Auf einen Tee mit Frau Ordowski
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Ehrenamtliche bringt Spätaussiedlern deutsche Sprache und Kultur näher

Auf einen Tee mit Frau Ordowski

Serie: Ehrenamt - Unter anderem mit Baron Münchhausens Geschichten und Heißgetränken bringt Brigitte Ordowski Spätaussiedlern die deutsche Sprache und Kultur näher. Sie bietet keinen Grundkurs in deutscher Sprache an, sondern eher eine Plauderstunde für Literaturinteressierte.

Von Björn Odendahl |  Krefeld/Bonn - 15.01.2014

Es ist Mittwoch. Und wie immer ist Frau Ordowski etwas eher da als die Teilnehmerinnen ihrer Teestunde, die alle zwei Wochen stattfindet. In den Händen hält sie Tüten voller Dekoration. "Um das Beste aus dem Raum herauszuholen", sagt sie. Der Raum ist eigentlich für Tagungen gedacht und daher eher spärlich eingerichtet. Ein Gesteck hier, ein paar Servierten dort. Und das Geschirr darf natürlich nicht fehlen. Schon sieht es fast wohnlich aus im Haus der Krefelder Caritas.

Seit sieben Jahren spricht die Ehrenamtliche mit Spätaussiedlern über Werke von Autoren wie Wilhelm Busch, Bertolt Brecht oder – wie an diesem Tag – Erich Kästner. "Das ist aber kein Grundkurs in deutscher Sprache", sagt sie. Es gehe vielmehr darum, dass die Teilnehmer "freier und besser sprechen lernen". Außerdem wolle sie neben einem entsprechenden Wortschatz auch die deutsche Kultur vermitteln. "Wir haben in der Vergangenheit schon über Weihnachtsbräuche oder den Karneval gesprochen."

Die Teilnehmer schätzen auch die warme Atmosphäre und die Gemütlichkeit.

Zu Beginn der Teestunde wird geplaudert

Der Tisch ist mittlerweile gedeckt, und die ersten Literaturinteressierten treffen ein, um sich mit den Lügengeschichten des Barons auseinanderzusetzen. Doch vorher wird noch geplaudert. "Was gibt es Neues?", fragt Frau Ordowski die Anwesenden. Die berichten von Erlebnissen der letzten zwei Wochen und dem ein oder anderen kleinen Problem im Alltag. "Spreche ich es 'Honig' oder 'Honich' aus, wenn ich das nächste Mal im Supermarkt bin", fragt Irina. Die Ehrenamtliche wirkt nicht oberlehrerhaft, stellt die Frage zur Diskussion. "Bei größeren Problemen", so sagt sie, "gibt es dann aber andere Ansprechpartner hier bei der Caritas, an die ich vermittle." Das können bevorstehende Behördengänge oder familiäre Konflikte sein.

Das Angebot von Frau Ordowski lockt vor allem Teilnehmerinnen mit höherem Bildungsniveau an: eine ehemalige Professorin für Mathematik, eine Buchhalterin, eine Elektroingenieurin oder eine Programmiererin. Fast alle stammen aus Russland oder der Ukraine und haben ihre Heimat erst spät verlassen. "Viele haben schon Kinder und Enkelkinder, um die sie sich kümmern müssen", sagt die Rentnerin. Dennoch kommen immer zwischen sechs und zwölf Personen zu ihrer Teestunde.

Wie die Teilnehmer ist auch Brigitte Ordowski Aussiedlerin. 1958 kam sie mit 18 Jahren aus dem polnischen Danzig nach Deutschland. In ihrer Heimat wollte sie nach dem Abitur eigentlich Brückenbauingeneurin werden. Nach dem Grund für diesen speziellen Berufswunsch gefragt, antwortet sie schlicht: "Die meisten Brücken in meiner Kindheit sahen irgendwie gleich aus. Das hat mich traurig gemacht." In Deutschland angekommen, musste sie ihre Schulabschlüsse noch einmal nachholen und wurde schließlich Bautechnikern.

Brigitte Ordowski baut Brücken mit Hilfe der Sprache

Wenn auch nicht mit Steinen, so baut Brigitte Ordowski auf ihre eigene Art heute dennoch Brücken. Sie tut es mit Hilfe der Sprache. Denn gerade die deutsche – mit ihren Redewendungen und vielen Ausnahmeregelungen – ist nicht immer einfach. Reihum lesen die Teilnehmerinnen einen Abschnitt des Abenteuers. Dabei treten Fragen auf. "Was heißt 'mit heiler Haut davongekommen'?", fragt Dina. Es ginge dabei nicht immer um die Haut selbst, erklärt die Rentnerin, sondern darum, einer Gefahr unbeschadet zu entgehen. Während sie diskutiert, wird Tee nachgeschenkt.

Literatur steht im Zentrum der Krefelder Teestunde. Heute geht es um die Geschichten des Barons Münchhausen.

"Ich kannte nicht viel vom Leben in Deutschland, bevor ich hergekommen bin", gesteht Irina innerhalb der Runde. Oft wisse sie nicht, wie sie sich in gewissen Situationen verhalten soll, sagt sie. "Hier kann ich alles fragen, nicht nur über Literatur." Eleonore stimmt zu: "Im Wörterbuch steht zwar die Bedeutung eines Wortes, aber nicht, wann ich es benutzen soll."

"Natürlich muss man eine gewisse soziale Ader haben", sagt Frau Ordowski. Ohne die, ist sie sicher, würde es nicht so einen Spaß machen. Aber sie bringt neben dem notwendigen Engagement auch fachliches Wissen mit. Nachdem ihre erwachsenen Kinder aus dem Haus waren, wollte sie etwas Neues ausprobieren. Denn sie war neugierig. "Ich habe alle drei gleich erzogen und trotzdem sind sie so unterschiedlich geworden." Also begann sie Ende der 80er-Jahre ein Pädagogikstudium in Dortmund, das sie mit Diplom abschloss.

Schon 166 Stunden, "weil ich Tee-Fan bin"

Nachdem Brigitte Ordowski für kurze Zeit hauptamtlich bei der Caritas beschäftigt war, startete sie am 1. März 2006 mit ihrer ehrenamtlichen Teestunde. "Weil ich gerne mit einer unterhaltsamen Gruppe über Literatur sprechen wollte", sagt sie. "Und weil ich Tee-Fan bin." Die Teilnehmer wissen das Engagement der Rentnerin zu schätzen. Sie käme nicht nur, um sich fortzubilden, sagt Olga, sondern auch "wegen der warmen Atmosphäre und der Gemütlichkeit".

"So endete der Spaß mit dem Posthorn, und damit endet zugleich meine russische Reisegeschichte", heißt es am Schluss von Münchhausens "Ritt auf der Kanonenkugel". Auch die 166. Teestunde von Frau Ordowski im Haus der Caritas neigt sich damit dem Ende entgegen. Doch wie der Baron hat auch die Ehrenamtliche noch viele Geschichten auf Lager. Deshalb trifft sich die Gruppe in zwei Wochen wieder: auf ein gutes Buch und eine Tasse Tee.

Hintergrund

Die Teestunde ist ein Angebot der Caritas-Integrationsagentur in Krefeld.

Serie: Ehrenamt

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Von Björn Odendahl