Noch immer keinen Kontakt
Philippinische Gemeinden in Deutschland sorgen sich um Angehörige und Freunde

Noch immer keinen Kontakt

Philippinen - Der Taifun "Haiyan" hat sich mittlerweile aufgelöst. Doch die Folgeschäden auf den Philippinen sind in ihrem vollen Ausmaß noch nicht abzusehen. Noch immer sind Menschen verschollen oder von der Außenwelt abgeschottet. "Wir können kaum Kontakt herstellen", sagt Linda Aytin von der philippinischen Gemeinde im Pfarrverband Bonn-Süd. Sie fühlt sich hilflos.

Bonn - 13.11.2013

Täglich sieht Aytin die Toten im Fernsehen, sieht Menschen, die nichts zu essen und zu trinken haben. "Das ist ein ungutes Gefühl, wo es uns hier doch so gut geht", so die Philippinin. Mit jedem Tag schwinde die Hoffnung, dass die Gemeindemitglieder ihre Verwandten und Bekannten wiedersehen. Dennoch versucht sie von Bonn aus Hilfe zu leisten. Gemeinsam mit den Steyler Missionaren und Salesianern Don Boscos sammelt die Gemeinde Spenden für die Katastrophenopfer.

"Ich weiß, wie sich die Menschen dort fühlen", sagt Aytin. Sie selbst habe 2009 einen Taifun miterlebt. "Das Haus war überschwemmt, das ganze Eigentum zerstört", erinnert sie sich an ihre Reise auf die Philippinen. Noch immer fällt es ihr schwer, das Erlebnis in Worte zu fassen. "Wenn man nichts mehr hat, bleibt nur noch das Vertrauen in Gott", so Aytin. Das jedoch kann der philippinischen Gemeinde in Bonn keiner nehmen. Täglich beten sie für die Menschen in den verwüsteten Städten und Dörfern.

Ähnliches gilt auch für die philippinische Gemeinde im Bistum Essen. "Hier sind drei Leute unmittelbar betroffen", erklärt Pater Dietmar Weber. Zwei von ihnen haben bisher keinen Kontakt zu Verwandten vor Ort herstellen können. Für ein drittes Gemeindemitglied sei es hingegen schon Gewissheit: Verwandte sind während des Taifuns umgekommen. "Es herrscht große Angst, aber auch allgemeine Bestürzung bei denen, die nicht direkt betroffen sind", beschreibt der Pater die Situation in seiner Gemeinde.

Nicht nur kurzfristige Unterstützung für die Philippinen

Dennoch wolle man nach vorne schauen und beschäftige sich mit der Frage, wie man helfen könne, so Weber. Beim Rosenkranzgebet, das für den 21. November geplant ist, soll es nicht bleiben. Über den Orden der Kamillianer, dem auch Pater Weber angehört, wolle die Gemeinde nun finanzielle Unterstützung vor Ort leisten. Dabei gehe es um zwei Ziele: "die Menschen kurzfristig mit Wasser, Nahrung und Medikamenten zu versorgen, langfristig aber auch deren Existenzgrundlage wiederherzustellen."

In einem Kirchenschiff haben viele Menschen Unterschlupf gefunden.
Bild: © KNA

Die Opfer der Katastrophe haben in einer katholischen Kirche eine trockene Unterkunft gefunden, nachdem Taifun Haiyan durch die Stadt Tacloban gezogen ist.

Man arbeite dort mit den Gesundheitszentren und fachkundigen Laien zusammen, sagt Weber und nennt das "den katholischen Vorteil". Denn es bestehe ein reger Kontakt zu Pfarreien und Gemeinden vor Ort. Wichtig für die Zukunft sei aber nicht nur die Unterstützung nach Katastrophen, sondern auch die Vorsorge. "Die wichtigste Entwicklungshilfe dort wäre Bildungshilfe", sagt der Kamillianer. Denn nur so könnten bessere Berufe erlernt und ein allgemein höherer Standard im Land erreicht werden.

"Es sind gerade die einfachen Hütten, die der Taifun komplett zerstört", sagt auch Pater Maurus Runge. Der Benediktiner lebte selbst ein Jahr auf den Philippinen. Noch immer hat er Kontakt zu Ordensbrüdern aus dem Kloster Digos im Süden. Dort suchen seine Mitbrüder nach Möglichkeiten, den Menschen auf den mittleren Inseln zu helfen, wo die ärmsten Menschen des Landes leben.

So einfach scheint es mit der Hilfe aber nicht zu sein. "Die Stadt Tacloban ist momentan gesetzlos", beschreibt Runge die Situation. Die Versorgung für die Menschen sei größtenteils unterbrochen. "Aus dem nahegelegenen Benediktinerinnenkloster kann kein Nachschub an Medizin herangeschafft werden." Der Pater sieht aber erste Fortschritte auf den Philippinen– auch dank Unterstützung der Kirche: "Der Erzbischof von Manila, Kardinal Luis Antonio Tagle, hat gemeinsam mit Partnern des Missionswerks 'missio' eine Hilfsaktion gestartet."

Caritas International: "Im Katastrophengebiet sehr gut vernetzt"

Inzwischen hat die Regierung der Philippinen die Zahl der Toten durch Taifun "Haiyan" vorerst mit 1744 angegeben. Laut Caritas International ist diese Zahl jedoch deutlich zu niedrig angesetzt. "Spekulationen gehen noch immer von rund 10.000 Toten aus", sagt Pressereferent Achim Reinke gegenüber katholisch.de. Die Zahl der vom Taifun Betroffenen wurde unterdessen von der philippinischen Regierung auf 6,94 Millionen – vorher rund 9,8 Millionen – nach unten korrigiert.

"659.000 Menschen sind obdachlos und 2,5 Millionen brauchen dringend Lebensmittel und Wasser", so Reinke. Akut gefährdet seien circa 55.000 Schwangere und 190.000 Frauen mit Kindern unter sechs Monaten, die teilweise noch stillten. Von Vorteil sei hingegen, dass die Philippinen ein sehr katholisches Land sind. "Dadurch sind wir im Katastrophengebiet sehr gut vernetzt", so der Pressereferent.

Die "normalen Plünderungen", die man im Fernsehen sehe, könnten laut Caritas International nicht als krimineller Akt eingestuft werden. "Das sind Hunger und pure Verzweiflung", sagt Reinke. Ein anderer Fall seien neueste Gerüchte von maoistischen Gruppen, die Hilfskonvois überfallen. "Das ist erschreckend und schränkt auch unsere Bewegungsfreiheit ein", sagt der Caritas-Referent.

Reinke erklärt, dass Caritas International auch die Vorsorge im Land unterstütze. "Wir klären über den Klimawandel auf, helfen bei Baumaßnahmen oder zeigen auf, wo Notvorräte am besten zu lagern sind." Aber all diese Vorsorgemaßnahmen stießen bei einem Taifun wie "Haiyan" an ihre Grenzen, so Reinke.

Von Björn Odendahl