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Der Dalai Lama wird 80 Jahre alt

Lebensaufgabe: Harmonie stiften

Er steht für Harmonie und Frieden: Der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, will die Weltgemeinschaft vereinen. Wie ein junger Globetrotter reist er dafür um die Welt. Heute wird der Friedensnobelpreisträger 80 Jahre alt.

Von Sunrita Sen und Doreen Fiedler (dpa) |  Neu Delhi - 06.07.2015

Geboren wurde der 14. Dalai Lama als Lhamo Dhondup, ein Sohn einfacher Bauern im tibetischen Hochland. Seinen runden Geburtstag aber wird er nicht in seiner Heimat verbringen können. Denn Tibet wird seit Jahrzehnten von China besetzt. 1959 musste der Dalai Lama fliehen, und Zehntausende andere Tibeter folgten ihm. Im indischen Dharamshala, am Fuße der Himalaya-Berge, ließ er sich nieder. Gäste aus aller Welt strömen nun in den Pilgerort, um am Sonntag mit dem bekanntesten buddhistischen Mönch zu beten. Denn längst ist der Dalai Lama mehr geworden als das Sinnbild des gewaltlosen Widerstands seines Volkes gegen die chinesische Besatzung. Er ist, so meint die tibetische Exilregierung, "ein globales Symbol für Frieden und Gewaltlosigkeit".

Der Friedensnobelpreisträger nimmt sich die großen Themen unserer Zeit zur Brust: Religionskonflikte, Klimawandel, Flüchtlingspolitik, Wirtschaftskrise, Armutsbekämpfung, Sinnsuche in der Wissenschaft. Worum es auch geht, immer wieder ruft seinen Mitmenschen zu: zeigt Mitgefühl, Liebe, Toleranz und Vergebung. So wurde er weltweit zu einem der beliebtesten Menschen unserer Zeit. Die politische Verantwortung für sein Volk hat er längst abgegeben. Seit 2011 ist der Dalai Lama im politischen Ruhestand, seitdem wird die Verwaltung der rund 128.000 Exil-Tibeter von einem Sikyong, einem Premierminister, geführt. Lobsang Sangay trägt nun die Verantwortung für den alten Kampf um eine "echte Autonomie", also kulturelle und religiöse Freiheiten für die Tibeter innerhalb der Volksrepublik. Zunächst beriet der Dalai Lama die - von keinem Land der Welt anerkannte - Exilregierung noch häufig. "Mit der Zeit wurden die Treffen immer weniger", sagt ein enger Vertrauter des Dalai Lama.

Vielleicht hat auch die Institution Dalai Lama bald ausgedient. Die Oberhäupter der Tibeter werden von hohen buddhistischen Gelehrten ausgesucht - so wurde auch der jetzige Dalai Lama 1937 als Zweijähriger gefunden. Doch diese fast fünf Jahrhunderte währende Tradition könne nun, da er die politische Macht abgegeben habe, enden, sagt der Dalai Lama jüngst in mehreren Interviews. Oder er käme als "neckische blonde Frau" zurück auf die Erde, scherzte er.

Hoffen auf eine friedlichere Welt

Möglicherweise will er damit den chinesischen Behörden zuvorkommen, die nach seinem Tod ein Kind als seine Wiedergeburt suchen und unter ihrer Kontrolle großziehen könnten. Oder es könnte noch schlimmer kommen, wie der Fall des 11. Panchen Lama zeigt. Der zweitwichtigste religiöse Führer der Tibeter verschwand wenige Tage nach seiner Anerkennung durch den Dalai Lama - wahrscheinlich wurde der Sechsjährige von den Behörden entführt. An seiner statt ernannte Peking einen anderen Jungen zur Reinkarnation des Panchen Lama.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit langem, dass die chinesischen Behörden die sechs Millionen Buddhisten in Tibet kulturell und religiös unterdrücken. Flüchtlinge aus dem Hochland berichten, dass durch große Umsiedlungsprogramme die Tibeter mittlerweile eine Minderheit im eigenen Land seien. In Schulen und Universitäten wird in Chinesisch unterrichtet, Klöster geschlossen. Mehr als 100 Tibeter haben sich wegen der chinesischen Herrschaft schon mit Benzin übergossen und selbst verbrannt. Er wolle bleiben, solange das Leid fühlender Wesen auf der Welt bleibe - wenn auch nicht im gleichen Körper, sondern als der gleiche Geist, sagt der Dalai Lama. Er hofft, dass die Welt bei seiner nächsten Reinkarnation friedlicher ist. Wann das sein wird? "Laut den Ärzten, die meine körperliche Konstitution geprüft haben, werde ich 100 Jahre alt", sagte er in einem Interview. "Laut meinen Träumen werde ich 113 Jahre alt. Aber 100 sind, glaube ich, sicher."

Von Sunrita Sen und Doreen Fiedler (dpa)