Das neue Kirchenzentrum in Poing
Kirchenarchitektur und die Wünsche der Gläubigen

Warum niemand mehr gotische Kirchen baut

Zeitgenössische Gotteshäuser sind oft schmucklos, weiß, minimalistisch. So wie das neue Kirchenzentrum in Poing bei München. Doch warum müssen Gläubige heute auf Blattgold und gotische Fenster verzichten? Das erklärt Benedikt Hotze vom Bund Deutscher Architekten im Interview.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 31.05.2019

Am Wochenende wurde das Kirchenzentrum Seliger Pater Rupert Mayer in Poing mit dem Architekturpreis "Große Nike" des Bunds Deutscher Architekten (BDA) ausgezeichnet. Der zeitgenössische Bau nach einem Entwurf des Münchener Architekten Andreas Meck ist einem Kristall nachgeahmt. Katholisch.de hat mit dem Pressesprecher des BDAs, Benedikt Hotze, darüber gesprochen, warum heute keine gotischen Kirchen mehr gebaut und prämiert werden.

Frage: Herr Hotze,  wie konnte sich die Kirche in Poing gegen die Elbphilharmonie durchsetzen?

Hotze: Sie bildet das so nicht vorhandene Ortszentrum von Poing überhaupt erst aus. Jeder Ort im weiteren Umkreis von München, der eine S-Bahn-Haltestelle hat, ist in den letzten Jahren unheimlich gewachsen. Weil die Mieten in München einfach unbezahlbar geworden sind. Das alte Dorf hatte natürlich eine Kirche. Aber mit dem großen Wachstum des Ortes ist sie nicht so positioniert, um diese neue Stadt städtebaulich zu definieren. Deshalb kommt dem Kirchenzentrum eine Funktion als neue Mitte von Poing zu. Natürlich soll das Gebäude auch für das Christentum im vorstädtischen Umfeld stehen, das tut es aber nicht mit monumentalen Mitteln, sondern mit einer zurückgenommenen Anpassung und innovativen Formgebung und Materialität.

Frage: Was zeichnet denn die Kirche außer ihrer geographischen Lage aus?

Hotze: Der Innenraum wird durch drei kalkuliert gesetzte Lichtöffnungen in der Dachlandschaft belichtet. Das spielt mit der Symbolik der Dreifaltigkeit und erzeugt eine besondere sakrale Lichtstimmung und Lichtführung. Der gesamte Raum ist gleichzeitig aber unspektakulär und gänzlich ohne triumphale Gestik.

Frage: Ist diese Schlichtheit typisch für den aktuellen Kirchenbau?

Hotze: Nüchternheit und Minimalismus sind durchaus typisch. Vor drei Jahren hat die Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig die "Nike" für Symbolik gewonnen. Auch wenn diese eine eher kubische Anmutung hat, treffen durchaus die gleichen Merkmale wie in Poing zu.

Blick ins schlichte Innere des Kirchenzentrums Poing

Das Innere der Kirche ist schlicht gehalten, um den Gläubigen einen Ort der Kontemplation zu geben. Eine bewusste Nüchternheit ist typisch für den aktuellen Kirchenbau.

Frage: Kann man also einen Trend franziskanischer Bescheidenheit bei den kirchlichen Entscheidungsgremien feststellen?

Hotze: Franziskanische Bescheidenheit, so kann man das nennen. Allerdings entscheiden letztlich nicht die Pfarrer über einen Kirchenneubau. Die Kirchen in Leipzig und Poing sind aus Wettbewerben hervorgegangen. Das ist im Vergaberecht übrigens eine absolute Ausnahme. Denn normalerweise muss immer der preisgünstigste Anbieter ausgewählt werden. Im Architekturbereich soll aber nicht zwingend die billigste, sondern die beste Lösung gefunden werden. Eine unabhängige Jury entscheidet dann über die Vergabe. Dort herrscht ein Mehrheitsprinzip: Die Fachpreisrichter, die Architekten, haben immer eine Stimme mehr als die Sachpreisrichter, zu denen Bauherrenvertreter, Politiker und Gemeindemitglieder gehören.

Frage: Diktieren die Architekten den Gläubigen also ihren Minimalismus auf?

Hotze: Von Diktat würde ich nicht reden. Es ist eine demokratische Entscheidung. Und es ist ja auch nicht ausgemacht, dass alle Architekten in der Jury einer Meinung sind und für das gleiche Projekt stimmen. Aber wenn hinter Ihrer Frage steht, dass bei den Gläubigen eine Ablehnung einer solchen Formensprache herrschen könnte, verweise ich auf die baukulturellen Aspekte. Seit vielen Jahren nehmen beide Kirchen ihren Auftrag sehr ernst was Neu- oder Umbauten angeht. In einer Zeit des Kirchensterbens, in der viele Pfarrkirchen profaniert, entwidmet, teilweise verkauft und abgerissen werden, wäre es meiner Meinung nach für die Kirche unklug, wenn sie mit besonders bombastischen oder reich geschmückten Neubauten auftreten würde. Das passt einfach nicht zu den Bildern von Kirchenabrissen, die man seit vielen Jahren leider immer wieder sehen muss.

Frage: Wobei überwiegend die Nachkriegsarchitektur abgerissen wird…

Hotze: Das ist richtig. Das liegt natürlich auch daran, dass nach dem Krieg durch die Verschiebung der Bevölkerungsstruktur viele Kirchenneubauten notwendig geworden waren. In typisch evangelische Gegenden kamen plötzlich Katholiken und umgekehrt. Wie wir wissen, sinkt die Zahl der Gläubigen heute aber, sodass viele dieser Gebäude, die vielleicht damals schon überdimensioniert oder fehlplatziert waren, inzwischen nicht mehr aufrechtzuerhalten sind. Zuerst müssen immer die Nachkriegskirchen dran glauben. Aber es gibt auch Beispiele bei denen ältere Kirchen aufgegeben wurden.

Frage: Viele Gläubige wünschen sich aber eher traditionelle Kirchen. Was entgegnen Sie denen?

Hotze: Kirchen bis in die Zeit des Historismus im 19. Jahrhundert wären von ihrem Bauaufwand heute nicht mehr realisierbar. Denken Sie an die reichverzierten Fassaden neugotischer Kirchen mit Maßwerken, Fialen, mehreren Türmen und gemauerten Gewölben. Das wäre heute bautechnisch nur in einem musealen oder denkmalpflegerischen Zusammenhang machbar. Die durch Brand beschädigte Kathedrale Notre-Dame in Paris muss mit einem Aufwand von hunderten Millionen und einem hohen Zeitaufwand wiederhergestellt werden. Eine solche Bauweise wäre – wenn es keine weltberühmte Kathedrale wäre – weder finanzierbar noch den Gläubigen vermittelbar. Denn es handelt sich neben öffentlichen Fördermitteln auch um Kirchensteuergelder.

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Die Weihe der neuen Kirche Seliger Pater Rupert Mayer in Poing war ein besonderes Ereignis für das Erzbistum München-Freising.

Frage: Das heißt es geht bei der Entscheidung für zeitgenössischen Kirchenbau und gegen historisierende Gebäude im Endeffekt um Geld?

Hotze: Nein, es ist auch eine baukulturell gewollte Setzung der Entscheidungsträger.

Frage: Es werden also heute keine historisierenden Kirchen mehr in Auftrag gegeben?

Hotze: Zeigen Sie mir die kirchlichen Kontexte, in denen so etwas seit den 1920er Jahren gebaut worden wäre. Es sind absolute Ausnahmen. Der Historismus endete mit dem Ersten Weltkrieg. Und seitdem waren die Kirchen Vorreiter bei der Findung neuer Konzepte. Denken Sie an Architekten wie Dominikus und Gottfried Böhm oder die nüchterne Fronleichnamskirche in Aachen von Rudolf Schwarz. Das sind Meilensteine der Architekturgeschichte. Deswegen täte die Kirche nicht gut daran, heute in neuen städtebaulichen Kontexten eine historisierende Kirche zu bauen. Ich glaube, das würde das Ansehen der Kirche eher beschädigen als ihm nutzen.

Frage: Weil sie dann als traditionalistisch wahrgenommen werden würde?

Hotze: So würde ich das sehen. Die Kirche in Poing wäre keinem Architekturpreis auch nur eine Erwähnung wert gewesen, wenn sie in einer traditionalistischen Bauweise errichtet worden wäre. Seit den 1920er Jahren war es immer der Anspruch der Kirchen, zeitgemäß zu gestalten und nicht retrospektiv. Das ist also kein neues Phänomen, sondern seit fast hundert Jahren durchgängiges Prinzip des Kirchenbaus in unserem Land.

Frage: Und was bietet ein zeitgenössischer, bewusst schlichter Kirchenbau den Gläubigen?

Hotze: Kontemplation vielleicht. Auch die Maßstäblichkeit spielt eine Rolle, die Anordnung der Kirchenbänke, die Seitenräume und Zusatzfunktionen. Im evangelischen Bereich gibt es Kirchen und Gemeindezentren, die nur noch einen recht kleinen sakralen Feierraum vorsehen und ansonsten der Nutzung als Kindertagesstätte, Gemeindebüro und Veranstaltungssaal dienen. Die vielfältige Nutzung, die eine Kirchengemeinde heute von ihrem Gebäude erwartet, ist in einem modernen Bau einfach besser unterzubringen als in einem riesigen neugotischen Kirchenschiff, wo es noch nicht einmal eine Toilette gibt, weil die eben nicht vorgesehen war.

Frage: Sind Kirchen heute eher auf den menschlichen Maßstab angepasst als neugotische Dome?

Hotze: Dass man Kirchen nicht mehr als Kirchen erkennen können sollte, war in den 1960er Jahren der letzte Schrei. Der Kirchenbau heute hat nicht mehr vornehmlich die Funktion, das Christentum demonstrativ im Stadtbild zu verorten. Es sollen eher dienende Gebäude sein, die den Gläubigen einen menschlichen Maßstab anbieten. In Poing ist aber beides gelungen. Sowohl der menschliche Maßstab, als auch die städtebauliche Vollendung durch die kluge Setzung dieses Gebäudes. Und der weithin sichtbare, steil nach oben zeigende Gebäudeteil ist eine moderne Interpretation des klassischen Kirchturms. Vor Ort hat die Kirche deshalb schon den Spitznamen "Sprungschanze Gottes" bekommen.

Von Cornelius Stiegemann

Die "Große Nike" für das Kirchenzentrum Seliger Pater Rupert Mayer in Poing

Der BDA-Architekturpreis "Nike" wird alle drei Jahre verliehen. Er ist einer der wichtigsten Architekturpreise in Deutschland. Die 16 Landesverbände des BDA nominieren dafür bereits auf Landesebene preisgekrönte Projekte. Eine unabhängige Jury aus Präsidiumsmitgliedern des BDA, freien Architekten, Journalisten und Bauherrenvertretern prämiert die Vorschläge dann anhand von mehreren Kategorien. Die "Nike" wird in den Einzelkategorien Symbolik, Neuerung, Atmosphäre, Komposition, Fügung und sozialem Engagement verliehen. Die "Große Nike" muss in allen Kategorien gleichzeitig überzeugen.