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Katholisch.de-Interview mit Islam-Kenner Pater Felix Körner

Warum Papst Franziskus der Dialog mit Muslimen so wichtig ist

Heute beginnt Papst Franziskus seinen historischen Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bereits im März wird er in ein anderes islamisches Land reisen, nach Marokko. Warum dem Papst der Kontakt zu Muslimen so wichtig ist, erklärt Islam-Kenner Pater Felix Körner im Interview.

Von Johannes Schidelko |  Rom - 03.02.2019

Gleich zweimal besucht Papst Franziskus in den kommenden Wochen islamische Länder: Ab Sonntag die Vereinigten Arabischen Emirate und Ende März Marokko. Zum christlich-islamischen Dialog und zu den unterschiedlichen Gastländern äußert sich der Islam-Experte und Professor an der Gregoriana-Universität Felix Körner SJ.

Frage: Pater Körner, zum ersten Mal besucht ein Papst die Arabische Halbinsel. Mit welcher Intention, und warum gerade jetzt?

Körner: 2019 ist ein interessantes Jubiläum für christlich-islamische Beziehungen. Vor 800 Jahre kam es zur Begegnung von Franz von Assisi mit al-Kamil, dem Sultan von Ägypten, dem Neffen und Schwiegersohn Saladins. Papst Franziskus will, wie er beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps betonte, anlässlich dieser historischen Begegnung den interreligiösen Dialog und die gegenseitige Kenntnis zwischen den Gläubigen beider Religionen weiter fördern.

Franz von Assisi war mit den Kreuzzüglern nach Damiette in Ägypten gekommen. Seine Begegnung mit dem Sultan war sicher kein Dialog, das wäre übertrieben. Ob er wirklich den Islam verstehen wollte, sei dahingestellt. Aber es war für ihn eine friedliche, demütige Geste, mit der er das Christentum bezeugen wollte. Insofern kann sich Papst Franziskus, der sich von Anfang an mit dem heiligen Franz identifiziert hat, auch daran orientieren.

Frage: Welche Rolle spielt denn der interreligiöse Dialog für den Papst, insbesondere der Kontakt zum Islam? Wie sieht sein Konzept aus?

Körner: Schon bei seiner Heilig-Land-Reise 2014 hat Franziskus eine Art Dialogprogramm in vier Punkten vorgelegt, das er wohl auch in Abu Dhabi fortsetzen dürfte. Erstens: Christen und Muslime sollen einander als "Brüder und Schwestern" anerkennen. Sie haben einen gemeinsamen Vater und stehen unter seinem Schutz. Sie sind Geschöpfe und Gerufene des einen Gottes. Dann sagte er: "Lernen wir den Schmerz des anderen zu verstehen." Dieser Aufruf zur Empathie ist für mich der Schlüssel zu seinem Engagement. Man solle sich in den anderen hineinversetzen und begreifen, dass es dort Zusammenhänge und Verstrickungen gibt, die ganz ähnlich auch unsere eigene Lage kennzeichnen.

Drittens wendet sich Franziskus entschieden gegen eine Rechtfertigung von Gewalt durch die Religion, gegen Gewalt im Namen Gottes. Schon in seinem Pontifikatsprogramm "Evangelii gaudium" warnte er vor Fundamentalismen auf beiden Seiten, die den Dialog behindern und erschweren. Schon Papst Benedikt XVI. hatte so gefragt: Die Religionskritik behauptet, die Religion sei der Ursprung von Gewalt; das wahre Wesen von Religion sei ganz anders. Aber worin besteht dieses Wesen – so dass man sagen kann, Religion kann Gewalt nicht rechtfertigen? Das ist eine Kernfrage an den interreligiösen Dialog. Meine Formel: Religion ist Anerkennung des anderen im vollen Sinne.

Der vierte Programmpunkt von Franziskus lautet: Arbeiten wir zusammen für Gerechtigkeit und Frieden. Schon durch die Mitnahme von einem muslimischen und einem jüdischen Freund zur Reise nach Jerusalem und jetzt nach Abu Dhabi (Omar Abboud und Abraham Skorka) will er wohl zeigen: Nur aus der Erfahrung der Freundschaft und der Einsicht, dass wir Geschwister vor Gott sind, kann man in die nächste Dimension des Dialogs kommen und eine gemeinsame Weltgestaltung angehen.

Bild: © KNA

Der Jesuit Felix Körner ist Professor für Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Er gilt als einer der besten Islam-Kenner der katholischen Kirche.

Frage: Es ist nicht die erste Reise von Franziskus in ein islamisches Land. Er war 2017 in Kairo, hat dort Großscheich al-Tayyeb von der einflussreichen Al-Azhar-Universität getroffen. Und der hat ihn zuletzt mehrmals in Rom besucht. Steht die jetzige Reise in dieser Folge?

Körner: Tayyeb ist in der Tat eine sehr wichtige Figur. Zwar gibt es im sunnitischen Islam kein offizielles Lehramt. Aber Al-Azhar hat hier einen wichtigen Rang - und weiß um seine Verantwortung. Ein Schlüsselwort ist für mich Tayyebs Aussage nach einem Attentat mit einem islamistischen Hintergrund: Wir müssen unsere Lehre erneuern. Das meint die Inhalte, aber auch die Art und Weise ihrer Vermittlung in einer Welt, in der die Menschen kritisch denken und auf ihr Gewissen zu hören lernen wollen.

Auch in Ägypten hatte Franziskus damals drei wichtige Vorgaben für einen interreligiösen Dialog genannt, die man die "Formel von Kairo" nennen kann: Die Pflicht der Identität. Ich gehöre zu einer Tradition und Glaubensgemeinschaft, für die ich als Zeuge stehe; als Gläubiger kann ich mich nicht mit einer billigen selbstgemachten Formel definieren. Weiter: Der Mut der Andersheit. Wir können Freunde bei aller Unterschiedlichkeit sein. Andersheit ist nicht die Verhinderung einer glückenden Gesellschaft, sondern die Grundlage einer Gesellschaft, die die Pluralität schätzen lernt und das Zeugnis in seiner Unterschiedlichkeit hochachtet. Und schließlich die Ernsthaftigkeit der Intentionen: Der Dialog ist keine Strategie mit Hintergedanken, sondern ein Weg der Wahrheit und der Bereitschaft, für Gerechtigkeit und Frieden mit allen zusammenzuarbeiten.

Frage: Warum besucht der Papst ausgerechnet die Emirate?

Körner: Ich sehe mehrere Motive. Im Moment fokussiert sich die Reflexion der Kirche und des Papstes auf die Frage der Migration. Und die Emirate sind ein Land, in dem viel mehr Migranten leben als Einheimische; es sind sogenannte Gastarbeiter, denen es aber oft schlecht geht. Gleichzeitig geht es ihm um den Kontakt mit Muslimen. Er wird mit dem Muslimischen Ältestenrat zusammentreffen und bei einer Interreligiösen Begegnung reden. Vor allem aber besucht er dort die zahlreichen Christen. In den Emiraten besteht ein äußerst aktives christliches Leben, eine große Zahl der Gastarbeiter sind Katholiken, von den Philippinen. Der aus der Schweiz stammende Kapuzinerbischof Paul Hinder leistet eine beeindruckende Arbeit. Der Papst trifft sich mit seinen Gläubigen und er feiert eine öffentliche Messe.

Frage: Ist das Klima also toleranter als in anderen Staaten der Region?

Körner: Toleranz ist nicht der passende Begriff. In den Emiraten herrscht eine klassische Scharia. Danach können Menschen, die bereits Christen sind, ihren eigenen Rechtsstatus haben und behalten. Jedoch wäre es völlig undenkbar, dass sich ein Muslim zum Christentum bekehrt – was eigentlich zur Toleranz dazugehörte. Christen werden jedoch normalerweise nicht bedrängt, dass sie Muslime werden sollen. Freilich können kritische Äußerungen über Mohammed oder den Koran rasch als Blasphemie ausgelegt werden. Aber die Christen dürfen ihr christliches Leben praktizieren, gute Verträge sichern ihre Rechte. Sie können ihren Glauben leben, allerdings eingeschränkt; sie dürfen ihn nicht – was eigentlich zum Christsein hinzugehört - gegenüber Nichtchristen bezeugen. Sie dürfen Gottesdienst feiern, normalerweise in geschlossenen Räumen. Insofern ist die öffentliche Messe zum Papstbesuch etwas Besonderes.

Bild: © KNA

Während seiner Ägypten-Reise 2017 besuchte Papst Franziskus die islamische Al-Azhar-Universität in Kairo. Er umarmte den Großscheich und geistlichen Leiter der Universität Ahmed al-Tayyeb zur Begrüßung.

Frage: Wie ist denn das Image des Papstes unter Muslimen?

Frage: Der Papst genießt bei Muslimen weltweit ein sehr hohes Ansehen. Und zwar oft mit der schönen Begründung: Er ist nicht nur das Gesicht der Christen, er ist das Gesicht des gläubigen Menschen. Er repräsentiert das, was eigentlich alle gläubigen Menschen tun wollen, er führt die Menschen zu Geschwisterlichkeit vor Gott zusammen. Seit seinem Amtsbeginn versucht er, den Kontakt zum Islam weiter aufrechtzuerhalten. Schon in den ersten Begrüßungen nach der Amtseinführung zeigte er, dass es für ihn keine Berührungsängste gibt; er bat etwa einen Muslim, für ihn zu beten.

Frage: Was erwarten Sie nun von der Reise? Für den Kontakt zum Islam, für die Begegnung mit den Christen.

Körner: Ich hoffe, dass der Besuch im Kontakt zum Islam, aber auch im Standing der Christen zu einer neuen Offenheit führt, die Vielheit hochzuachten. Die Begegnung von Menschen unterschiedlichen Glaubens ist eine positive Herausforderung: Wir können den anderen als Schwester und Bruder für eine gemeinsame Weltgestaltung erkennen und als Gesprächspartner, der mir meinen eigenen Glauben durch seine Fragen und sein verschiedenes Zeugnis noch einmal klarer macht.

Frage: Wenige Monate nach dem Besuch in Abu Dhabi besucht der Papst Marokko. Ist das eine logische Fortsetzung im Rahmen seiner Kontaktpflege mit dem Islam? Was ist anders?

Körner: Es sind zwei sehr unterschiedliche arabische Islame, die er besucht. Einerseits dieses reiche Land der Emirate mit den vielen christlichen Gastarbeitern und der drakonisch angewandten Scharia. Und andererseits das Königtum Marokko mit einer Kultur und Reflexion, die Richtung Europa und anderem Denken traditionell offen ist. Dort hatten hochrangige Muslime aus aller Welt vor drei Jahren in der "Erklärung von Marrakesch" einen Schutz für religiöse Minderheiten verlangt.

Dabei hatten die Gelehrten erstmals ihre Unterschrift unter ein Dokument mit einem Begriff aus der europäischen Aufklärungstradition gesetzt, und zwar dem des Bürgerrechtes, des Bürger-Seins: Die Rechtsgrundlage dafür, dass ein Mensch, der bei uns wohnt, Schutz und Freiheit genießt, ist nicht seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgruppe oder ethnischen Gruppe, sondern weil er hier Bürger ist.

Franziskus versucht den Gläubigen Inspiration zu sein im doppelten Sinn: Er will den Leuten neue Ideen vermitteln, wie sie ihre eigene Rolle in der Geschichte sehen können, aber er bezeugt ihnen damit auch den Geist Christi.

Zitat: Pater Felix Körner SJ

Frage: Sieht das die gesamte islamische Welt so?

Körner: Nein. In Nordafrika oder, sagen wir Indonesien, herrscht ein ganz anderer Geist als auf der arabischen Halbinsel, die jahrhundertelang erstaunlich bildungsfern war. Deshalb konnte sich ja auch der Wahhabismus im heutigen Saudi-Arabien so ausformen, der ja kein Reflex eines großen islamischen Geistes ist, sondern eine Verflachung bedeutet. Die Emirate unternehmen heute freilich neue Bildungsinitiativen, auch islamische. Das scheinen etwa diese Institutionen zu versuchen, mit denen der Papst bei seiner Reise in Kontakt tritt. Die Emirate wollen mit ihrem Reichtum ihre Bewohner nicht nur in Technik bilden, sondern wollen ihnen auch einen seriösen, tiefen Islam vermitteln, der seine eigene Tradition in der Breite kennt. Das ist etwas Neues.

Frage: Was bedeutet die Reise für die Christen?

Körner: Rückenstärkung und eine große Ermutigung. Franziskus versucht den Gläubigen Inspiration zu sein im doppelten Sinn: Er will den Leuten neue Ideen vermitteln, wie sie ihre eigene Rolle in der Geschichte sehen können, aber er bezeugt ihnen damit auch den Geist Christi. Bei seiner Ansprache in Straßburg benutzte er dazu den Begriff Animation – also Ermutigung, aber auch mit der Bedeutung "Ihr habt und ihr seid Seele".

Von Johannes Schidelko