Kardinal Marx: "Wir haben zu lange weggeschaut"
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Vorstellung der Missbrauchsstudie

Kardinal Marx: "Wir haben zu lange weggeschaut"

Auch wenn einige Ergebnisse der DBK-Missbrauchsstudie seit geraumer Zeit bekannt sind: Die heutige offizielle Vorstellung bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda wurde mit Spannung erwartet. Kardinal Reinhard Marx gestand dabei eigenes Versagen ein.

Fulda - 25.09.2018

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat bei den Opfern von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche um Entschuldigung gebeten. Er bitte um Vergebung "für alles Versagen und allen Schmerz", sagte Marx am Dienstagmittag in Fulda bei der Vorstellung einer von der Kirche in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie.

"Ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich. Wir haben den Opfern nicht zugehört", so Marx. Die Kirche müsse jetzt noch mehr auf die Opfer zugehen. "Wir haben zu lange weggeschaut, um der Institution willen und des Schutzes von uns Priestern und Bischöfen willen". Die Kirche habe Machtstrukturen und Klerikalismus zugelassen, die wiederum Gewalt und Missbrauch begünstigt hätten. Die Studie zeige klar, dass die Präventionsmaßnahmen nach dem Missbrauchsskandal von 2010 noch nicht ausreichten. Die jetzt vorgestellte Studie mache den Bischöfen die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Missbrauch in neuer Weise präsent: "Ich spüre bei aller Trauer und Scham doch die Stärkung, dass die Studie hilft, die richtigen Entscheidung zu fällen", so Marx.

Das Thema Missbrauch werde auch auf weltlicher Ebene diskutiert, ergänzte Marx. Er habe den Papst bereits informiert und wolle es auch im K-9-Rat, einem Beratungsgremium im Vatikan, und auf der Jugendbischofssynode im Herbst einbringen. Im neuen Jahr findet zudem im Vatikan ein Bischoftreffen statt, das sich ausschließlich mit dem Thema Missbrauch befasst.

Ackermann: "Es erschreckt mich dennoch wieder neu"

Bischof Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, sagte, er habe das Ergebnis der vorliegenden Studie "leider" erwartet. "Es erschreckt mich dennoch wieder neu." Als Konsequenz aus der Studie müssten die Bischöfe bei ihrem Kampf gegen Missbrauch und bei ihren Präventionsmaßnahmen "noch konsequenter und abgestimmer untereinander vorgehen". Alle Maßnahmen zur Intervention und Prävention "greifen zu kurz, wenn sie nicht eingebettet sind in eine kirchliche Struktur und in Strukturen, die dazu beitragen, den Missbrauch von Macht wirksam zu verhindern".

Professor Harald Dreßing, der wissenschaftliche Koordinator der Studie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse, er beschäftige sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit dem Thema Missbrauch. "Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und der Umgang damit haben mich dennoch erschüttert." Er nannte unter anderem Klerikalismus sowie den Umgang der Kirche mit Homosexualität, dem Zölibat und dem Sakrament der Beichte als Punkte, die den Missbrauch in der Kirche begünstigen könnten.

Dreßing: Keine Studie der Bischofskonferenz

Dreßing äußerte sich auch zur schon im Vorfeld geäußerten Kritik an der Studie. So wurde bemängelt, dass die Forscher nicht selbst die Akten einsehen konnten, sondern die Akten von Bistumsmitarbeitern analysiert wurden. Dies sei ihm als begrenzender Faktor der Studie durchaus bewusst, habe aber datenschutzrechtliche Gründe. Deswegen keine Studie zu machen, sei für ihn aber nicht infrage gekommen, sagte Dreßing. Er habe vielmehr versucht ein "intelligentes Design" zu entwerfen, das eine seriöse Untersuchung dennoch möglich mache. So konnten die Forscher nach seinen Worten auch auf Strafakten zugreifen und Interviews mit Opfern und Beschuldigten führen. Es handele sich auch nicht um eine Studie der Deutschen Bischofskonferenz, sondern eine Studie der Forscher aus Heidelberg, Mannheim und Gießen. "Wir haben freies Publikationsrecht, sonst hätten wir diese Studie nicht angenommen".

Die Studie hat den Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz". Durchgeführt wurde sie von einem interdisziplinären Forscherteam.

Laut der Studie gab es zwischen 1946 und 2014 in Deutschland 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe von mindestens 1.670 Beschuldigten, darunter mehrheitlich Priester. Damit sind rund 4,4 Prozent aller deutschen Kleriker aus dem Untersuchungszeitraum des Missbrauchs beschuldigt. Dafür ausgewertet wurden rund 38.000 Akten.

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Der Missbrauchsbeauftragte der DBK, Bischof Stephan Ackermann.

Roswitha Müller Piepenkötter, Mitglied im Beirat der Studie, sprach von einem "erschreckenden Umfang" des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Man könne nicht mehr von Einzeltaten sprechen, es handele sich auch nicht um ein vergangenes Problem, sondern man müsse auch jetzt und in der Zukunft mit neuen Missbrauchsfällen rechnen. Darauf habe die Institution der Kirche aber bisher nicht angemessen reagiert, so Müller Piepenkötter: "Wir haben die Hoffnung, dass die Studie dazu beiträgt, dass das Thema bei den Verantwortlichen in der Kirche ankommt."  Die Täter müssten beim Namen genannt werden, die Missbrauchprävention zusammen mit den Opfern geschehen. "Die Verantwortlichen müssen sich den Opfern stellen und dürfen das nicht an Missbrauchsbeauftragte delegieren – so wichtig deren Arbeit auch ist."

Trotz des massiven Umfangs der Studie konnte nur ein Teil der in den Bistümern vorhandenen Akten ausgewertet werden. Zudem wurde nicht jeder Fall von Missbrauch in Akten dokumentiert. Folglich sind die veröffentlichten Zahlen der Forscher nach eigener Aussage nur eine "konservative" Schätzung. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch.

Im Vorfeld wurden noch weitere Kritikpunkte an der Studie genannt: So sind die Angaben anonymisiert. Es werden keine Namen von Tätern genannt. Auch darüber, welche Bistümer besser mit den Forschern kooperierten und welche weniger gut, gibt es keine Auskunft. Zudem sei die Studie durch ihre Anlage nicht unabhängig.

Hotline freigeschaltet

Schon am Dienstagmorgen hatte Kardinal Marx mit Blick auf die Vorstellung der Studie während eines Gottesdienstes im Fuldaer Dom gesagt, es sei "ein wichtiger Tag für die katholische Kirche in Deutschland". "Wir sind erschrocken und tief erschüttert über das, was möglich war im Volk Gottes, durch Priester, die den Auftrag des Evangeliums hatten, Menschen aufzurichten", so Marx.

Eine erste Konsequenz haben die Bischöfe schon gezogen: Sie schalteten eine Hotline für Betroffene von sexuellem Missbrauch frei. Sie ist unter der Nummer 0800/0005640 erreichbar. Bis einschließlich diesen Freitag ist sie zwischen 14 Uhr und 18 Uhr besetzt. Danach rufen Berater nach Wunsch zurück. Sie solle eine Hotline für Menschen sein, "die aufgrund der Berichterstattung aufgewühlt sind und mit jemandem sprechen müssten", sagte der Trierer Bischof Stephan Ackermann schon vor der Vollversammlung.  Die Bischöfe hatten bereits zwischen 2010 und 2012 eine Hotline geschaltet. In diesem Zeitraum wurden rund 8.500 Gespräche geführt.

Die Bischöfe tagen noch bis einschließlich Donnerstag zu ihrer Vollversammlung in Fulda. Die Missbrauchsstudie und die daraus zu ziehenden Konsequenzen sind Hauptthema ihrer Beratungen. (gho)