Schachfigur
Standpunkt

Homosexuelle Priester – keine Modeerscheinung

Haben homosexuelle Priester und Ordensleute einen Platz in der Kirche? Papst Franziskus meinte gerade: Nein. Pater Mertes widerspricht: Allein schon, weil es so viele gibt – und wie und warum sollte man das auch ändern?

Von Pater Klaus Mertes |  Bonn - 04.12.2018

pater klaus mertes

Es fällt mir nicht leicht, den folgenden "Standpunkt" zu schreiben, aber das allgemein betretene Schweigen über die jüngsten Äußerungen von Papst Franziskus zum Thema Homosexualität und Priestertum zeigt eine Not an, einen Loyalitätskonflikt gerade bei denen, die Franziskus schätzen und gerne weiter schätzen möchten. Also möglichst knapp:

Ist Homosexualität eine Modeerscheinung? Sicherlich hat des Thema Homosexualität seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit eine große Konjunktur, manche finden sogar: eine zu große Konjunktur. Aber dass es sich so verhält, hat einen Grund: Solange Minderheiten diskriminiert werden, tragen nicht die Diskriminierten, sondern die Diskriminierenden die Verantwortung für die Thematisierung der Minderheit. Das gilt auch dann, wenn sich die Diskriminierten gegen die Diskriminierung wehren und sich als diskriminierte Minderheit dadurch selbst thematisieren.

Hat "diese Art von Zuneigung" im geweihten Leben und im priesterlichen Leben keinen Platz? Doch, sie hat, ganz offensichtlich. Wie muss die Behauptung, sie habe da keinen Platz, in den Ohren der vielen homosexuellen Ordensfrauen, Ordensmänner und Priester klingen, die täglich ihren guten Dienst in der Kirche tun, zum Wohle vieler Menschen und auch der Kirche? Die Behauptung, "diese Art von Zuneigung" habe keinen Platz, ist keineswegs bloß eine deskriptive Aussage, sondern ein diskriminierender Akt, ein Akt der Ausgrenzung – letztlich gegenüber allen Homosexuellen in der Kirche.

Müssen homosexuelle Geistliche ebenso konsequent enthaltsam leben wie heterosexuelle Geistliche? Aber selbstverständlich! Nur: Warum muss man das eigens betonen?

Muss die Prüfung von Priesteramts- und Ordensanwärtern strenger werden? Dazu fällt mir eine Geschichte ein: Der verstorbene Kardinal Sterzinsky erzählte einmal in einer halböffentlichen Runde, dass sein Vorgänger in Berlin, der Kölner Kardinal Meisner, im Kreis von Bischöfen geäußert habe: "Ich habe noch nie einen homosexuellen Priesteramtskandidaten geweiht!" Darauf habe Sterzinsky geantwortet: "Dann erkläre mir mal, warum ich in meinem Bistum so viele homosexuelle Priester habe." Und das gilt natürlich nicht nur für Berlin, sondern auch für Köln und für alle anderen Diözesen. Kein diesbezüglich "strengeres" Verfahren – das ich mir im Übrigen nur als übergriffiges Verfahren vorstellen kann – wird bewirken, dass sich das ändert. Es wird nur bewirken, dass das Tabu weiter aufgerichtet bleibt, das bekanntlich so viel Schaden in der Kirche anrichtet.

Meint Papst Franziskus wirklich, was er sagt? Viele wünschen sich, dass er nur aus taktischen Gründen kurzfristig seinen Gegnern einmal Futter gibt, um langfristig bei seiner grundsätzlich positiven Linie gegenüber Homosexuellen ("… wer bin ich zu richten?") bleiben zu können. Ich meine, dass das Wunschdenken ist. Der Papst meint wirklich, was er sagt. Diese Anerkennung bin ich dem Respekt vor seinem Amt und vor seiner Person schuldig.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

Hinweis

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