Der lange Weg zum Kind
Ein junges Paar entscheidet sich für die Adoption

Der lange Weg zum Kind

Alles war nach Plan verlaufen. Christian und Katja hatten sich gesucht und gefunden, nur ein Kind fehlte zum Glück. Dann eine niederschmetternde Diagnose von Christians Arzt. Für das Paar beginnt ein langer Weg.

Von Janina Mogendorf |  Bonn - 17.09.2016

Katja hat eine Amazon-Wunschliste im Internet: Kinderwagen steht darauf, Bettchen, Milchfläschchen, Schnuller und eine Spieluhr. "Nur für den Fall, dass es plötzlich schnell gehen muss", sagt sie. Katja und ihr Mann Christian *) warten auf den Zeitpunkt, an dem sie ihr Kind in den Armen halten dürfen. Irgendwann. Jedenfalls nicht nach neun Monaten, denn Christian und Katja können auf natürlichem Wege keine gemeinsamen Kinder bekommen. Deshalb haben sie sich vor einem Jahr für ein Adoptionsverfahren beim Sozialdienst katholischer Frauen e.V. in Bonn und Rhein-Sieg-Kreis beworben.

Wunsch nach einem Kind

Der Weg dorthin war kein gerader. Und doch ist es der klassische, den die meisten Paare heute gehen, wenn sie sich ein Kind wünschen und es nicht klappen will. Es ist der Weg, der nach einigen Monaten des Versuchens zunächst in die Arztpraxis führt. "Mir kam etwa ein Jahr nach unserer Hochzeit zum ersten Mal der Gedanke: Da stimmt was nicht!", erzählt Katja. Bis dahin war alles nach Plan verlaufen. Christian und Katja hatten sich gesucht und gefunden, lebten mit Hund im eigenen Haus. Sie arbeitete als freie Journalistin und im Online-Marketing, er als Steuerberater. Genauso ist es auch jetzt noch. Es fehlt nur ein Kind zu ihrem Glück.

Während Christian noch abwartet, lässt Katja sich 2013 erstmals beim Gynäkologen durchchecken. Der gibt Entwarnung: Es ist alles in Ordnung. Schließlich geht Christian zum Urologen. Die Diagnose wirft ihn um. "Ich erinnere mich genau, wie er mich im Büro anrief mit der Nachricht: Sie werden auf natürlichem Weg wohl niemals ein Kind zeugen können." Es kommt unerwartet und umso heftiger. "Ich bin dann raus und habe geheult." Es folgen einige Tage voller Trauer. "Wir mussten das erstmal verarbeiten." Und doch ist dem Paar schnell klar: So einfach geben wir nicht auf.

Linktipp: Über die künstliche Befruchtung

Die Kirche lehnt künstliche Befruchtung ab, nicht zuletzt weil jedes Mal überschüssige Embryonen entstehen. Was mit ihnen passieren soll, ist noch ungeklärt. Grundsätzlich wird bei der künstlichen Befruchtung die Fortpflanzung aus dem geschützten Raum der zwischenmenschlichen Sexualität herausgenommen. Es besteht die Gefahr, dass der Mensch selbst über das Leben des anderen bestimmen möchte.

Was folgt, ist die Kinderwunschklinik und ein Jahr, in dem die künstliche Befruchtung ihr Leben bestimmt. "Es war anstrengend", sagt Katja rückblickend. "Die Hormone, die Operationen, das Hoffen und Bangen." Tagelang steht sie um 4.30 Uhr auf, um pünktlich um sechs mit vielen anderen Frauen in der Klinik für Blutabnahme und Ultraschall Schlange zu stehen. Wer zuerst da ist, kommt zuerst dran. Es gibt kaum einen Ort, an dem Zuversicht, Freude und Verzweiflung so dicht beieinanderliegen. Auch beim zweiten Versuch bleibt die ersehnte Schwangerschaft aus – und Katja kämpft mit Nebenwirkungen. "Irgendwann hat sich bei mir ein Schalter umgelegt", erinnert sie sich. "Ich wusste, es wird so nicht klappen, ich bin nicht glücklich, es ist nicht mein Weg."

"Hormonbehandlung hat körperlich und seelisch belastet"

Schon länger spukt ihr der Gedanke an eine Alternative im Kopf herum. "Ich hatte begonnen, mich mit dem Thema Adoption auseinanderzusetzen, Foren zu lesen, zu recherchieren", sagt Katja. Im April 2015 spricht sie zum ersten Mal mit ihrem Mann darüber. "Ich musste das erst einmal sacken lassen", erinnert der sich. Zu diesem Zeitpunkt glaubt er immer noch an die künstliche Befruchtung. An Adoption hat er dagegen noch nicht gedacht. "So ist das bei uns", wirft Katja schmunzelnd ein. "Ich bin oft schon drei Schritte weiter." Es dauert einige Tage, aber dann ist klar: Christian möchte diesen Weg mitgehen. "Ich habe gesehen, dass die Hormonbehandlung Katja körperlich und seelisch sehr belastet."

Im Juli 2015 ist es so weit. Zum ersten Mal fahren beide zum Adoptionsdienst des SkF. "Ich hatte viel Gutes darüber gelesen", erzählt Katja. Die Sozialarbeiterinnen Christa Blei-Vornweg und Eva Gierling machen deutlich: "Das Kennenlerngespräch ist der Auftakt zu einem umfangreichen Bewerbungsverfahren, denn wir suchen hier nicht Kinder für Eltern, sondern die richtigen Eltern für ein Kind."

Sozialarbeiterinnen des SkF

Christa Blei-Vornweg und Eva Gierling: "Wir suchen nicht Kinder für Eltern, sondern die richtigen Eltern für ein Kind."

Die meisten Paare, die kommen, haben es schon mit künstlicher Befruchtung versucht. "Wenn es heißt, wir sind gerade im fünften Versuch, aber wollen uns parallel schon mal um eine Adoption bewerben, schicken wir sie nach Hause", sagt Christa Blei-Vornweg. Es sei wichtig, dass Adoptiveltern keinen Ersatz für das leibliche Kind suchen. "Um offen für eine Adoption zu sein, müssen sie mit der Kinderwunschbehandlung abgeschlossen und die Tatsache, dass sie keine eigenen Kinder bekommen können, gebührend betrauert haben. Erst dann sind sie in der Lage, sich neu auf ein Kind mit besonderer Geschichte einzulassen." Die Sozialarbeiterinnen des Adoptionsdienstes wissen, dass das nicht von jetzt auf gleich geschieht, sondern ein Prozess ist, in dem die Paare sich weiterentwickeln.

Nach einem ersten Gespräch, in dem die Partner ihre Kinderwunschgeschichte erzählen, nehmen sie die Bewerbungsunterlagen mit nach Hause. "Das ist ein zwölfseitiger Fragebogen mit teilweise offenen Fragen", erzählt Katja. Dabei gehe es um Erziehungsvorstellungen genauso wie um die Wohnsituation oder lebensverkürzende Krankheiten. Zudem müssen die Paare ein polizeiliches Führungszeugnis und die Heiratsurkunde vorlegen. Im Mittelpunkt der Bewerbung steht ein ausführlicher Lebensbericht beider Partner. "Mit Hilfe eines Leitfadens haben wir über unsere Kindheit, die Ausbildung, den Beruf, unser Verhältnis zu Familie und Freunden und vieles mehr geschrieben." Bei diesen Aufzeichnungen gehe es nicht darum, ein besonders heiles Leben vorzuführen, macht Eva Gierling klar, "viel interessanter ist es für uns zu sehen, welche Brüche es im Leben gab und wie die Bewerber damit umgegangen sind." In sieben Einzelgesprächen kann es dabei richtig ans Eingemachte gehen: "Wir fragen zum Beispiel auch: Was mögen Sie aneinander nicht?"

Themenseite: Familiensynode

Im Herbst 2014 und 2015 haben sich zwei Bischofssynoden im Vatikan mit Ehe und Familie beschäftigt. Im April 2016 erschien dazu das päpstliche Dokument "Amoris laetitia". Die Themenseite bündelt die Berichterstattung zu den Synoden.

Manchen Paaren ist das zu intim. "Uns haben diese Fragen nichts ausgemacht", erinnern sich Christian und Katja. Parallel zu den persönlichen Treffen finden auch Seminare rund um das Thema Adoption statt. "Thematisch ging es zum Beispiel um den 'Rucksack des Kindes' – also alles, was es mitbringt, wenn es zu den Adoptiveltern kommt." Die Erfahrungen im Mutterleib und die Trennung von der Mutter werden immer Teil seines Lebens sein.

Das Wunschkind

Eine weitere Seminareinheit handelt vom Wunschkind. "Die Paare müssen sich fragen: Komme ich damit klar, wenn die Mutter eine bulgarische Prostituierte und der Vater ein Zuhälter ist", sagt Christa Blei-Vornweg. Meist werde die Schwangerschaft von der Mutter verdrängt. "Man muss realistisch sein: Bei vielen Müttern, die ihr Kind zur Adoption freigeben, war es einfach zu spät für eine Abtreibung." Wenn sie merkt, dass sie schwanger ist, sind vielleicht schon mehrere Monate ohne Vorsorgeuntersuchungen vergangen, in denen die Schwangere Alkohol getrunken oder schädliche Medikamente eingenommen hat.

Deshalb besteht das Risiko, dass Kinder am Alkoholsyndrom leiden, das sich in lebenslangen körperlichen, geistigen, sozialen und emotionalen Störungen zeigt. "Das wäre für uns ein Problem", gestehen sich Katja und Christian ein. Deshalb haben sie das Alkoholsyndrom in ihrem Kinderprofil ausgeschlossen. Es ist nicht leicht, sich die Frage 'Mit was für einem Kind kann ich leben und glücklich werden' zu beantworten. Wer sich das perfekte Baby wünscht, wird kaum eine Chance haben. Mittlerweile wissen Katja und Christian, was ihnen wichtig ist. "Das Kind sollte weitgehend gesund sein und ein selbständiges Leben führen können." Aus welcher Kultur es stammt oder aus welchem Milieu die Mutter kommt, ist dagegen zweitrangig. Die Sozialarbeiterinnen des Adoptionsdienstes bestärken sie darin, ihre Grenzen zu akzeptieren.

Familie beim Tischgebet
Bild: © KNA

Eine Familie sitzt gemeinsam am Tisch zum Abendessen. Vater, Mutter und Kinder reichen sich die Hände und beten vor dem Essen.

Vor kurzem waren sie bei Katja und Christian zu Hause. Bei dem Besuch gehe es nicht um Reichtum oder perfekt geputzte Fenster, sondern um die Atmosphäre, sagt Eva Gierling. "Wir wollen sehen, ob es in der Familie Raum für ein Kind gibt." Damit meint sie ein eigenes Zimmer, aber auch Platz im Leben des Paares. Dazu zähle, wie die Großeltern zu dem Thema stehen. Katja und Christian haben Glück: Ihre Familien können es kaum erwarten, ein Enkelkind begrüßen zu dürfen.

Bei den beiden sind alle Voraussetzungen erfüllt. In den Seminaren haben Katja und Christian gelernt, was sie erwartet, wer an einer Adoption beteiligt ist und wie sie mit dem Kind über seine Herkunft sprechen können - nämlich von Anfang an. "Schon auf dem Wickeltisch sollen die Adoptiveltern von den leiblichen Eltern erzählen", sagt Eva Gierling. Selbst wenn das Kind noch nichts versteht, ist es doch eine wichtige Übung und erleichtert später die Kommunikation.

Sieben Paare auf ein Kind

Noch ist es aber nicht so weit. "Nur wenige Eltern entscheiden sich, ihr Kind in einer anderen Familie aufwachsen zu lassen", sagt Eva Gierling. Dass sieben Paare auf ein Kind kommen, ist die Regel. Deshalb bewerben sich die meisten Interessenten bei mehreren Stellen. Katja und Christian haben ihre Bewerbung auf fünf weitere Adoptionsdienste ausgeweitet. "Wir wissen, dass es lange dauern kann, bis wir ein Kind bekommen", sagen sie und versuchen, ihren Alltag so normal wie möglich weiterzuführen. Die vergangenen drei Jahre haben das Paar zusammengeschweißt. Beide sind davon überzeugt, dass sie einmal zu dritt sein werden. "Vielleicht wird es noch ein bisschen dauern, aber irgendwann sind wir eine Familie."

Von Janina Mogendorf