Der "Fuchs von Cahors" blieb seiner Heimatstadt immer verbunden

Johannes XXII., ruppiges Finanzgenie auf dem Papstthron

Aktualisiert am 27.07.2019  –  Lesedauer: 
Das Porträt von Papst Johannes XXII. (1316-1334) in Sankt Paul vor den Mauern in Rom.
Bild: © KNA
Geschichte

Avignon ‐ Das südfranzösische Cahors feiert den 900. Jahrestag seiner Kathedrale. Zu dem originellen Bau trug auch der berühmteste Sohn der Stadt bei: Johannes XXII., Papst in Avignon, gewiefter Politiker und Finanzgenie.

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Das 20.000-Einwohner-Städtchen Cahors in Okzitanien hat zwei Blickfänge: die spektakuläre Teufelsbrücke und seine Stephans-Kathedrale mit den beiden aquitanischen Kuppeln. Unmittelbar zur Touristensaison feiert die Stadt nun den 900. Jahrestag der Altarweihe. Eine gute Gelegenheit, auch dem berühmtesten Sohn der Stadt einen gleichsam historischen Besuch abzustatten.

Johannes XXII. (1316-1334) gehörte zu den prägnantesten Papstgestalten seiner Zeit. Über Jahrhunderte - bis er 1900 von Leo XIII. (1878-1903) und jüngst vom emeritierten Benedikt XVI. (2005-2013) überholt wurde - war er der älteste aller Petrus-Nachfolger. Jacques Arnaud Dueze, Sohn eines kleinen Handwerkers aus Cahors, wurde im hohen Alter von 72 Jahren gewählt; dennoch regierte er über 18 Jahre. Als vormaliger Bischof von Avignon (seit 1310) verlegte er den päpstlichen Sitz dauerhaft dorthin.

Wie kam Rom an die Rhone?

"Ubi papa, ibi Roma" - wo der Papst ist, da ist Rom, lautete eine Devise des hohen Mittelalters. Die südfranzösische Kleinstadt Avignon wurde für mehr als 70 Jahre Schauplatz des "Exils" oder der "Babylonischen Gefangenschaft" der Päpste (1309-1376). Bis heute verbindet die Geschichtsschreibung mit Avignon vor allem eine Zeit moralischen Niedergangs.

Wie aber kam Rom an die Rhone? Frankreichs König Philipp IV., der Schöne genannt, hatte seinen Dauerrivalen Papst Bonifaz VIII. (1294-1303) mit Gewalt zum Sterben gebracht. Den Nachfolger Klemens V. (1305-1314), einen kränklichen und willensschwachen Franzosen, zwingt er in seinen Einflussbereich.

Der Tod des Königs 1314 rückt dann zwar eine Rückkehr des Papsttums nach Rom in den Bereich des Möglichen. Doch obwohl der Dichter Dante die sieben italienischen Kardinäle beschwört, können diese gegen die inzwischen 17 Franzosen im Kollegium nichts ausrichten. 1316 einigt man sich wieder auf einen Gascogner: Jacques Dueze.

Bild: ©Pablo Debat/Fotolia.com

Der Papstpalast im südfranzösischen Avignon.

Eigentlich kränklich und klein von Wuchs, agiert Johannes XXII. dennoch leidenschaftlich und enorm tatkräftig. Als gewiefter Jurist und Verwaltungsexperte baut er die päpstlichen Finanzinstrumente wie den Pfründen- und Ablasshandel entschlossen aus. Sein Spitzname: "Fuchs von Cahors".

Mit dem Franziskanerorden und Kaiser Ludwig dem Bayern streitet der Kirchenrechtler um die Frage der Armut Christi und damit die Rechtmäßigkeit weltlichen Besitzes der Kirche. Sein Scharfsinn, seine auffällige Unhöflichkeit und Strenge, seine Vetternwirtschaft und seine institutionelle Raffgier - bei zugleich totaler persönlicher Anspruchslosigkeit - machen Johannes XXII. bei politischen Herrschern wie auch bei Kirchenvertretern verhasst. In puncto Nepotismus setzt er neue Maßstäbe; fünf Verwandte macht er zu Kardinälen.

Gleichzeitig gibt Johannes XXII. einen erklecklichen Teil der nun riesigen Einnahmen des Papstes an die Armen. In Avignon schafft er dafür eigens das Almosenamt - das zuletzt unter Papst Franziskus wieder zu größerer Bedeutung gelangt ist. Aufzeichnungen belegen tägliche Mahlzeiten für die Armen und die Verteilung von Zehntausenden Laiben Brot pro Woche, von Kleidung und Arzneien.

Zugleich arrondiert der "Fuchs von Cahors" den Besitz der Päpste in der Region: 1317 kauft er zu der seit 1229/1274 päpstlichen Grafschaft Venaissin die benachbarten Dörfer Valreas und Grillon hinzu und erhält drei Jahre später auch die wohlhabende Templer-Komturei von Richerenches aus der "Erbmasse" des aufgelösten Ordens. Bis 1791 Revolutionstruppen einmarschieren, gehört die "Enclave des Papes" über fast ein halbes Jahrtausend nicht zu Frankreich, sondern zum Kirchenstaat.

Alles wird verjubelt

Seiner Heimatstadt Cahors, die in dieser Epoche ebenfalls wirtschaftlich floriert, bleibt Johannes XXII. lebenslang verbunden. So beauftragt er etwa die Ausmalung der Kuppeln in der Stephans-Kathedrale. Nur die der westlichen Kuppel haben sich bis heute erhalten.

Johannes' Nachfolger verbauen und verjubeln alles, was das Finanzgenie an Gütern angehäuft hat. Benedikt XII. (1334-1342) beginnt 1335 den Bau des gigantischen Papstpalastes in Avignon - nachdem seine versuchte Rückkehr nach Rom an dortigen Adelsfehden scheitert. Und der prunksüchtige Klemens VI. (1342-1352) lässt Benedikts schmucklosen, aber standesgemäß massiven "Alten Palast" sogar durch den "Neuen", wesentlich luxuriöseren erweitern - zum größten Gebäude des Mittelalters.

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Von Alexander Brüggemann (KNA)