Schachfigur
Standpunkt

Der Vatikan missachtet mit seinem Gender-Papier die Natur

Der Vatikan veröffentlicht ein Dokument zur Debatte um Geschlecht und Sexualität. Er sieht die natürliche Ordnung in Gefahr. Doch er kämpft gegen gegen den falschen Gegner, kommentiert Felix Neumann.

Von Felix Neumann |  Bonn - 14.06.2019

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de

Wieder äußert sich Rom zu "Gender". Die vatikanische Bildungskongregation bemüht in ihrem Schreiben "Maschio e femmina li creo" ("Männlich und weiblich hat er sie erschaffen") den Strohmann einer "Gender-Ideologie". Auch wenn das Dokument einen versöhnlichen Ton anschlägt und auf Dialog hofft: Diese Strohmann-Argumentation trägt wesentlich dazu bei, dass die Kirche Gegner und Ideologen am Werk sieht, wo sie an der Seite von Benachteiligten stehen müsste.

Das Schreiben zeichnet eine scheinbar einheitliche Bewegung nach, die auf eine Auflösung der natürlichen Geschlechterkomplementarität und eine freie Wahl des Geschlechts abzielt – und zwar als rein ideologisches Projekt ohne Grundierung in der Realität. Gewährsleute dafür sind nicht etwa die Primärquellen, aus denen man zu schöpfen vorgibt; die Sorgen und Nöte betroffener Menschen werden nicht diskutiert; zitiert werden einzig päpstliche und kuriale Dokumente, die durchweg diese selektive Lesart anwenden. Nur wer diese "Gender-Ideologie" wie und wo vertritt, wird nicht gesagt – angesichts der tatsächlich kontroversen sozial- und naturwissenschaftlichen Diskussion um Geschlechterforschung und ihre sozialethischen Konsequenzen gibt es eine derart monolithisch agierende Bewegung tatsächlich auch gar nicht. Die Kirche verrennt sich trotzdem im Kampf gegen diesen imaginierten Gegner.

Die von der Kongregation bemühte Figur, es gehe dieser Ideologie darum, dass "das Individuum seinen oder ihren Status frei wählen" könne wird der Realität nicht gerecht. Es ist umgekehrt: Wer nicht ins Raster der Geschlechterdualität passt, kann es nicht selbst wählen oder durch gute Erziehung dafür passend gemacht werden.

Der einzelne Mensch ist nicht Instanz einer idealen Natur, von der jede Abweichung problematisiert werden muss. Er, sie ist ein Individuum – in der statistischen Regel mit klarer männlicher oder weiblicher biologischer und soziologischer Geschlechtsidentität. Aber eben nicht immer, und auch diese Menschen sind ein natürlicher Teil der Schöpfungsordnung. Unnatürlich wäre, sie in eine Geschlechtsdualität zu pressen, die ihrer Individualität, ihrer "Natur", nicht gerecht wird. Das wäre eine ideologische Verzweckung des Individuums zugunsten einer abstrakten "Natur". "Ideologische Kolonialisierung" ist nicht das Streiten für Rechte von transidenten Menschen, sondern etwa Konversions"therapie" für homosexuelle Menschen.

Das Dokument zitiert Benedikts Bundestagsrede, derzufolge der Mensch eine Natur habe, "die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann". Nur von einer naturgegebenen Geschlechterdualität zu sprechen und nicht von der Gottesebenbildlichkeit jedes einzelnen Menschen, auch des intersexuellen, des transsexuellen, des homosexuellen Menschen, stellt eine Missachtung dieser Natur dar.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

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