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Standpunkt

Auch Priester müssen über ihre Sexualität reden können!

Die Missbrauchsopfer in der Kirche waren zum großen Teil männlich. Doch besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zur Homosexualität? Nein, sagt Björn Odendahl – und fordert ein Umdenken in der Kirche.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 26.09.2018

Für viele Katholiken passte diese einfache Antwort gut ins Weltbild: Schuld am Missbrauch sind die Homosexuellen. Auf den ersten Blick scheint das auch plausibel. Der Fall des Ex-Kardinals Theodore McCarrick deutet in diese Richtung. Und auch die neue Studie der deutschen Bischöfe zum Missbrauch belegt: Mindestens 60 Prozent – in den Strafakten sogar 80 Prozent – der betroffenen Minderjährigen sind männlich.

Die logische Schlussfolgerung: Wo es keine homosexuellen Priester gibt, werden keine Jungen und damit insgesamt viel weniger Kinder missbraucht. Umso überraschender fällt das Fazit der Forscher aus. Sie sagen: Homosexualität an sich ist kein Risikofaktor für Missbrauch. Wie lässt sich das mit der Statistik in Einklang bringen? Zum einen liegt es ganz praktisch an der "Verfügbarkeit". Untersucht wurden die Jahre 1946 bis 2014. Und bis in die jüngste Vergangenheit waren Ministranten, Internatsschüler und Heimkinder überwiegend männlich.

Doch dieser Punkt allein ist es nicht: Viel wichtiger ist der richtige Umgang der Kleriker mit der eigenen Sexualität. Und der wurde in der Kirche sträflich vernachlässigt. Das betrifft erst einmal alle Priesteramtskandidaten. Wer sich nicht mit der eigenen Emotionalität und Sexualität auseinandersetzt, bleibt in seiner Persönlichkeitsentwicklung zurück. Die Konsequenz: Der Umgang mit gereiften Personen, Erwachsenen fällt ihnen schwerer. Kinder und Jugendliche werden dann im wahrsten Sinne zum "Opfer" überforderter Priester. Durch die Überhöhung des Weiheamtes und der damit einhergehenden "Macht" potenziert sich die Gefahr.

Für homosexuelle Priester trifft all das noch einmal in zugespitzter Form zu. Auch sie sollen (und wollen) ihr ganzes Leben Christus und seiner Kirche widmen. Doch umgekehrt lehnt die Kirche die Männer und ihre sexuelle Ausrichtung ab. Die Folge: ein innerer Zwiespalt. Um dem Willen der Kirche zu entsprechen, wird schließlich die eigene Sexualität abgewehrt und verleugnet. Sprechen können homosexuelle Priester mit niemandem. Denn laut den Leitlinien zur Priesterausbildung darf es sie eigentlich ja gar nicht geben.

Wie also mit diesem Dilemma umgehen? Es gibt nur einen Weg: homosexuelle Priester willkommen heißen und sie als gleichwertig anerkennen. Über Sexualität reden, statt sie im priesterlichen Dienst als Makel zu empfinden. Erkenntnisse der Humanwissenschaften anerkennen statt sie als Gefahr zu sehen. Wenn die Kirche die Zahl der Missbräuche wirklich eindämmen will, muss sie ihre Priesterausbildung überdenken. Und das möglichst schnell.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redakteur bei katholisch.de.

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