ob die Kreuzzüge, die Hexenverfolgung, die Inquisition oder der Zölibat: Kaum ein Klischee über das Christentum halte einer genaueren wissenschaftlichen Überprüfung stand, sagt Lütz, der immerhin zugibt, bei der Recherche für das Buch selbst noch viel gelernt zu haben.

Sein Lehrer war der renommierte Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Der hatte im Jahr 2007 das Buch "Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert" veröffentlicht. Der 800-Seiten-Wälzer gilt als Standardwerk, mit seiner wissenschaftlichen Sprache und rund 3.000 Fußnoten aber auch als schwer verdaulich. Auf Anregung des Herder-Verlags hat Lütz nun mit "Der Skandal der Skandale" eine populärwissenschaftliche Kurzfassung von Angenendts Buch vorgelegt.

Buchtipp

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums. Verlag Herder 2018, 288 Seiten, 22 Euro. ISBN: 978-3-451-37915-4.

Das Fazit beider Bücher: Das Christentum und seine Geschichte sind besser als ihr Ruf. Bei seinem Vortrag nennt Lütz zahllose Beispiele für diese These. Die Kreuzzüge etwa seien keine heiligen Kriege zur Verbreitung des Glaubens, sondern die Christen damals vielmehr "Totalpazifisten" gewesen. Oder aber die Inquisition. Immer wieder werde behauptet, dass ihr Millionen Menschen zum Opfer gefallen seien – dies sei jedoch grob falsch, sagt Lütz. "Inzwischen sind die Archive offen und man hat das genau untersucht: In 160 Jahren hat die spanische Inquisition im gesamten spanischen Weltreich 826 Todesurteile gefällt." Dies seien zwar 826 Urteile zu viel, "aber es sind eben keinen Millionen".

So geht es an diesem Abend in Berlin noch eine ganze Zeit weiter, bis schließlich doch noch Gysi und Spahn ihren Auftritt haben – jedoch anders als erwartet. Eigentlich sollen die beiden über die Frage diskutieren, ob das Christentum im 21. Jahrhundert noch als geistiges Fundament Europas taugt. Doch die Debatte entwickelt sich schnell in eine andere Richtung.

Zunächst nämlich geht es beiden Politikern vor allem um die Rolle der Kirchen – mit dem skurrilen Ergebnis, dass ausgerechnet Gysi, der linke Agnostiker aus Ostdeutschland, das Christentum verteidigt und für christliche Werte in der Politik wirbt, während Spahn, der katholische Christdemokrat und CDU-Vorzeige-Konservative aus dem Münsterland, die Kirchen kritisiert und für eine religionsferne Politik plädiert. "Mit der Bergpredigt können sie kein Land regieren", sagt der 37-Jährige.

Danach ist Spahn schnell bei seinem Lieblingsthema: der Zuwanderung. Dabei macht er deutlich, dass er die Frage von Migration und Integration für das bestimmende Thema des Westens hält. Ohne die Migration, so Spahn, wäre das französische Parteiensystem nicht implodiert, hätte es den Brexit nicht gegeben und nicht die Regierungsbeteiligung von Populisten in ganz Europa. Diese kulturelle Konfliktlinie werde Westeuropa in den nächsten 50 Jahren beschäftigen. "Die Frage ist, ob wir es positiv auflösen, oder ob der Laden uns um die Ohren fliegt", sagt der Politiker, der ganz nebenbei noch anmerkt, dass aus dem arabischen Raum seit 500 Jahren keine wirtschaftliche Innovation gekommen sei.

Diskussion am eigentlichen Thema vorbei

Kurze Zeit später landet die Debatte dann beim Sozialstaat. Dieser habe sich, so Spahn, bislang immer als Nationalstaat definiert. Jeder Bürger dieses Nationalstaats habe Steuern in die Kassen der Solidargemeinschaft gezahlt. Doch bis zu welchem Maß halte es eine Solidargemeinschaft aus, dass von ihr Menschen profitieren, die nie eingezahlt haben?

So kreuz und quer geht es danach weiter: Gysi will noch über die Ausbeutung Afrikas durch Europa reden, außerdem sprechen er und Spahn an diesem Abend über Donald Trump, den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexuellen und den Sozialismus. Nur die Ausgangsfrage, die nach dem Christentum als geistigem Fundament Europas, spielt in der Diskussion keine Rolle mehr. Als ZDF-Mann Wulf Schmiese, der die Debatte moderiert, noch einmal auf die Frage zurückkommt, muss Gysi gehen ("Der nächste Termin wartet schon") und die Veranstaltung ist zu Ende. Dass es an diesem Abend eigentlich um das neue Buch von Manfred Lütz geht, hat man zu diesem Zeitpunkt beinahe schon vergessen. Lesenswert ist das Buch trotzdem.

Von Steffen Zimmermann