Gläubige beten das Vaterunser in einer Messe in Paris.
Eine "zweite Chance" für den Glauben?

Wie das Bistum Augsburg Neuevangelisierung betreibt

Seit Jahrzehnten werden die Päpste nicht müde, eine Neuevangelisierung Europas zu fordern. Doch ein Patentrezept für diese große Aufgabe gibt es nicht. Das Bistum Augsburg geht einen besonderen Weg, um neu für den Glauben zu begeistern.

Von Matthias Altmann |  Bonn - 27.02.2019

Sieht man sich Statistiken zu Gottesdienstbesuchern oder Kirchenaustritten in Deutschland an, könnte man als Katholik schon der Verzweiflung nahe sein. Selbst in einer einst katholischen Bastion wie Bayern sind die Austrittszahlen 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen. Der Anteil der Gottesdienstbesucher unter den Katholiken lag 2017 deutschlandweit bei etwa zehn Prozent. Auch wenn die Kirche hierzulande strukturell noch recht gut aufgestellt ist: Das geistliche Leben in deutschen Pfarreien scheint zunehmend brach zu liegen.

Wie lässt sich der Glaube in Deutschland und Europa revitalisieren? Das Schlagwort heißt Neuevangelisierung. Der Begriff meint nicht etwa eine zweite Christianisierung, sondern eine erneute Einwurzelung und Vergegenwärtigung des Evangeliums in einer immer glaubensloseren Gesellschaft, verbunden mit einem neu entzündeten Eifer und neuen Methoden in der Verkündigung. Der Glaube soll sozusagen eine "zweite Chance" bekommen. Wie Papst Johannes Paul II. es im Apostolischen Schreiben "Christifideles laici" (1988) ausdrückte, gehe es bei der Neuevangelisierung vor allem um die Bestrebung, "die christliche Substanz der menschlichen Gesellschaft zu erneuern. Voraussetzung dafür ist aber die Erneuerung der christlichen Substanz der Gemeinden, die in diesen Ländern und Nationen leben". Auch Papst Franziskus fordert in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" (2013), dass die Seelsorge "mehr vom Feuer des Heiligen Geistes belebt sein muss, um die Herzen der Gläubigen zu entzünden".

Kirche als Ansprechpartnerin vor Ort

Wie Neuevangelisierung im 21. Jahrhundert konkret aussehen muss, dafür gibt es kein Patentrezept. Es gibt verschiedene Wege. Viele Bistümer, vor allem diejenigen in der Diaspora, setzten etwas vorsichtiger an, um mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Dort werden beispielsweise die Caritas, Beratungsstellen und Schulen als Lebensräume betrachtet, wo Menschen das Evangelium erfahren könnten. Kirche soll sich in diesem Konzept als Ansprechpartner vor Ort anbieten – besonders an sogenannten Lebenswenden wie der Geburt eines Kindes, einer Hochzeit oder in einem Trauerfall. "Die große Chance ist, dass sich mit den erweiterten pastoralen Räumen neue Zwischenräume und bisher unentdeckte und ungenutzte Gelegenheiten auftun", sagt etwa der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Neben der klassischen Gemeinde sollten auch die Verbandsgruppen, die Kindertagesstätten, die Sozialstationen, aber auch Pilgerstätten oder Traukirchen als Kirchorte und Bezugspunkte entdeckt werden.

Bild: © KNA

In vielen seiner Ansprachen und Schreiben forderte Papst Johannes Paul II. eine Neuevangelisierung Europas. Doch wie gelingt diese große Aufgabe? Die deutschen Bistümer verfolgen dabei verschiedene Ansätze.

Geistliche Gemeinschaften, von denen manche speziell für die Neuevangelisierung entstanden sind, setzen auf Bibelkatechese und Eucharistische Anbetung. Dazu zählt beispielsweise Nightfever, ein Projekt, bei dem in Fußgängerzonen Passanten in nächtlich geöffnete Kirchen zu Beichte und Anbetung eingeladen werden.

Ähnlich setzt auch das Bistum Augsburg an: Dort wurde 2012 auf Initiative von Bischof Konrad Zdarsa und unter der Leitung von Weihbischof Florian Wörner das Institut für Neuevangelisierung eingerichtet. Das Hauptanliegen des Instituts, das in der kirchlichen Landschaft Deutschlands einmalig ist, besteht darin, in den Pfarreien des Bistums einen neuen missionarischen Eifer für die Botschaft Jesu zu wecken. "Die Kirche ist hier zwar schon lange eingewurzelt, aber müde geworden", findet Schwester Theresia Mende. Die Dominikanerin und promovierte Theologin leitet seit vergangenem Jahr das Institut. "Unsere Arbeit besteht darin, nach Wegen zu suchen, wie Menschen wieder Freude am Glauben finden können."

Zwei Säulen – Bibel und Anbetung – stehen im Zentrum aller Konzepte und Kurse, die das Augsburger Institut entwickelt. "Die Bibel ist die Wurzel unseres Glaubens. Und wenn jeder Muslim den Koran auswendig kennt, weil er ihn für die Wurzel seines Glaubens hält, dann finde ich es seltsam, wenn wir unsere Wurzel nicht kennen",  betont Schwester Theresia. Es gehe darum, die Bibel wieder ins Leben der Menschen hineinzutragen. Der zweite Schwerpunkt in den Kursen, die Eucharistische Anbetung, soll auf unkomplizierte Weise eine Begegnung mit Christus ermöglichen. "Wir gestalten sie immer mit freiem Gebet und mit biblischen Liedern, die zu den wesentlichen Elementen unseres Glaubens hinführen. Das ist einfach eine Möglichkeit, mit Jesus persönlich ins Gespräch zu kommen."

Schwester Theresia Mende
Bild: © privat

Schwester Theresia Mende ist Dominikanerin und promovierte Theologin. Seir 2018 leitet sie das Institut für Neuevangelisierung im Bistum Augsburg.

Sind die Menschen der heutigen Gesellschaft überhaupt noch empfänglich für so etwas? Auf jeden Fall, hat Schwester Theresia festgestellt. Sie spüre bei den Menschen eine ganz große Sehnsucht, den Glauben neu zu entdecken. Die Teilnehmer an Kursen oder Veranstaltungen seien danach total begeistert. "Sie sagen oft: 'Wir haben Jesus neu gefunden.' Und danach wollen sie weitermachen."

Neuevangelisierung von der Basis aus

Die konkrete Arbeit des Instituts für Neuevangelisierung besteht darin, vor Ort in den Gemeinden eine missionarische Basis zu schaffen. Dazu gehen die Referenten des Instituts in die Pfarreien und bieten spezielle Schulungen an. Der erste Schritt dazu ist der Kurs "Nehmt Neuland unter den Pflug". Dieser richtet sich vor allem an Menschen, die in irgendeiner Form bereits in der Pfarrei engagiert sind. Grundsätzlich sind aber alle Interessierten dazu eingeladen. Der Neuland-Kurs ist als eine Art Türöffner gedacht – er soll in den Teilnehmern ein neues Feuer für Jesus Christus, sein Wort und seine Sakramente entfachen. 

Jede Einheit umfasst zwei Teile: einen biblischen Vortrag mit Austausch und eine praktische Einheit in der Kirche, verbunden mit eucharistischer Anbetung oder der Feier der Heiligen Messe. Danach, so die Idee, soll es eine Gruppe von Begeisterten geben, die weitermacht und ihre lebendige Jesusbeziehung auch anderen mitteilt. So soll die Neuevangelisierung von der Basis getragen werden. Diese missionarische Gruppe in der Pfarrei bekommt vom Institut dann weitere Hilfen an die Hand, um neue Dinge in Angriff zu nehmen – etwa Anbetungszeiten anzubieten oder sogenannte Alphakurse zu organisieren.

Eucharistische Anbetung ist eine der beiden Säulen der Konzepte, die das Augsburger Institut für Neuevangelisierung entwickelt.

Der Alphakurs richtet sich an kirchlich Fernstehende. Entwickelt wurde er vom anglikanischen Geistlichen Nicky Gumbel. Der Kurs umfasst eine Reihe von Treffen, bei denen der christliche Glaube in entspannter Atmosphäre entdeckt werden soll. Die Einheiten laufen nach einem Bestimmten Muster ab: gemeinsam essen, einen Film ansehen, über den Film diskutieren. Erst nach und nach betet man auch miteinander, dazu gibt es auch ein gemeinsames Wochenende für die Kursteilnehmer, bei dem der Funke meist überspringt, wie Schwester Theresia festgestellt hat: "Nach dem Alpha-Kurs sind auch die völlig Fernstehenden offen für den Glauben. Sie sagen dann, dass sie neu mit dem Glauben anknüpfen möchten." Die Pfarrei braucht laut der Theologin anschließend etwas, um diese Leute aufzufangen. "Wenn man sie einfach in die Sonntagsliturgie führt – das überfordert sie." Das heißt, dass die Pfarrei für Angebote wie etwa Anbetungsabende oder Kleingruppen sorgen soll. Dafür erhalten sie vom Institut Unterstützung.

Auch andere Bistümer zeigen Interesse

Obwohl das Institut für Neuevangelisierung eine Einrichtung des Bistums Augsburg ist, gibt es viele Berührungspunkte mit anderen deutschen Ortskirchen. Gruppen aus anderen Bistümern kommen oft zu den Studientagen. Theresia Mende wird auch zu Vorträgen außerhalb des Bistums eingeladen. Kürzlich sei sogar der Kölner Weihbischof Ansgar Puff zu Gast gewesen, um sich über das Institut zu informieren.

Die Ordensfrau ist überzeugt, dass der Ansatz, den das Institut für Neuevangelisierung verfolgt, wirksam ist. "Es wird nur dann mit der Kirche und dem Glauben weitergehen, wenn die Leute wieder lebendig werden und den Glauben mit Freude Leben, wenn der Funke übergesprungen ist." Alles andere werde mit der Zeit absterben. Doch nach und nach entstehe das Bewusstsein, dass Neuevangelisierung nichts Schlimmes ist, sondern etwas, "was der Pfarrei wieder Leben einhaucht".

Von Matthias Altmann