Schachfigur
Matthias Drobinski über das Reformationsjubiläum

Ein Jubeljahr für alle Christen

Matthias Drobinski über das Reformationsjubiläum

Von Matthias Drobinski |  Bonn - 17.10.2016

Kann man, soll man als Katholik Martin Luther und die Reformation feiern? Kardinal Kurt Koch, immerhin der Ökumene-Beauftragte von Papst Franziskus, redet bewusst vom Reformations-Gedenken, wenn es um den 500. Jahrestag von Luthers legendärem Thesenanschlag am Vorabend des Allerheiligentages 1517 geht. Er ist nicht der einzige Katholik, der Luther nicht so einfach feiern möchte. Brachte nicht die Reformation auch Kirchenspaltung, Glaubenskriege, religiöse Intoleranz? War Martin Luther nicht ein höchst widersprüchlicher Mensch, ebenso leidenschaftlich in der Gottsuche wie im Hass auf seine Gegner, den Papst, die Juden? Muss man nicht das Negative gegen das Positive stellen - und aufs Feiern verzichten?

Ja, man muss an die Abgründe und die dunklen Seiten der Reformation und des Reformators erinnern; nicht, um den Protestanten die Feierlaune zu verderben, sondern um der historischen Wahrheit willen. Trotzdem: Man kann, man soll sich auch als Katholik über Martin Luther und die Reformation freuen. Luther benannte echte Missstände und Häresien in der Kirche. Die Reformation zwang die katholische Kirche, sich ebenfalls zu reformieren und sie drängt sie bis heute – zum Glück nun im Wettbewerb unter Freunden – zur Selbstüberprüfung. Die Gemeinsame Erklärung der Kirchen zur Rechtfertigungslehre im Jahr 1999 war auch eine späte offizielle Anerkennung dessen, was die katholischen Kirche der Theologie Martin Luthers verdankt. So, wie die Evangelische Kirche aus den Wurzeln der gesamten Christengeschichte heraus lebt, so lebt die heutige katholische Kirche auch aus den Wurzeln der Reformation.

Darüber sollte man sich freuen. Vor allem dann, wenn die Feier zur Reformation tatsächlich ein Christusfest für beide Kirchen wird, ohne Triumphalismus und Überheblichkeit. Man kann sich freuen, wenn in diesem Gedenkjahr, das am 31. Oktober beginnt, beide Kirchen bekennen, was sie einander und anderen angetan haben, wenn sie stolz und froh sehen, wie viel sie inzwischen miteinander verbindet und dass die Unterscheide, die es zum Glück ja auch gibt, die Kirchen immer weniger trennen. Und wenn sie erkennen, dass sie in einer sich säkularisierenden Gesellschaft den Auftrag, den Jesus seinen Jüngern auf den Weg gab, nur gemeinsam werden erfüllen können – dann ist das Jahr ein Jubeljahr.

Der Autor

Matthias Drobinski ist Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und dort unter anderem für die Berichterstattung über Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Matthias Drobinski