Die Quintessenz der Nikolausgeschichte
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Bischof Timmerevers aus Nikolausdorf schreibt über den Heiligen

Die Quintessenz der Nikolausgeschichte

Zum Nikolaustag denkt der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers das Ende der Nikolausgeschichte mit den drei Goldklumpen weiter. Darin sieht er einen Auftrag für die deutsche Gesellschaft.

Von Heinrich Timmerevers |  Dresden - 06.12.2016

Über den Nikolaustag zu schreiben, ist für mich fast ein Heimspiel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. In meinem Personalausweis steht nämlich unter Geburtsort "Nikolausdorf". In Nikolausdorf befindet sich eine sogenannte Nikolauspostfiliale, die den Ort deutschlandweit bekanntgemacht hat. Jährlich kommen tausende Briefe, vor allem um den 6. Dezember, schlicht adressiert "An den Nikolaus in 49681 Nikolausdorf".

Und eine nicht kleine Schar ehrenamtlicher Helfer ist dann immer damit beschäftigt, zu antworten. Natürlich sind es vor allem Kinder, die da an den Nikolaus schreiben. Wer pünktlich zum Nikolaustag oder zum Weihnachtsfest eine Antwort erhalten will, muss rechtzeitig an den Nikolaus in Nikolausdorf schreiben.

Inzwischen auf mit Süßigkeiten gefüllte Stiefel reduziert

Viele Briefe enthalten Wunschzettel, teilweise mit konkreten materiellen Bestellungen. Nicht wenige Briefe enthalten aber auch anrührende Geschichten und Wünsche, die eher ins Immaterielle gehen. Gesundheit für ein erkranktes Familienmitglied, Frieden in der Familie, kindliche Verzweiflung, weil sich die Eltern trennen wollen. Es ist schon eine Art von Seelsorge unserer Ehrenamtler in Nikolausdorf, diese Briefe zu lesen, zu reflektieren und zu beantworten.

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Heinrich Timmerevers ist Bischof von Dresden-Meißen und stammt aus dem Ort Nikolausdorf.

Der heutige Nikolaustag hat sich über eine lange Zeit hinweg auf die mit Süßigkeiten gefüllten Stiefel reduziert. Sie zu finden, ist eine organisierte und bestellte Überraschung. Man weiß am Vorabend schon, was einen am nächsten Morgen erwartet. Dahinter steht allerdings eine Tradition oder Legende, ganz wie Sie wollen. Diese macht sich im 3. Jahrhundert fest und beschreibt das Wirken des Heiligen Nikolaus, des Patrons des heutigen Tages.

Ein verarmter Mann war am Ende, weil er seine drei Töchter nicht standesgemäß verheiraten konnte. Damals musste der Brautvater die Töchter mit einer ordentlichen Mitgift ausstatten, sonst lief nichts auf dem Heiratsmarkt. Er war wirklich materiell arm und musste nun damit rechnen, dass er seine Töchter nicht nur nicht unter die Haube bekommt, sondern dass diese mangels Heirat auf Abwege geraten. Von dieser Not soll unser Nikolaus erfahren haben. Des Nachts soll er sich zum Haus des verzweifelten Mannes geschlichen und ins geöffnete Fenster drei Goldklumpen geworfen haben. Damit war die Armut beseitigt, die Mitgift gesichert und der Seelenfrieden des Vaters wieder hergestellt. Eigentlich spielen wir dies alljährlich am 6. Dezember nach. Nur, dass wir keine Goldklumpen finden, sondern Süßigkeiten im geputzten Schuh.

Definiert sich Armut allein über die Abwesenheit von Geld?

Die anrührende Geschichte des armen Mannes, der unglücklichen Töchter und des Retters aus der Armut ist damit auserzählt und hat sich über Jahrhunderte zur Legende und zum Volksbrauch gewandelt. Aber: Es ist ausgesprochen ärgerlich, dass die Geschichte mit den drei Goldklumpen an dieser Stelle zu Ende ist. Sie ist mitnichten auserzählt. Erst danach wird es nämlich richtig interessant.

Linktipp: Der Heilige, den jeder kennt

Einer der beliebtesten Heiligen ist Nikolaus. Seinen Gedenktag am 6. Dezember kennt wohl buchstäblich jedes Kind. Und das Brauchtum drumherum ist aus der Vorweihnachtszeit nicht wegzudenken.

Mit den Goldklumpen sei die Armut beseitigt. Und alle waren froh und glücklich. Das ist die Quintessenz der Geschichte. Wirklich? Definieren sich Armut und Reichtum allein über die An- oder Abwesenheit von Geld? Macht Geld allein glücklich? Hatten die drei jungen Damen, nun mit ordentlicher Mitgift ausgestattet, später ein reiches und gutes Leben? Das hätte mich sehr viel mehr interessiert. Aber darüber schweigt sich die Legende aus. Schade.

Was ist Armut, was ist Reichtum? Vor kurzem erschien der alljährliche Armutsbericht der Bundesregierung mit der bedenklichen Aussage, dass ein Fünftel der Kinder im Osten arm seien. Untersetzt wurde diese Aussage mit einem detaillierten Zahlenwerk an Bemessungsgrenzen, Warenkorbvergleichen und Einkommenstabellen. Ich gestatte mir da ein gewisses Misstrauen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Und ich möchte auch keineswegs zynisch erscheinen. Aber wenn man einmal die Townships in Südafrika oder die Not in Zentralafrika gesehen hat, definiert sich Armut anders. Natürlich ist es schlimm, wenn zu Hause Geld fehlt. Wenn man auf manches, was einem lieb ist, verzichten muss. Ich bin selbst in einer Landwirtsfamilie mit fünf weiteren Geschwistern aufgewachsen. Ich will da nicht den Begriff "Armut" strapazieren. Aber auf Rosen waren wir finanziell nicht gebettet. Teilen und verzichten haben meine Geschwister und ich schon früh gelernt. Hat uns übrigens nicht geschadet.

Anlass zum Nachdenken

Es gehört zu den großen Errungenschaften unseres Landes, dass niemand in eine existenzielle materielle Krise geraten muss. Verhungern muss in Deutschland keiner. Das ist für ein Land ein großer Wert, der manchmal übersehen wird, obwohl sich im Gegenzug die Frage stellt, ob die allumfassend organisierte staatliche Daseinsfürsorge noch dem klassischen Subsidiaritätsprinzip entspricht.

Ich habe in meinem Leben viele Familien kennengelernt, bei denen das Geld wirklich arg knapp war, die ich aber dennoch als reich bezeichnen kann. Liebevoller Umgang miteinander, Hilfe, Beistand, Interesse für Kultur und Bildung. Und umgekehrt: Wenn wir manche der Schönen und Reichen in den Hochglanzzeitschriften a la "Bunte" oder "Gala" sehen. Sind die wirklich reich? So kann vielleicht der heutige Nikolaustag mit seinen angeblich überraschenden Annehmlichkeiten im gefüllten Stiefel ein Anlass sein, darüber nachzudenken, was für uns Armut ist und was Reichtum.

Von Heinrich Timmerevers

Der Autor

Heinrich Timmerevers wurde am 29. April 2016 zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt und am 27. August in sein Amt eingeführt. Davor war er seit 2001 als Weihbischof in Münster Bischöflicher Offizial in Vechta. In der Deutschen Bischofskonferenz ist er Mitglied der Pastoralkommission und der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Institute des geweihten Lebens" und Bundesseelsorger des Malteser Hilfsdienstes.