Islamischer Religionsunterricht - Versuch einer Zwischenbilanz

Eine Stunde bei Herrn Bauknecht

Aktualisiert am 05.08.2016  –  Lesedauer: 
Eine Stunde bei Herrn Bauknecht
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Islam

Bonn ‐ An den Schulen in Nordrhein-Westfalen geht der islamische Religionsunterricht ins fünfte Jahr. Wie sieht es im übrigen Deutschland aus? Und was lernen eigentlich die Schüler? Ein Unterrichtsbesuch.

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Plötzlich schallt die Stimme des Lehrers durch den Raum - ein Klassiker ist zu hören: "Mir ist es zu laut! So können wir nicht arbeiten!" Der Ruf zeigt Wirkung: Die 16 Fünftklässler der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule im Bonner Stadtteil Bad Godesberg wenden sich, mehr oder weniger konzentriert, wieder ihren Aufgaben zu.

"Auf dem Weg mit den Propheten" lautet die Unterrichtsreihe, die Bernd Ridwan Bauknecht gerade mit den Zehn- bis Zwölfjährigen durchnimmt. Bauknecht ist Lehrer für islamische Religion - im Reigen der Fächer eine vergleichsweise junge Erscheinung an nordrhein-westfälischen Schulen. Das Bundesland war das erste, das einen ordentlichen islamischen Religionsunterricht einführte; 2016/2017 geht dieses Angebot nun in das fünfte Jahr.

Angefangen hatte es mit 33 Grundschulen 2012/2013; im vergangenen Schuljahr nahmen laut Auskunft des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums 13.700 Schüler an 99 Grundschulen und 77 weiterführenden Schulen in der Sekundarstufe I daran teil; derzeit sind Unterrichtspläne für die Oberstufe, also die Sekundarstufe II, in Vorbereitung. Die Bedarf an Pädagogen - derzeit haben rund 200 eine entsprechende Lehrerlaubnis - dürfte damit weiter steigen.

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Bernd Ridwan Bauknecht ist studierter Islamwissenschaftler und konvertierter Muslim. Er unterrichtet Islamischen Religionsunterricht.

Bauknecht ist so etwas wie ein alter Hase; 2004 kam er an Bord, damals noch im Rahmen des Schulversuchs "Islamkunde". Seit dieser Zeit hat sich eine Menge getan. Zwar ist bei insgesamt 260.000 muslimischen Schülern in Nordrhein-Westfalen noch Luft nach oben, wie Bauknecht findet. Aber allein die Tatsache, dass es überhaupt einen islamischen Religionsunterricht gibt, werteten viele der an Rhein und Ruhr lebenden Muslime als "Symbol der Akzeptanz".

Mit der gegenseitigen Akzeptanz ist das allerdings so eine Sache - was ebenfalls zu jenen Dingen gehört, die sich in den vergangenen Jahren geändert haben. Islamistischer Terror versetzt die Menschen rund um den Globus in Angst und Schrecken und nagt am Image des Islam. Mit den Auswüchsen wird auch Pädagoge Bauknecht konfrontiert. Die Schule sieht er als ersten Ort, um Heranwachsende gegen radikales Gedankengut immun zu machen, das vornehmlich via Internet verbreitet werde. "Dem stellen wir uns entgegen - tagtäglich." Leider werde das immer noch zu selten wahrgenommen.

Woran merkt man, ob ein Schüler zum Fanatiker mutiert?

Aber woran merkt man überhaupt, ob ein Schüler zum Fanatiker mutiert? Die acht Mädchen und acht Jungen, die in Bauknechts Unterricht sitzen, lassen jedenfalls eher an die Strolche aus den Abenteuern des Kleinen Nick denken als an eine mögliche künftige Generation Verblendeter, die in Frankreich oder andernorts ihre Vorstellungen von einer anderen Welt herbeibomben. Keines der Mädchen trägt Kopftuch, das gerne mal mit einem strengen Glaubensverständnis assoziiert wird; Parolen, die etwa auf ein fundamentalistisches Elternhaus hindeuten könnten, sind nicht zu hören.

Die Fünftklässler treiben stattdessen andere Probleme um. "Können sie uns eine Fotokopie von der Kaaba mitbringen?", fragen die beiden Schüler, die das Leben Mohammeds auf einem Plakat darstellen und dort auch die berühmte Pilgerstätte in Mekka abbilden wollen. Darf der Name des Propheten eigentlich ohne einen Segensspruch erwähnt werden?, will ein Mädchen wissen. "Meine Schwester sagt, dass man das nicht tut." Geduldig erklärt Bauknecht, was es mit dem Zusatz, der Eulogie, auf sich hat - und dass man derartige Vorschriften beachten, aber nicht allzu streng nehmen muss.

Linktipp: Ministerien beobachten islamischen Unterricht

Der Putschversuch in der Türkei könnte auch Konsequenzen für den islamischen Religionsunterricht haben. Das hat vor allem mit dem regierungsnahen Dachverband Ditib zu tun.

Kindern und Jugendlichen zuhören, religiöse Identitätsarbeit leisten. Auch wenn sich das banal anhört: Vielleicht ist es das, was Bauknecht meint, wenn er davor warnt, Schulen nur als Orte der Wissensvermittlung zu sehen, in der andere Kompetenzen mangels Zeit und Personal keinen Platz haben. Die Herausforderungen beginnen schon im Kleinen. Praktisch jeder der 16 Schüler hat einen anderen Hintergrund: Aulonas Eltern kommen aus dem Kosovo, Selins Vater aus der Türkei. Diarras Vater ist Senegalese, und Serwar stellt sich als Kurde aus Syrien vor. Ähnlich bunt sind die religiösen Bezüge: Mit der inzwischen auch Nicht-Muslimen geläufigen Unterteilung in Sunniten und Schiiten, den beiden größten Konfessionen im Islam, ist es längst nicht getan.

Praktische Fragen statt dogmatische Differenzierung

"Das alles bringt Farbe in den Unterricht", zeigt sich Bauknecht überzeugt. Im Religionsunterricht gehe es ohnehin weniger um dogmatische Differenzen als um praktische Fragen: "Was stützt Dich?" oder "Was trägt Dich im Leben?" Da weiß sich der Lehrer eins mit seinen Kollegen aus dem evangelischen oder katholischen Religionsunterricht. Davon abgesehen hätten die auch mit einer breiten Palette an religiösen Anschauungen zu tun.

Was den islamischen Religionsunterricht anbelangt, haben inzwischen auch andere Bundesländer nachgezogen. Laut Kultusministerkonferenz sind dies Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen, und Rheinland-Pfalz. In Bayern gibt es seit dem Schuljahr 2009/2010 einen "Islamischen Unterricht", der dem Religionsunterricht in den anderen genannten Bundesländern ziemlich nahekommt. Im Saarland findet der Unterricht bislang lediglich in der ersten Klasse statt. Dort, in Hessen und in Rheinland-Pfalz gibt es außerdem alevitischen Religionsunterricht.

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Schüler während einer Stunde ihres islamischen Religionsunterrichts an einer Schule in Bonn-Bad Godesberg.

Wie ist das denn nun, Herr Bauknecht, gehört der Islam zu Deutschland? "Ach", antwortet der 50-Jährige, "ich habe nie verstanden, warum er nicht zu Deutschland gehören sollte." Er formuliert es aber lieber so: "Der Islam hat kulturelle Errungenschaften, die auch das Fundament Europas darstellen." Die Poesie des Nahen Ostens griffen im Mittelalter die Minnesänger auf, deutsche Worte wie "Matratze", "Tarif" und "Arsenal" haben ihre Wurzeln im Arabischen.

Auf jeden Fall aber gehört der Islam zu Bernd Ridwan Bauknecht. Oder besser: Der Islam kam zu ihm. Seine Frau Ayfer, eine gebürtige Türkin, lernte er im Studium in Tübingen kennen. Und damit auch deren Religion. Sein eigenes Bekenntnis markierte für ihn das Ende einer spirituellen Suche, wie er erzählt. "Das war ein sehr befreiender Moment."

Der Pausengong ertönt - für Bauknechts Schüler, Religionsunterricht hin oder her, ebenfalls ein befreiender Moment. Diarra und Selin packen ihre Sachen. Die beiden haben sich mit dem biblischen Urvater Noah beschäftigt, der im Islam - ebenso wie Mohammed, aber beispielsweise auch Jesus - als Prophet verehrt wird. Was hat uns eine solche Gestalt heute noch zu sagen? Diarras Antwort könnte auch über einen Beitrag zum Dialog mit dem Islam stehen: "Dass man nicht so schnell aufgeben soll."

Von Joachim Heinz (KNA)