"Bist du auch so ein Kirchenfuzzi?"
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Wie katholische Jugendliche im Alltag stigmatisiert werden

"Bist du auch so ein Kirchenfuzzi?"

Mobbing kann für die Opfer großes Leid bedeuten. Auch auf den Glauben können die Erniedrigungen abzielen, gerade unter Jugendlichen. Junge Katholiken erzählen anynom von ihren schmerzhaften Erfahrungen.

Von Julia Martin |  Bonn - 23.01.2017

In Deutschland ist die Religionsfreiheit im Grundgesetz gesichert. Dort steht: "Die Freiheit des Glaubens des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich."  Und weiter: "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." Was aber, wenn schon die bloße Religionszugehörigkeit zum Problem wird? Und zwar nicht in Flüchtlingsunterkünften zwischen Christen und Muslimen, sondern im alltäglichen Umfeld von Kindern und Jugendlichen.

Der YouTuber und Organist Ludwig Martin Jetschke fragte auf seinem Kanal kürzlich nach Mobbing-Erfahrungen wegen des Orgelspielens. Die Resonanz war gewaltig. Vor allem junge Organisten meldeten sich in der Diskussion zu Wort. Dabei zeigte sich: Junge Orgelspieler werden immer wieder Opfer von gezieltem Mobbing. Doch nicht nur an der Orgel: Kinder und Jugendliche erfahren offenbar vielfach Ablehnung und Schikane, wenn sie sich in der Kirche engagieren oder ihren christlichen Glauben zu offensichtlich ausleben. Ein Jugendlicher schreibt auf YouTube:

"In unserer Klasse ist es halt so, dass ständig jemand gebraucht wird, auf dem dann alle 'rumhacken' können. (…) Eigentlich wirklich traurig, denn man braucht und will sich ja eigentlich nicht davor verstecken, aber wenn einem dann der komplette Ausschluss von der Gesellschaft droht, ertappt man sich oft dabei, eine Ausrede zu suchen. Dass das dann natürlich nicht die Haltung eines Gläubigen sei usw. und sofort rückt dann in den Hintergrund. Manchmal versuche ich mich auch im Religionsunterricht ein wenig mit Meldungen zurückzuhalten, da man sonst nach der Stunde wieder als 'hobbyloser Relistreber' deklariert wird."

Zusammenhänge zwischen Mobbing und der christlichen Religionszugehörigkeit sowie weiter der aktiven Glaubensausübung bei Kindern und Jugendlichen wurden bisher nicht erforscht. Laut des schwedisch-norwegischen Psychologen Dan Olweus ist Mobbing definiert durch "ein Individuum, welches wiederholte Male und über einen längeren Zeitraum negativen Handlungen von einem oder mehreren Individuen ausgesetzt ist." OECD-Daten belegen, dass in Deutschland jeder zehnte Jugendliche gemobbt wird. Im Internet laut der JIM-Studie sogar jeder Dritte. Die Gründe sind vielfältig. Auf den Glauben geht keine der Studien ein.

Nicht alle "negativen Handlungen" lassen sich unter dem Mobbingbegriff zusammenfassen. Junge Organisten auf der Facebookseite des Kirchenmusikers äußern sich: "Grundsätzlich werde ich dafür nicht gemobbt, aber ab und zu kommt ein abfallender Kommentar, da es eben mit Kirche zu tun hat." Oder: "Ich wurde auch schonmal mit solchen Reaktionen bekannt gemacht. Von wegen 'Orgel? Bist du auch so ein Kirchenfuzzi?'"

Es bleibt nicht nur bei verbalen Attacken

Doch nicht immer bleibt es bei verbalen Äußerungen. Ein Jugendlicher erzählt, dass er im Sportverein wegen den Gottesdienstbesuchen oft bei Spielen nicht dabei sein konnte. Mit bösen Kommentaren wie "Finanzieren dir die Opas und Omas aus der Kirche mit dem Klingelbeutel deine Sportschuhe?" fing es bei ihm an. Irgendwann redete niemand aus seiner Mannschaft mehr mit ihm. Dann wurde es körperlich: Bein stellen beim Einlaufen, absichtliches Abschießen während des Trainings. Die Trainer haben weggesehen. Am Ende blieb ihm nichts anderes übrig als aus dem Verein auszutreten.

Alles Einzelfälle? Nein, meint Bundesseelsorger Daniel Steiger von der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB): "Katholisch zu sein hat einen gewissen negativen Stempel. Das hat meiner Meinung nach mit dem gesamten Bild der katholischen Kirche in Deutschland zu tun." Direkte Anfeindungen oder Mobbing wurden dem Bundesseelsorger noch nicht berichtet. Es gebe aber viele Jugendliche, die sich für ihr Engagement in einem katholischen Jugendverband rechtfertigen müssen oder Scheu davor haben, "sich zu outen, ein Teil der katholischen Kirche zu sein und einen aktiven Part zu übernehmen".  

Damit wären diese Jugendlichen Stereotype für Mobbingopfer, wie sie Dan Olweus definiert. Als sogenannte "passive Opfer" zeigen sie Unsicherheit und wagen es nicht, sich gegen den "Täter" aufzulehnen. In Bezug auf ihre aktive Glaubensauslebung unterscheiden sie sich von anderen Jugendlichen und sind somit stärker in eine Außenseiterrolle gedrängt. Ludwig Martin Jetschke, der selbst angehender Religionslehrer ist, begründet diese Sonderrolle mit der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft. Auch er stößt mit seinem Studienfach Theologie oft auf Unverständnis: "Als Katholiken sind wir direkt in der Defensive und müssen uns gefühlt dafür entschuldigen, dass wir glauben."

Spott und Häme

Auf seinen Aufruf reagierten überdurchschnittlich viele seiner Follower. Die Erfahrungen einiger Jugendlicher gehen laut dem Organisten bis auf das Existenzielle: "Da müssen Leute ihren Glauben wirklich verstecken, weil sie sonst ihren Alltag einfach nicht aushalten." Und diejenigen, die dazu stehen, müssen mit den negativen Folgen leben: "Leider kommt damit aber nicht jeder klar. Ich ernte sehr viel Spott, mir werden Sachen weggenommen, ich werde beleidigt, meine Sachen werden auch beschmiert, kommt alles vor." Einer anderer musste unter anderem wegen seines Orgelspielens die Schule wechseln.

Für Opfer ist ein Schulwechsel oftmals der einzige Ausweg. Bei Cybermobbing im Internet gibt es diesen nicht. Die Täter können 24 Stunden ihre Opfer belästigen. Nicht einmal das Zuhause bleibt als Rückzugsort und was einmal im Internet ist, verschwindet niemals vollständig. Laut der JIM-Studie wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 19 Prozent aller Jugendlichen Opfer von Cybermobbing in Form von Beleidigungen und falschen Behauptungen. Tendenz steigend: Im Vergleich zu 2014 ist das ein Zuwachs von 2 Prozent.

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"Wie schütze ich mein Kind vor Cybermobbing?" Professor Andreas Büsch, Medienexperte aus Mainz, hilft weiter.

Nicht immer ist es die groß angelegte und dauerhafte persönliche Kampagne. Viele Gläubige berichten von Spott im Alltag und abfälligen Bemerkungen. Sie beginnen, sich zu schämen und sind hilflos, wie sie auf solche Angriffe reagieren sollen. Doch kommt das allzu häufig vor, schädigt das auch auf lange Sicht. Gerade Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Phase und benötigen als Opfer Jahre später noch therapeutische Maßnahmen aufgrund von psychischer Traumatisierung.

"Handelsübliche dumme Kommentare"

Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Gerade im traditionell katholisch geprägten Oberbayern ist laut KLJB-Bundesseelsorger Daniel Steiger der Glauben noch verwurzelter als etwa in Ostdeutschland. In einem katholisch sozialisierten Umfeld kämen die Jugendlichen dann auch in keinen Rechtfertigungsmodus, weil sie dort auf Gleichgesinnte treffen. Gemeinsam können sie dann ihren Glauben leben, ohne sich abfälligen Bemerkungen aussetzen zu müssen.

Doch selbst in diesem Umfeld kann es zu negativen Reaktionen kommen. Ludwig Martin Jetschke bezeichnet diese als die "handelsüblichen dummen Kommentare". Diese alltäglichen Abwertungen müssen seiner Meinung nach nicht akzeptiert werden. Für ihn waren sie sogar ein Ansporn, Theologie zu studieren und sich weiter mit seinem Glauben auseinanderzusetzen: "Wenn jetzt eine dumme Bemerkung kommt, kann ich dann mit einer ganzen Batterie an Argumenten dagegenhalten." Und vielleicht wird das doch irgendwann nicht mehr notwendig sein. Wenn die Religionsfreiheit des Grundgesetzes auch im Alltag von Kindern und Jugendlichen angekommen ist.

Von Julia Martin