Der Bildausschitt zeigt Männer von der Hüfte abwärts. Sie tragen lange, einfarbige Gewänder in Schwarz, Weiß und Dunkelblau.
Was die Ordensoberenkonferenz plant

Orden denken über eigene Missbrauchsstudien nach

Die Missbrauchsstudie der Bischöfe hat einen großen Teil der Kirche nicht beleuchtet – die Orden. Die Deutsche Ordensoberenkonferenz denkt daher über eigene Studien nach. Vorsitzende Katharina Kluitmann spricht in dem Zusammenhang ein weiteres heikles Thema an: den Ausschluss von Tätern aus der Gemeinschaft.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 26.09.2018

Die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene Missbrauchsstudie hatte die bei Diözesen angestellten Priester und Diakone im Blick. Ordensmänner wurden nur erfasst, wenn sie in einem Bistum arbeiteten – Ordensfrauen oder von Orden betriebene Schulen wurden hingegen gar nicht berücksichtigt. "Wir Wissen um den Missbrauch auch in Ordensgemeinschaften", sagte die Vorsitzende der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK), Schwester Katharina Kluitmann der Münsteraner Bistumszeitung "Kirche+Leben". Laut Studie wurden 159 Ordensmänner, die in der Gemeindeseelsorge oder bistumseigenen Schulen arbeiteten, des Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt.

Schwester Katharina begrüßt die neue Studie dennoch und spricht über einen notwendigen "tiefgreifenden Wandel" in der Kirche. "Die Erneuerung der Kirche steht bestenfalls am Anfang: zu viel Macht, zu wenig Evangelium." Umfassende Forschungen seien ein wichtiger Baustein der Aufarbeitung.

DOK: Orden müssten schneller und gründlicher aufarbeiten

Die Ordensoberenkonferenz selbst plane zunächst, sich mit externen Experten – Wissenschaftlern und Betroffenen – eingehend der 360-seitigen Studie der Bischöfe zu widmen. "Wir müssen schauen, ob Parallelstudien erfolgversprechend sind", so die Provinzoberin der Franziskanerinnen von Lüdinghausen. "Es wird darum gehen, die Ordenslandschaft differenziert zu betrachten und exemplarische Studien zu machen." Die Orden müssten schneller und gründlicher aufarbeiten – wo nötig, auch wissenschaftlich, fügte Schwester Katharina hinzu.

Bislang wurden nur einige Facetten des Missbrauchs durch Ordensleute erforscht: Neben den bei Diözesen angestellten Ordensmännern wurde vor zwei Jahren eine Studie zu Heimkindern der katholischen Behindertenhilfe in Westdeutschland von 1949 bis 1975 veröffentlicht. Das Kloster Ettal hat seine Vergangenheit mit Missbrauch und Misshandlungen gründlich aufgearbeitet – und gilt damit als Modell für weitere Gemeinschaften. Aber die DOK vertritt als Zusammenschluss der Oberen von Orden und Kongregationen nach eigenen Angaben etwa 4.000 Ordensmänner und 15.000 Ordensfrauen – die in sehr unterschiedlichen Formen zusammenleben. Da gibt es die kontemplative Nonne in Klausur, Missionarinnen und aktive Ordensleute, die in sozialen Bereichen oder in der Seelsorge arbeiten.

Schwester Katharina Kluitmann

Schwester Dr. Katharina Kluitmann OSF ist Provinzoberin der Franziskanerinnen von Lüdinghausen und seit Juni 2018 Vorsitzende der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK).

Schwester Katharina weist auch auf die unterschiedlichen Situationen bei Männer- und Frauenkongregationen hin. So seien die Täter sexuellen Missbrauchs überwiegend Männer; Frauen hätten eher in Heimen Gewalt ausgeübt. Es gebe auch Gemeinschaften, die nie in Arbeitsfeldern gearbeitet hätten, in denen es zu Missbrauch im dienstlichen Kontext kommen konnte. Andere Orden seien "in einem derartigen Sterbeprozess, dass die letzten im Altenheim gepflegt werden. Da ist weder Aufarbeitung möglich, noch Prävention nötig", so die DOK-Vorsitzende. Bei wieder anderen müsse man genauer hinschauen: Es gebe Orden, die zwar keine Institutionen haben, in denen sie mit Minderjährigen in Kontakt kommen, die aber in der Einzelseelsorge aktiv seien. "Die sind in der Aufarbeitung, in der Prävention und in der Forschung viel schwerer zu fassen."

Kein Ausschluss von Tätern aus der Ordensgemeinschaft?

Auch beim Umgang mit den Tätern gibt es laut Schwester Katharina noch offene Fragen. Klar sei, dass es keinen Kontakt mit Minderjährigen mehr geben dürfe und dass sie keine kirchlichen Ämter mehr einnehmen. "Es ist aber zu fragen, ob ein Ausschluss aus der Ordensgemeinschaft sinnvoll ist." Die meisten Täter könnten durch Verjährung nicht mehr strafrechtlich belangt werden. "Ein allein lebender Täter ist aber gefährlicher, als ein Täter, auf den die Ordensgemeinschaft ein Auge hat", erklärt sie. Die Orden müssten an dieser Stelle Verantwortung übernehmen und weitreichender handeln als staatliches Recht. Sie glaube nicht, dass es "eine totale Kontrolle für die Täter" geben könne. "Aber bei der Auswahl einer passenden Gemeinschaft, der richtigen Lage des Klosters und den geeigneten Aufgaben für den Ordensbruder oder die Ordensschwester kann Kontrolle besser gelingen, als wenn sie allein leben", so die Franziskanerin.

Und die Opfer dürften nie vergessen werden: "Ordensobere dürfen das Gespräch mit Opfern nicht verweigern, nur weil sie dann drei Nächte nicht schlafen können." Im Gegenteil: "Wäre es nicht angemessen, das Gespräch aktiver zu suchen?" Zudem dürften die Gemeinschaften bei Entschädigungszahlungen nicht zurückhaltend sein. "Besser, wir werden an Geld arm durch die Unterstützung der Opfer, als dass wir an Liebe arm werden – und nebenbei auch noch am letzten Rest an Glaubwürdigkeit in dieser Sache."

Von Agathe Lukassek