So leben Juden in Deutschland im Jahr 2018
Bild: © Roman März
Neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

So leben Juden in Deutschland im Jahr 2018

Wie gestalten Juden in Deutschland heute ihren Alltag und ihr religiöses Leben? Und wie schauen sie auf das deutsch-jüdische Verhältnis? Diesen und weiteren Fragen widmet sich eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 26.11.2018

Wenn vom Judentum in Deutschland die Rede ist, richtet sich der Blick oft zuerst in die Vergangenheit. Kein Wunder – wurde das jüdische Leben hierzulande durch den Zivilisationsbruch des Holocaust doch fast vollständig ausgelöscht. Dennoch zeigt der Blick in die Geschichte nur ein unvollständiges Bild. Schließlich leben in der Bundesrepublik heute – 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – wieder rund 200.000 Juden.

Wie aber leben jüdische Menschen im Jahr 2018 hierzulande? Wie gestalten sie ihren Alltag und ihr religiöses Leben? Und wie schauen sie – gerade auch in Zeiten des wieder anwachsenden Antisemitismus – auf das deutsch-jüdische Verhältnis? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die neue Ausstellung "A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart", die von diesem Montag an im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist.

"Die jüdische Gegenwart in ihrer Vielstimmigkeit zeigen"

Die Schau, die bis zum 30. September 2019 in der Eric F. Roos Galerie des Museums gezeigt wird, will jüdische Identitäten und Lebensrealitäten in Deutschland anhand der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets im Wortsinn durchbuchstabieren. "Die Ausstellung widmet sich der jüdischen Gegenwart in ihrer Vielstimmigkeit und ihren Widersprüchen", sagte Leontine Meijer-van Mensch, die Programmdirektorin des Museums, bei einer Vorbesichtigung der Ausstellung am Freitag. Viele Juden definierten ihr Verhältnis zu Deutschland heute neu: Sie lehnten es ab, sich ausschließlich zwischen den Begriffen Schoah, Antisemitismus und Israel verorten zu lassen, so die gebürtige Niederländerin, die seit Februar 2017 in dem Berliner Haus tätig ist.

Linktipp

Weitere Informationen zur Austellung "A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart" finden Sie auf der Internetseite des Jüdischen Museums Berlin.

Auf 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche können sich die Besucher an 22 dreidimensionalen Buchstaben über jüdisches Leben in Deutschland informieren; es sind Momentaufnahmen, die Einblick in den Alltag religiöser, alteingesessener oder gerade erst in Deutschland angekommener Juden geben. Wer die einzelnen Stationen der von Kuratorin Miriam Goldmann konzipierten Ausstellung abläuft, merkt schnell, wie vielfältig und international das jüdische Leben in der Bundesrepublik im Jahr 2018 ist. In Herkunft, Sprache und religiöser Praxis unterschieden sich die Juden in Deutschland teilweise erheblich – die Schau spiegelt diese Buntheit in Fotografien, Videoarbeiten, Gemälden und rituellen Gegenständen eindrücklich wieder.

Die lebensgroßen Buchstaben lenken jeder für sich den Blick schlaglichtartig auf den jüdischen Alltag. Das "Bet" etwa, der zweite Buchstabe des hebräischen Alphabet, greift die Zeremonie der Bar Mitzwa und der Bat Mitzwa auf, mit der Jungen ab 13 Jahren und Mädchen ab 12 Jahren in einem traditionellen Ritus als erwachsene Mitglieder in die jüdischen Gemeinden aufgenommen werden. "Kaf" wiederum, der elfte Buchstabe des Alphabets, steht in der Ausstellung für "koscher" und informiert über die jüdischen Speisegesetze. Unter anderem erfährt der Besucher dabei, welche Lebensmittel überhaupt koscher und welche Tiere rituell erlaubt sind; und das Milch und Fleisch nicht gemeinsam verwendet werden dürfen.

Die Buchstaben "Sajin" und "Nun" widmen sich jüdischer Musik. Unter anderem erzählen sechs jüdische Musiker, wie sich ihr Judentum in ihrer Musik ausdrückt – oder eben nicht. Eine Playlist zeigt daneben die Bandbreite jüdischer Popmusik in Deutschland und lädt zum Nachdenken über die Frage "Was ist jüdisch?" ein. Außerdem erhält der Besucher Einblick in die "Jewrovision", den größten jüdischen Musik- und Tanzwettbewerb in Deutschland.

Ein Mädchen hält ihre Bat-Mizwa-Rede: Auch dieses ist in der Ausstellung zu sehen.

Doch auch Provokatives wird präsentiert. Der Buchstabe "Dalet" etwa steht in der Ausstellung für "Desintegration" und beschreibt die Bewegung einer neuen Generation jüdischer Künstler, die sich von der deutschen Erinnerungskultur nicht mehr als Opfer vereinnahmen lassen will. Der zehnte Buchstabe – "Jud" – zeigt den berüchtigten gelben Stern, den Juden ab September 1941 im NS-Staat tragen mussten. Der Stern, der für seine Träger Isolation und Stigmatisierung bedeutete, wird in der Ausstellung von der israelischen Künstlerin Zoya Cherkassky radikal umgedeutet – zu einem goldenen Schmuckstück. Indem Cherkassky das antisemitische Zeichen aus seinem Kontext löst, stellt sie provozierende Fragen zu jüdischer Identität und Erinnerungsritualen.

Ausstellung gemeinsam mit Schülern konzipiert

Konzipiert wurde die Ausstellung nach Angaben von Leontine Meijer-van Mensch erstmals gemeinsam mit mehr als 100 Schülern von drei Berliner Schulen. Ihre Fragen, Ideen und Recherchen seien in die Schau mit eingeflossen. Unter anderem produzierten die Schüler für den Buchstaben "Waw" vier Videos mit den Titeln "Wünsche", "Klischees", "Fragen" und "Abschalten". Für Meijer-van Mensch ist die Beteiligung der Schüler ein wichtiger Baustein, um das Jüdische Museum in den kommenden Jahren stärker für junge Menschen zu öffnen und so auch neue Zielgruppen für das Haus zu erschließen.

Die Ausstellung "A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart" lohnt einen Besuch. Sie ist informativ, ohne belehrend zu sein. Sie gibt einen spannenden Einblick in das jüdische Leben, ohne den Besucher mit zu vielen Details zu überfordern. Sie zeigt Ernstes und Nachdenkliches, ohne das Heitere und Schöne des jüdischen Alltags zu vernachlässigen. Und sie lenkt den Blick auf eine jüdische Gegenwart in Deutschland, die in der breiten Öffentlichkeit noch viel zu unbekannt ist – angesichts ihrer Buntheit und Vielfalt aber definitiv eine intensivere Betrachtung wert ist.

Von Steffen Zimmermann