Wo "gläubige Nerds" über die digitale Zukunft der Kirche sprechen
Bei der Digitalkonferenz re:publica ist Religion bislang nur Randthema

Wo "gläubige Nerds" über die digitale Zukunft der Kirche sprechen

Kirche und Religion kommen bei der Berliner Digitalkonferenz "re:publica" bestenfalls am Rande vor. Trotzdem sind viele bekannte Gesichter aus der kirchlichen Onlineszene dabei. Beim "Netzgemeindefest" diskutierten sie, wie Kirche im digitalen Zeitalter aufgestellt sein muss.

Von Felix Neumann |  Berlin - 08.05.2019

Fast 20.000 Menschen sind in diesem Jahr bei der Digitalkonferenz re:publica in Berlin. Weil das Digitale alle Bereiche der Gesellschaft betrifft, geht es hier um alle Themen, die die Gesellschaft derzeit prägen. Fast alle: in der säkularen Hauptstadt bleibt Religion ein Randphänomen; immerhin bei einem Vortrag über Datenschutz kommt die Kirche vor – als schlechtes Beispiel.

Nur eine der 500 Sessions hat explizit ein kirchliches Thema. Matthias Katsch, der Sprecher der Initiative "Eckiger Tisch", in der sich Betroffene von Missbrauch in der Kirche für eine Aufarbeitung der Verbrechen einsetzen, berichtet in einem Vortrag darüber, warum gerade 2010 und nicht schon viel früher der Missbrauchsskandal in der Kirche zu einer großen Debatte wurde, die heute noch die Kirche prägt.

Seine Erklärung: Vieles davon ist Zufall. Sicher hat es geholfen, dass mit der Jesuitenschule Canisiuskolleg eine als elitär geltende Einrichtung in einer Stadt, in der es besonders viele Journalisten gibt, im Zentrum stand. Aber auch: Social Media. Unter den ehemaligen Schülern ist auch der Blogger und re:publica-Mitgründer Johnny Häusler. Er hatte 2010 in seinem Blog Spreeblick seine Schulzeit und die Hinweise auf Missbrauch beschrieben – für Katsch einer der Gründe, die dafür sorgten, dass nach vielen bekanntgewordenen Fällen von sexueller Gewalt dieses Mal eine breite Diskussion in Gang gesetzt wurde.

Das Publikum auf der re:publica interessiert sich verhältnismäßig wenig für Katschs Vortrag unter dem Titel "End Clergy Abuse: Wir müssen darüber reden!". Zu gut zwei Dritteln ist der Vortragssaal gefüllt, vielleicht 100 Zuhörer sind da. Viele andere Vortragssäle platzen dagegen aus allen Nähten, oft müssen Veranstaltungsräume wegen Überfüllung schließen. Unter Katschs Zuhörern: viele bekannte Gesichter aus der kirchlichen Netzszene. Journalisten kirchlicher Medien, Online-Pastoral- und Netz-Seelsorge-Verantwortliche, Pfarrer und Theologen.

Gläubige Nerds

Man kennt sich – zumindest liest man sich auf Twitter, wo unter dem Schlagwort #digitalekirche seit einigen Jahren Debatten über den Auftrag und die Zukunft der Kirche im Netz debattiert wird. Damit diese Bekanntschaften auch außerhalb der sozialen Netze gepflegt werden, organisiert katholisch.de gemeinsam mit evangelisch.de und einem Redakteur des Fachblogs netzpolitik.org zum mittlerweile dritten Mal das "Netzgemeindefest": Ein Meetup, wie es in der Sprache der re:publica heißt – und auch wenn sonst kirchliche Themen auf der Konferenz eher randständig bleiben, ist diese Veranstaltung jedes Mal gut besucht: fast 100 Leute fühlten sich dieses Mal von der Einladung an "gläubige Nerds aller Religionen und Konfessionen" angesprochen.

Unter ihnen sind Ehrenamtliche wie die Heidelberger Studentin Cara de Oliveira, die in ihrer Gemeinde Social-Media-Kamapagnen entwickelt, um junge Menschen für Worship Nights zu begeistern. Viele der Anwesenden arbeiten auch für die Kirche wie die Freiburger Referentin für Online-Pastoral Lisa Ruppert. Sie ist dort unter anderem für die Netzgemeinde "da_zwischen" verantwortlich, in der mittlerweile über 3.000 Gemeindemitglieder gemeinsam online ihren Glauben leben. Beim Netzgemeindefest tauschen sie sich darüber aus, wie die Kirche online präsent sein kann.

"Den Leuten tut es total gut zu sehen, dass sie nicht die einzigen aus der Kirche sind, die zur re:publica kommen", erzählt Hanno Terbuyken. Der Chef von evangelisch.de ist einer der Organisatoren. Für ihn ist Video das Thema der Stunde: "Wie kriegen wir Kirche auf YouTube und dem Streamingdienst Twitch besser unter?", fragt er. Webvideo werde bei kirchlichen Kommunikationsverantortlichen sträflich unterschätzt, findet er. Dabei gibt es Ideen dafür schon viele – und auch konkrete Projekte.

Die Berliner Pfarrerin Theresa Brückner etwa ist in ihrem Kirchenkreis zuständig für Kirche im digitalen Raum. Auf YouTube, Twitter und Instagram erzählt sie von ihrem Alltag in der Seelsorge: Von Gottesdiensten und Beerdingungen, von Gesprächen und Begegnungen. Sie will transparent machen, was die Kirche tut. Auf der re:publica interessiert sie sich dafür, wie man die digitale Gesellschaft mitgestalten und die Stimme erheben kann gegen Populismus und Menschenfeindlichkeit – da dürfe auch die Kirche nicht fehlen und darauf verzichten, ihre Werte einzubringen. Welche Ideen sie noch von der Digitalkonferenz mitgenommen hat, wird sie demnächst erzählen – natürlich in einem Video auf ihrem YouTube-Kanal "Theresa liebt".

Mehr Kirche bei der re:publica 2020?

Video ist gerade das Thema beim Netzgemeindefest: Technikinteressierte fachsimpeln über Kameras, Ideen für Kooperationen – gerne auch ökumenisch – werden geschmiedet. Hanno Terbuyken denkt schon einen Schritt weiter: Ihm ist aufgefallen, dass es hier schon fast selbstverständlich ist, Projekte mit Virtual-Reality-Brillen zu entwickeln. Was bei Fernsehsendern und Marketingagenturen schon selbstverständlich ist, ist in der Kirche dagegen oft noch Neuland. Virtuelle Kirchenbegehungen wie im Kölner Dom oder die virtuelle Hochzeitskirche der Evangelischen Landeskirche Baden, mit der auf kirchliche Trauungen aufmerksam gemacht wird, sind noch Ausnahmen. "Da müssen wir ran", sagt Terbuyken.

Und noch ein Thema wurde beim Netzgemeindefest ausgiebig diskutiert: Warum kommt Religion bei einer der größten Digitalkonferenzen überhaupt nicht vor, obwohl so viele "digitale Kirchenleute" da sind? Bei der re:publica 2020 jedenfalls soll das anders werden: Die ersten Ideen für Kirchensessions sind auf dem Netzgemeindefest schon entstanden.

Von Felix Neumann