Am Nikolaustag reicht der Nikolaus zwei Kindern eine Schale mit süßen Gaben
Neues Buch richtet sich an Erwachsene

Was Sie über den Nikolaus noch nicht wussten

Der heilige Nikolaus ist nicht nur etwas für Kinder. Ein neues Buch bietet 250 Seiten Lesestoff für Erwachsene. Und neben Backrezepten und Notizen zur Historizität des Bischofs von Myra gibt es auch theologische Deutungen – etwa der Gabentradition gegen den Geschenkewahn.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 06.12.2018

Wer ist der heilige Bischof von Myra? Diese Frage beantwortet Manfred Becker-Huberti gleich zu Beginn seines neuen Buches "Heiliger Nikolaus. Geschichte – Legenden – Brauchtum". Der Theologe verweist auf neuere Erkenntnisse. So seien früher die meisten Nikolaus-Forscher überzeugt gewesen, dass er sich nicht datieren lasse. "Inzwischen glaubt die Mehrheit der Experten, dass man ihn historisch im 4. Jahrhundert festmachen kann – auch  wenn das nicht im streng wissenschaftlichen Sinn bewiesen ist".

1953 sei sein Grab in der Nikolaus-Basilika im süditalienischen Bari geöffnet und die Gebeine untersucht worden. Und im Jahr 1992 wurden zudem die Nikolaus-Reliquien, die in Venedig aufbewahrt werden, unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Sie sind identisch mit denen von Bari und stammen von einem 72 bis 80 Jahre alten Mann aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Vor mehr als 900 Jahren hatten Kaufleute aus Bari die Knochen aus dem inzwischen von Christen verlassenen Myra an sich gebracht. Die später eingetroffenen Venezianer nahmen den Rest mit. Seit 2017 hoffen türkische Archäologen, unter der Nikolaus-Kirche in Myra das tatsächliche Grab des Heiligen zu finden: Sie entdeckten bei einer elektronmagnetischen Untersuchung einen Schrein, der aber schwer zu erreichen sei und noch nicht untersucht werden konnte.

Der Nikolaus sei der historische griechische Bischof Nikolaos, aber auch der Nikolaus der Legende, eine Verschmelzung aus zwei historischen Personen, so Becker-Huberti: dem Nikolaus von Myra (geboren zwischen 280 und 286 in Patara – gestorben am 6. Dezember zwischen 345 und 351) und Nikolaus von Sion. Dieser lebte rund 200 Jahre später und war Bischof von Pinara.

Der heimliche Gabenbringer

Als historische Tatsache gilt, dass Nikolaus schon früh zum Vollwaisen wurde – allerdings zu einem wohlhabenden, der mit seinem ererbten Vermögen Armen half. Er will nicht seinen irdischen Besitz vermehren, sondern die Menschen zu Jesus Christus in den Himmel führen. Aus gleich zwei Legenden leitete sich ab, warum Nikolaus zum Gabenbringer wurde. Laut der Mitgiftlegende beschenkte er noch als junger Mann nachts die drei Schwestern mit den Goldklumpen, die er durch das Fenster warf, damit sie die Möglichkeit hatten, zu heiraten. Sie wurden somit vom unehrenhaften Leben befreit, denn bis dahin mussten sich die drei jungen Frauen aus Armut prostituieren. Laut der Schülerlegende wiederum schenkte der Nikolaus den von einem habgierigen Wirt ermordeten und zum Zwecke des Weiterverkaufs an die Gäste eigepökelten Schülern das Leben wieder – er befreite sie somit vom Tod.

heilger Nikolaus von Myra

Eine Statue im Münchener Dom stellt den heiligen Nikolaus von Myra als westlichen Bischof dar. Die goldenen Kugeln verweisen auf die Mitgiftlegende; das Buch auf das "Buch des Lebens", das für Gottes Allwissenheit steht.

"Nördlich der Alpen gab es schon früh das Kinderbeschenkefest am 28. Dezember, dem Tag der Unschuldigen Kinder. Dieses Schenken ist dann zum Nikolaus verlagert worden, der ja auch schenkt," so Becker-Huberti. Beim Schenken solle nachvollzogen werden, was Nikolaus tut, der sich den Ärmsten und Verletzbarsten zuwendet. Laut dem Brauchtumsforscher erleben die Kinder am Nikolaustag, was es bedeutet, wenn der Himmel die Erde berührt. Dies sei etwas ganz anderes, als Kindern nur einige Bonbons in die Hand zu drücken.

Heute gibt es zwei Arten der Geschenkeübergabe: Socken, Stiefel oder Gabenteller werden heimlich über Nacht gefüllt – wie bei der Mitgiftlegende – und sollen das Schenken auf einen geheimnisvollen Wohltäter rückführen. Oder der Nikolaus kommt zu Besuch – ein Brauch, der auf das mittelalterliche Bischofsspiel zurückgeht. Hier spricht Becker-Huberti Warnungen an die Eltern aus: Dieser Besuch dürfe nicht von den Erwachsenen dazu missbraucht werden, damit der Nikolaus als "Angstmacher" Erziehungsfehler ausbügelt. "Ein Sack, in den Kinder gesteckt werden können, hat mit dem Heiligen nichts zu tun." Der Theologe empfiehlt, dass eine von den Kindern bekannte Person als Nikolaus eingesetzt wird oder dass die Verkleidung vor kleinen Kindern durchgeführt wird. Pädagogisch wertvoll sei es, wenn das Gute verstärkt und das Nicht-so-Gute negiert werde.

Der Sinn des Geschenks

Heute geht es in der hektischen Adventszeit oft darum, Wunschzettel abzuarbeiten. Aber die Geschenke, die Nikolaus brachte, waren nicht eine einfache Abwicklung von zuvor abgelieferten Listen des Geschenkebedarfs. Den ursprünglichen Sinn erklärt Becker-Huberti theologisch: "Die Geschenke des heiligen Nikolaus waren Zeichen für die Realpräsenz Gottes und die Teilnahme der Empfänger daran". Die Beschenkten sollten mit allen Sinnen erfahren, dass der Himmel für die, die in der Nachfolge Jesu lebten, schon auf Erden beginnt. Er verweist beim Stichwort "Sinne" auf Nikolaus-Gebäck – allen voran Spekulatius. Kinder bekamen nichts Lebensnotwendiges, sondern mit Nüssen, Äpfeln und Gebäck etwas, das über das Normale hinausgeht. "Man konnte anhand des süßen Gebäcks Gott und seinen Himmel bereits schmecken," so Becker-Huberti.

Diese Statue des heiligen Nikolaus in Gestalt des Weihnachtsmanns steht im Garten vor der alten Grabeskirche in Myra, dem heutigen Demre in der Türkei. Die türkische Nikolaus-Gesellschaft verlangt die Reliquien aus Italien zurück.

Geschenke seien nach alter Auffassung Selbstmitteilung, "ein Stück von mir, mit dem ich mich den anderen verfügbar mache und mit ihnen eins werde". Das Geschenk, Schenker und Beschenkter bilden nach Worten des Brauchtumsforschers eine Einheit; wenn man aber unerkannt im Namen des Nikolaus schenke, dann bekamen die Kinder etwas, was sie eine Ahnung vom Himmel und seiner Herrlichkeit gewinnen ließ. Je mehr das Nikolaus-Schenken als ein Anzeiger für überirdisches Glück und göttliche Gnade in Vergessenheit geriet und das alleinige Brauchtum zurückblieb, umso mehr kam es zum "heillosen Schenken" und " maßlosen Konsum", kritisiert der Brauchtumsforscher.

Die Botschaft für Erwachsene

Aus einer Entscheidung heraus, die der verwaiste Nikolaus schon früh im Leben getroffen hat, können laut Becker-Huberti auch Erwachsene eine Botschaft für sich ableiten: Der heilige Mann sah sein Vermögen als eine Verpflichtung, damit anderen Menschen zu helfen. Der Sinn des Lebens sei es nicht, möglichst viel, möglichst schnell zusammenzuraffen und anderen wegzunehmen. Das Ziel laute: mit anderen gemeinsam am Ziel ankommen. Man lebe nur auf Zeit und werde sich eines Tages bei Gott verantworten müssen. "Ich bin also ständig gefragt, ob mir das, was ich tue, dabei später dient oder schadet", so der Theologe.

Nicht nur auf die eigenen Interessen zu achten, auf andere zugehen und ihnen in ihrer Schwäche zu helfen, das seien Tugenden, die nicht nur von Kindern gepflegt werden sollten. "Unsere Gesellschaft heute hat das verdammt nötig", betont er. Und es spreche auch nichts dagegen, den Nikolaus in eine Erwachsenenrunde einzuladen. Wenn ein kluger und weiser Mensch in das Nikolauskostüm schlüpfe, könne er der Gruppe einen Impuls geben, der lange nachwirkt.

Von Agathe Lukassek

Buchhinweis

Manfred Becker-Huberti: "Heiliger Nikolaus. Geschichte - Legenden - Brauchtum", Kevelaer 2018, topos premium, 20 Euro. Neben Informationen zu Kunst, Gebäck und Nikolaus-Liedern gibt es auch ein Nikolaus von A-Z.