Selbstbewusste Kirche in trister Umgebung
Der Ersatzstandort für die Hedwigs-Kathedrale liegt im Wedding

Selbstbewusste Kirche in trister Umgebung

Weil die Berliner Hedwigs-Kathedrale saniert werden muss, zieht die Domgemeinde am Wochenende in die St.-Joseph-Kirche im Stadtteil Wedding um. Ein Besuch dort gleicht einer Reise in eine andere Welt.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 01.09.2018

Mit der U-Bahn sind es von der Haltestelle "Französische Straße" nur sechs Stationen. Und doch gleicht die Fahrt mit der U6 von der Mitte Berlins in den nördlich gelegenen Stadtteil Wedding beinahe einer Reise in eine andere Welt. Vom herausgeputzten Zentrum mit seinen vielen Sehenswürdigkeiten, historischen Prachtbauten und eleganten Geschäften fährt man unter der Friedrichstraße und der Chausseestraße entlang bis zur Haltestelle "Wedding". Dort angekommen hat man – nach nur etwa zehn Minuten Fahrt – das Gefühl, in einer anderen Stadt zu sein.

Während Berlins Mitte in weiten Teilen wohlgepflegt und fast puppenstubenhaft ist, kommt Wedding trist und rau daher. Der ehemalige Arbeiter- und heutige Multikulti-Stadtteil mit seinen vielen sozialen Problemen hat keinen sonderlich guten Ruf. Ein Szenekiez wie Kreuzberg oder Friedrichshain ist er bislang nicht geworden, und ein Ort zum Wohlfühlen und Verweilen ist er auch nicht.

Ein muslimisch geprägter Stadtteil als neuer Mittelpunkt des Erzbistums

Mitte und Wedding mögen also geografisch nah beieinander liegen; architektonisch, gesellschaftlich und kulturell könnten sie kaum weiter auseinander sein. Diese Erfahrung dürften künftig verstärkt auch die Katholiken in Berlin machen. Schließlich wird der eigentlich stark muslimisch geprägte Wedding – in dem Stadtteil gibt es berlinweit die meisten Moscheen – von diesem Sonntag an zum neuen Mittelpunkt des Erzbistums Berlin.

Linktipp: So zieht die Berliner Hedwigs-Kathedrale um

Anfang September wird die Berliner Hedwigs-Kathedrale für die bevorstehende Sanierung geschlossen. Im Interview spricht Dompropst Tobias Przytarski über den Umzug an den Ersatzstandort im Wedding. (Interview von August 2018)

Weil die St. Hedwigs-Kathedrale am schicken Bebelplatz in Mitte bis zum Jahr 2023 umfangreich saniert und umgebaut werden soll, dient die St.-Joseph-Kirche in der Müllerstraße im Herzen von Wedding dem Metropolitankapitel und der Domgemeinde als Ersatzstandort. Alle Gottesdienste der Domgemeinde sowie die zentralen Messen mit Erzbischof Heiner Koch finden in den kommenden fünf Jahren in St. Joseph statt. Die Kirche wurde vor allem deshalb ausgewählt, weil sie ausreichend groß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar ist.

Die Gemeindemitglieder von St. Hedwig sowie alle Gläubigen, die gerne mal einen Gottesdienst in die Hauptkirche des Erzbistums mitfeiern, müssen also ab Sonntag in den Wedding kommen. Und für viele von ihnen dürfte die U6 tatsächlich die bequemste Verbindung für ihre "Weltreise" aus den oftmals gediegenen Stadtteilen im Süden und Westen Berlins in den rauen Norden sein.

Wenig einladende Umgebung

Wer dort angekommen aus der Haltestelle an die Oberfläche tritt, sieht als erstes die wenig einladenden Gebäude der Berliner SPD-Zentrale und des "jobcenters" der Agentur für Arbeit. In den ebenfalls wenig ansehnlichen Häusern in der unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich der für sozialschwache Stadtteile übliche Mix aus Handyläden, Wettbüros und Frisörsalons. St. Joseph selbst folgt ein paar Schritte weiter. Wie viele Berliner Kirchen steht das Gotteshaus nicht frei, sondern ist in die umgebende Bebauung integriert. Im unscheinbaren Haus unmittelbar links neben der Kirche bietet "Star Reisen" günstige Flüge und Urlaubsreisen vorwiegend in die Türkei an, im Haus rechts neben dem Gotteshaus locken ebenfalls ein Reisebüro und ein kleiner arabischer Supermarkt.

Mit seiner Doppelturmfassade und dem leicht vortretenden Spitzgiebel des Mittelschiffs präsentiert sich St. Joseph in dieser wenig einladenden Umgebung mächtig und selbstbewusst. Die Türme des Gotteshauses überragen die Häuser in der Nachbarschaft deutlich und lassen auch die vor ihnen entlangführende, vierspurige Müllerstraße klein erscheinen.

Die St.-Joseph-Kirche im Berliner Stadtteil Wedding ist in den kommenden Jahren der Ersatzstandort für die Hedwigs-Kathedrale.

Errichtet wurde St. Joseph in den Jahren 1907 bis 1909. Grund für den Bau war das rasante Bevölkerungswachstum Berlins seit der Gründung des Kaiserreichs, das auch zu einem starken Zuwachs an Katholiken geführt hatte und neue Kirchen notwendig machte.

Einer der Architekten von St. Joseph war der Kirchenbaumeister Wilhelm Rincklake, der seit 1896 als Pater Ludgerus im Benediktinerkloster Maria Laach lebte. Gemeinsam mit dem Berliner Architekten Wilhelm Frydag entwarf Rincklake eine dreischiffige Basilika im neoromanischen Stil, hinter deren eindrucksvoller Fassade sich der Kirchenraum und die angegliederten Gemeindebauten tief in das rückseitige Grundstück erstrecken. Das Gotteshaus konnte zwar bereits nach nur rund eineinhalb Jahren Bauzeit geweiht werden, trotzdem dauerte es wegen Geldmangels noch bis in die 1920er-Jahre, ehe das Gebäude vor allem im Inneren vollständig fertiggestellt war.

Eindrucksvoller Innenraum im Stil der Beuroner Schule

Trotz beträchtlicher Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ist der Innenraum von St. Joseph noch immer eindrucksvoll. Mit seinen Rundbögen, Säulen und Kapitellen knüpft er an die romanische Kirchenbaukunst des 12. Jahrhunderts im Rheinland an. Ursprünglich war der Kirchenraum vollständig im Stil der Beuroner Schule ausgemalt, bei den Renovierungen nach dem Krieg wurde jedoch auf die Wiederherstellung der Deckenbemalung und der Wandbilder im Langhaus verzichtet. Erst seit ein paar Jahren arbeitet die Gemeinde mit großem Engagement daran, die historische Ausmalung Stück für Stück wiederherzustellen.

In der Krypta unterhalb der Apsis gibt es zudem eine weitere Besonderheit: Hier wird seit 1995 des hingerichteten Priesters und Hitler-Gegners Max Josef Metzger (1887-1944) gedacht, der während des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde lebte. Das Kreuz in der Krypta ist ein stilisiertes Fallbeil und der Altar ist dem Hinrichtungstisch in Brandenburg nachempfunden, auf dem Metzger wegen seiner pazifistischen Überzeugung hingerichtet wurde. An den Priester erinnert zudem der Max-Josef-Metzger-Platz gegenüber von St. Joseph, der derzeit neu gestaltet wird.

Von Steffen Zimmermann