Frauenfüße und Männerfüße schauen unter einer Bettdecke hervor.
Jochen Sautermeister fordert Reform der Sexuallehre

Moraltheologe: Wenn es um Sex geht, muss Kirche Gläubige ernst nehmen

Bischof Stefan Oster sieht kaum Bewegungsspielraum bei der kirchlichen Sexualmoral. Moraltheologe Jochen Sautermeister widerspricht: Die Kirche müsse ihre Sexuallehre reformieren – und sich dabei an den Überzeugungen ihrer Gläubigen orientieren.

München/Bonn - 03.04.2019

Der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister fordert, dass die Kirche bei einer Reform der Sexuallehre die Erfahrungen der Gläubigen ernst nimmt. Es sei wichtig, anzuerkennen, "dass sich in ihren Erfahrungen von gelingender und erfüllter Sexualität, aber auch von krankmachenden, verletzenden oder demütigenden Praktiken moralisch relevante Erfahrungen äußern, die auch für eine religiöse Moral von Bedeutung sind", sagte er dem Münchner Kirchenradio am Dienstag. Dazu könnten Erkenntnisse kirchlicher Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen sowie aus den Humanwissenschaften zur Sprache kommen.

Weiter verlangt Sautermeister eine selbstkritische Reflexion über Ängste, Zwänge und Verdrängungen, die durch die kirchliche Sexuallehre entstehen. Am Ende eines Lernprozesses der Kirche müsse mit dem "Paradigmenwechsel von der Sexualmoral zur Beziehungsethik" ernst gemacht werden. Momentan beobachtet Sautermeister eine Diskrepanz zwischen der kirchlichen Lehrmeinung und den "gelebten Überzeugungen" eines Großteils der Gesellschaft und der Gläubigen. Diese äußere sich vor allem, wenn es um Empfängnisverhütung, verbindliche nichteheliche Partnerschaften, wiederverheiratete Geschiedene oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften gehe. Hier gebe es Normen der Kirche, die von vielen nicht nachvollzogen werden könnten oder deren Begründungen nicht überzeugten.

Bild: © LMU

Jochen Sautermeister ist Inhaber der Lehrstuhls für Moraltheologie und Direktor des Moraltheologischen Seminars an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Bei ihrem Frühjahrstreffen im März in Lingen hatten die deutschen Bischöfe einen "verbindlichen synodalen Weg" zur Aufarbeitung und Aufklärung der Missbrauchsfälle beschlossen. Dabei sollen auch Themen wie etwa der Machtabbau bei Klerikern, der Zölibat und die Sexualmoral der Kirche behandelt werden. Die Sexualmoral der Kirche habe entscheidende Erkenntnisse aus der Theologie und Humanwissenschaften noch nicht rezipiert, sagte der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Die personale Bedeutung der Sexualität finde bislang keine hinreichende Beachtung.

Dagegen hielt der Passauer Bischof Stefan Oster in einem Blogeintrag fest, dass die Sexualmoral der Kirche aus seiner Sicht "kaum Wachstumsmöglichkeiten" habe. Die Kirche könne sich durch Veränderungen zwar aus der medialen Schusslinie bringen, dadurch würde aber bei nicht wenigen die religiöse Gleichgültigkeit mitwachsen. (cph)