Ein Schauspieler mit einer Dornenkrone und einem Kreuz, daneben andere Schauspieler in Straßenkleidung
Bild: © KNA
Ein Muslim inszeniert das Leiden Jesu

Überraschung in Oberammergau

Die Oberammergauer Passionsspiele sind ein religiöses Großevent. Nun hat der Gemeinderat ausgerechnet einen gläubigen Muslim zum Spielleiter gemacht. Doch diese Nachricht hat nur auf den ersten Blick das Zeug zum Skandal.

Von Uwe Bork |  Oberammergau - 20.07.2015

Das Potential für weltweite Schlagzeilen besaß beides nicht, das barg allein der erste Punkt der Agenda. Ging es in ihm doch darum, ob Oberammergaus Bürger bereit waren, einen Muslim zum zweiten Spielleiter ihrer alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele zu machen. Dieses religiöse Großevent hatte während seiner letzten Spielzeit vor fünf Jahren immerhin rund eine halbe Million Besucher in das noch nicht einmal 6.000 Seelen starke Dorf gelockt: Tendenz weiter steigend.

13 zu fünf Stimmen im Gemeinderat

Die Entscheidung, die der Gemeinderat nach eineinhalbstündigen Beratungen und zum Teil heftigen Diskussionen schließlich mit dreizehn zu fünf Stimmen ausgesprochen deutlich fällte, ist keine, die man auf den einfachen Nenner weltoffenes Multikulti gegen bornierten Provinzialismus bringen könnte. Wie Ratsherr Ludwig Utschneider gegenüber den Medien erklärte, ging es bei der Debatte vielmehr um "die entscheidende Frage: Schaffen wir es, die Kernbotschaft der Passion auf die Bühne zu bringen und das glaubwürdig den Gästen zu vermitteln?"

Ausgerechnet ein gläubiger Muslim soll mit dem berserkerhaften Spielleiter Christian Stückl nun als dessen Stellvertreter dafür sorgen, dass das Leiden Jesu in den traditionsreichen und inzwischen mehr als 380 Jahre alten Passionsspielen so auf und über die Bühne kommt, dass die christliche Botschaft der Aufführungen gewahrt bleibt? Da hatten nicht nur viele Oberammergauer ihre Zweifel, da könnte sich auch außerhalb des Dorfes in der Tat die Vermutung aufdrängen, dass hier ein weiteres Stück urtümlicher bis urtümelnder Volksfrömmigkeit dem schlagkräftigen Doppel von Kunst und Kommerz geopfert wurde.

Regisseur Stückl für Passion 2020 nominiert

Regisseur Christian Stückl (54) soll 2020 ein viertes Mal die Oberammergauer Passionsspiele inszenieren. Am Dienstag entscheidet der Gemeinderat über die Vergabe der Spielleitung. Ernsthafte Gegenkandidaten sind nicht in Sicht.

Schaut man allerdings genauer auf die namentlich für viele Nicht-Bayern sicher überraschenden Ereignisse im Tal der Ammer, erweist sich schnell, dass alle Befürchtungen über einen religiösen Substanzverlust gegenstandslos sind. Der neue 'Zweite Spielleiter' Abdullah Kenan Karaca hat zwar tatsächlich türkische Wurzeln, geboren wurde er jedoch 1989 im unzweifelhaft bayrischen Garmisch-Partenkirchen, aufgewachsen ist er sogar in Oberammergau selbst. Markus Köpf, Chef der CSU-Fraktion im Oberammergauer Gemeinderat, zeigt sich denn auch inzwischen leicht genervt durch das mediale Interesse für die dörfliche Personalentscheidung: "Mich stört, dass ich in einem Zeitungsartikel zehnmal lesen muss: 'der junge Türke' oder 'der Muslim'. Der Abdullah ist ein Oberammergauer."

Mehr noch: Abdullah Kenan Karaca, der mit seinen schwarzen Haaren, seinen buschigen Brauen und seinem Kinnbart auch sehr gut als Jesus-Darsteller auf den Bühnenbrettern des Passionsspielhauses durchgehen könnte, ist kein Neuling beim frommen Spiel. Schon im Alter von elf Jahren wirkte er dort mit, als Spielleiter Stückl ein Kind im Ensemble brauchte. "Aber mach ihn mir bloß nicht katholisch!" soll der Vater des kleinen Abdullah damals bei Stückl zur einzigen Bedingung gemacht haben, - und sie wurde allem Anschein nach erfüllt.

Karacas Religion ist immer noch der Islam, er zieht jedoch klare Trennungslinien zwischen seinem persönlichen Glauben und seiner beruflichen Arbeit. Über das Passionsspiel sagt er: "Ich weiß, dass es ein christliches Gelübde ist. Und da spielt meine Religion erst mal keine Rolle." Chef Stückl sekundiert in breitestem Bayrisch: "Wenn jemand mit Respekt mit der Sache umgeht, dann kann der Blick von außen ein guter sein."

Oberammergaus CSU-Bürgermeister Arno Nunn ist mit dem neuen Mann für das alte Spiel entsprechend zufrieden: "Ich sehe das absolut als Chance. Es bildet das ab, was in der Gesellschaft passiert um uns herum. Warum soll das hier anders sein?"

"I bin a echte Oberammergauerin. Mir tut das richtig weh."

Sein gesamtes Dorf hat er dennoch nicht hinter sich. Gerade manche Alteingesessene sind mit Sätzen zu hören wie "I bin a echte Oberammergauerin. Mir tut das richtig weh." oder etwas missverständlicher "So was hätt's früher nicht geben..." Ein anderer Teil der Dörfler verweist dagegen darauf, dass etwa bei den sogenannten "Herrgottsschnitzern", für die der Ort ebenfalls bekannt ist, schließlich auch niemand frage, ob sie voll und ganz auf dem Boden des Apostolischen Glaubensbekenntnisses stünden. Diese Oberammergauer feiern den Entscheid für Karaca als Beweis für künstlerische Freiheit und Weltoffenheit und sehen sich dabei sogar aus Rom unterstützt:  "Ich finde, Papst Franziskus kann stolz auf uns sein. Weil wir hier Integration leben."

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Video: © katholisch.de

Die große Passion: Seit bald 400 Jahren wird in dem oberbayerischen Dorf Oberammergau die Leidensgeschichte Jesu auf der Bühne nachinszeniert. 1632 versprach man, alle zehn Jahre die "Passionstragödie" aufzuführen, wenn die Pest das Dorf nicht weiter dezimiere. Im Jahr 2010 fand die Aufführung zuletzt statt.Der Filmregisseur Jörg Adolph und sein Team haben die Vorbereitungen der Produktion über drei Jahre begleitet und eine einzigartige Dokumentation über die berühmten Passionsspiele erschaffen.

Abdullah Kenan Karaca hat unbeeindruckt von den Meinungsverschiedenheiten am Rande seiner Ernennung inzwischen eine ganz aktuelle Visitenkarte in Oberammergau hinterlassen und dort jetzt Shakespeares 'Romeo und Julia' inszeniert. Wie bei den Passionsspielen üblich kam dabei die komplette Darstellerriege übrigens aus dem Dorf. Man kennt sich also wohl nicht nur, man schätzt sich auch.

Und das könnte für die nächste Spielzeit in fünf Jahren doch als gutes Vorzeichen gelten...

Von Uwe Bork