Ein Mann neben einem Caritas-Symbol
Eine Studie untersucht die Glaubenswelt der Verbands-Mitarbeiter

Wie katholisch ist die Caritas?

Eine Studie untersucht die Glaubenswelt von Caritas-Mitarbeitern. Das Ergebnis: Nicht einmal jeder Fünfte sieht die Kirche im Recht, Verhaltensregeln vorzugeben.

Von Christian Wölfel (KNA) |  Würzburg - 15.09.2016

Die Freiburger Religionssoziologen Lucia Segler und Michael Ebertz haben Fragebögen von über 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Würzburger Diözesan-Caritasverbands in dessen Auftrag zu Religion und Glauben ausgewertet. Im Interview sprechen sie über markante Ergebnisse und die Konsequenzen für die Caritas, zunächst im Bistum Würzburg.

Frage: Wie katholisch ist die Caritas noch?

Ebertz: Sehr katholisch: Katholisch ist der Träger, katholisch ist auch die Mehrheit des Personals der verbandlichen Caritas. Das katholische Arbeitsrecht sieht ausdrücklich die Beschäftigung von Nichtkatholikinnen und Nichtkatholiken vor, ja sogar von Nichtchristinnen und Nichtchristen. Auch katholisch Getaufte können - wie viele Befragte - Nichtkatholisches glauben und kirchendistanziert sein.

Segler: Zum katholischen Profil gehört damit die Anerkennung der Pluralität der Mitarbeitenden, auch in ihrer Religiosität und Spiritualität. Eine spannende Frage ist, ob man das Katholische am Glauben festmacht, an der Motivation, an den Handlungen oder an den Wirkungen. Auch Nichtkatholikinnen und Nichtkatholiken können offensichtlich Katholisches hervorbringen. Bezeichnend ist der katholische Outcome, die Nächstenliebe, die durchweg praktiziert wird, egal, worin sie motiviert ist.

Frage: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Segler: Wir haben erhoben, dass die Befragten trotz ausgeprägter Kirchenkritik kein Interesse daran haben, die Kirche zu verlassen, selbst aus arbeitsplatztaktischen Gründen nicht. Das heißt, die Kirche als Rahmen, auch von spirituellen Erwartungen, hat eine Bedeutung für sie.

Ebertz: Sie suchen spirituelle Erfahrungen innerhalb der Kirche, die sie jedoch dort nur selten finden. Deshalb begeben sich viele auf eine Suche und Wanderschaft, machen Abstecher in andere religiöse und auch spirituelle Traditionen. Und jetzt kommt es: Nicht wenige finden, wonach sie suchen, und kombinieren dabei hin und wieder auch Christliches mit Nichtchristlichem.

Frage: Wie wichtig ist diese Spiritualität?

Segler: Spiritualität ist für sie sehr wichtig, denn nicht selten arbeiten sie in Bereichen, die immer wieder mit Leid und Hilflosigkeit konfrontieren. Wenn sie über ihre Spiritualitäten sprechen, handelt es sich hauptsächlich um subjektive Erfahrungen von Übersinnlichem. Nicht selten wird von authentischen Erfahrungen des Einklangs von Körper, Seele und Geist gesprochen. Dabei ist die Palette der spirituellen Erfahrungen mannigfaltig. Sie reicht vom Rosenkranzgebet über Pilgern und Joggen bis hin zum Sammeln von Erfahrungen im "Universum Natur".

Ebertz: All diese Erfahrungen werden als hilfreich empfunden, und es ist unserer Meinung nach von großer Bedeutung, ihnen als Hilfe für den Umgang mit Grenzen im Berufsleben Raum zu schenken und sie wertzuschätzen.

Frage: Oft wird davon gesprochen, dass in katholischen Organisationen das katholische Profil wieder geschärft werden muss. Geht das noch?

Segler: Wenn man etwas schärfen will, muss man schleifen, wenn man schleifen will, muss es einen geben, der schleift, und einen, der geschliffen wird. Was wir sagen können ist, dass die Bereitschaft, sich widerstandslos "bearbeiten" zu lassen, sehr gering ist. Nicht einmal 20 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass die Kirche ein Recht hat, ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu unterlassen haben. Fast 90 Prozent sogar der katholischen Befragten erachten es nicht als sinnvoll, auf einen eigenen spirituellen Weg zu verzichten, um den Weisungen der Kirche zu folgen. Kurz gesagt, es muss dem, was da geschliffen wird, Aufmerksamkeit geschenkt werden, sonst könnte es sein, dass der Schleifstein schneller aufgebraucht ist als man gucken kann.

Linktipp: Deutscher Caritasverband

Durch die Gründung des Deutschen Caritasverbands am 9. November 1897 konnte so die damals drohende Zersplitterung der sozialen Hilfsangebote auf katholischer Seite abgewunden werden. Erfahren Sie hier mehr.

Frage: Also keine Chance auf Profilschärfung?

Ebertz: Das Ich übernimmt die Regie in Sachen Religion und will respektiert und gefragt werden. Diese - auch gesamtgesellschaftlich verbreitete - Entwicklung zur religiösen Selbstführung macht vor dem expandierendem Personal der Caritas nicht Halt.

Frage: Was raten Sie dem Diözesancaritasverband Würzburg?

Segler: Wir schlagen vor: furchtlos wahrnehmen, aushalten, mit den eigenen Vorstellungen und Bewertungen innehalten, unterscheiden und erst dann in die Aktion gehen. Das ist eine Aufgabe jedes und jeder Einzelnen, die für sich geübt werden muss. Dann geht es nicht anders, als dass diese Haltung in eine ethische Integrität mündet, in eine ethisch stimmige Lebensweise, die auch im Außen erfahrbar werden und schließlich Ausdruck finden muss im Miteinander und schließlich in der Organisationskultur.

Frage: Sind die Ergebnisse auf andere Verbände, alle kirchlichen Mitarbeiter oder gar die Gesellschaft übertragbar?

Ebertz: Zumindest wohl auf andere Caritas-Verbände in Westdeutschland. Denn die verbandliche Caritas liegt zwischen Kirche und Sozialstaat. Außerdem sind die Klienten nicht nur katholische Kirchenmitglieder. Das ist bei anderen kirchlichen Organisationsformen meist anders. Deshalb arbeiten bei der Caritas auch Menschen, deren religiöse und spirituelle Logik nicht ausschließlich der Dogmensammlung der römisch-katholischen Kirche entspricht.

Segler: Übrigens war der Samariter, von dem Jesus in einem berühmten Gleichnis als Vorbild der Nächstenliebe, der caritas, erzählte, kein Christ, kein Katholik, auch kein orthodoxer Jude. Scheinbar Unmögliches wurde möglich: Jeder und Jede kann caritas.

Von Christian Wölfel (KNA)