Ein Muslim betet in einer Moschee.
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Große Umfrage in Nordafrika und dem Nahen Osten

Muslimische Länder: Religion verliert an Bedeutung

Immer mehr Menschen in muslimisch geprägten Ländern bezeichnen sich als "nicht religiös" – deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Gleichzeitig sehen sie die Macht der Religion in der Politik immer kritischer.

London - 26.06.2019

Religion verliert für die Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten an Bedeutung. Innerhalb von fünf Jahren ist der Anteil der "nicht-religiösen" Menschen um die Hälfte gestiegen – von elf Prozent zwischen 2012 und 2014 auf 18 Prozent in diesem Jahr. Zu diesem Ergebnis kommt eine groß angelegte Umfrage der BBC und der Universität Princeton in den USA, über die der "Guardian" am Montag berichtet. Befragt wurden mehr als 25.000 Menschen in zehn Ländern und den palästinensischen Gebieten.

Außerdem ist das Vertrauen in religiöse Führungsfiguren zum Teil drastisch gefallen, im Irak beispielsweise um über 20 Prozentpunkte, genauso in den palästinensischen Gebieten, dem Sudan, Jordanien oder Marokko. Ähnlich dramatisch ist der Vertrauensverlust in Tunesien, in Libyen und Ägypten fielen die Werte nur leicht. Einzig im Jemen konnte das religiöse Leitungspersonal Vertrauen dazugewinnen.

Noch schlechter als die religiösen Führer schneiden islamistische Parteien oder Bewegungen wie die Hamas, die Hisbollah oder die Muslimbruderschaft ab. Sie genießen in der Bevölkerung deutlich weniger Vertrauen, außerdem sanken ihre Zustimmungswerte in Tunesien, Jordanien und Marokko jeweils um mindestens 20 Prozent.

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Der Islam ist in Nordafrika und dem Nahen Osten weit verbreitet. Hier der Innenhof der Azhar-Moschee in Kairo. Sie wurde im Jahr 970 erbaut.

Neben dem Thema Religion wurden die Teilnehmer auch zu anderen Bereichen befragt. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass sich über 90 Prozent der Menschen den Zugang von Frauen zu politischen Leitungsämtern wünschen, Männer jedoch für geeigneter halten. Traditionelle Rollenbilder spielen beispielsweise auch bei der Anerkennung nicht-heterosexueller Orientierungen eine Rolle, deren Rechte in vielen Ländern nur ein einstelliger Prozentanteil der Befragten unterstützt.

Viele wollen auswandern

Zudem spielen vor allem junge Menschen in der Region mit dem Gedanken, auszuwandern. Mehr als die Hälfe der Befragten Erwachsenen unter 30 in Algerien, Ägypten, Jordanien, dem Libanon, Marokko, Tunesien und den Palästinensergebieten denkt darüber nach – zehn Prozentpunkte mehr als noch vor drei Jahren. Nordafrikaner zieht es dabei eher nach Europa, während Menschen aus Ägypten, dem Jemen und dem Sudan eher die Golfstaaten bevorzugen. Jordanier und Libanesen tendieren zu den nordamerikanischen Ländern.

Wenig ausgeprägt ist das Vertrauen in politische Freiheit und die USA. Nur zwölf Prozent der Befragten haben einen positiven Eindruck von Donald Trump – damit liegt er weit hinter den Zustimmungswerten vom türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan (51 Prozent) und Russlands Präsident Wladimir Putin (51 Prozent). In acht Ländern hält deutlich mehr als die Hälfte Gewalt gegen die USA außerdem für angemessen, angesichts der US-amerikanischen Haltung gegenüber den Ländern. Zudem haben viele Menschen in der Region Sorge um den Zustand der Demokratie in ihrer Heimat. In fünf Staaten und den Palästinensergebieten ist das Gefühl verbreitet, in eine Diktatur abzurutschen. 60 Prozent der Algerier und 40 Prozent der Sudanesen hatte bei den vergangenen Wahlen das Gefühl, dass diese nicht frei und fair abgelaufen sind.

Nach eigenen Angaben ist die Studie die größte Befragung zur öffentlichen Meinung, die es jemals in der Region gab. Herausgegeben wurden die Zahlen von BBC News Arabic und Arab Barometer, einem Forschungsnetzwerk an der US-Universität Princeton. (cph)