Zwischen Mexiko und Münster
Bild: © Adveniat
Adveniat-Geschäftsführer Klaschka geht in den Ruhestand

Zwischen Mexiko und Münster

Hilfswerke - Mit 70 scheidet Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka aus seinem Amt. In seinen 40 Jahren Lateinamerika-Erfahrung hat er zentrale wie heikle Kapitel der Kirchengeschichte erlebt.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Essen - 03.03.2017

Das Bild vom Wanderer zwischen zwei Welten ist schon oft bemüht worden. Aber bei Bernd Klaschka passt es tatsächlich ziemlich gut. Als Seelsorger ist er in Lateinamerika ebenso zuhause wie am heimischen Niederrhein, in Essen oder Münster. Viele seiner 70 Lebensjahre hat er in Mexiko verbracht. Nach einem guten Dutzend Jahren als Hauptgeschäftsführer des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks "Adveniat" gibt er nun den Stab weiter an seinen Nachfolger Michael Joseph Heinz (54).

Wer mit Prälat Klaschka im Bus sitzt, irgendwo zwischen San Jose und Feuerland, merkt schnell: Hier ist kein Reiseonkel unterwegs. Hier geht's ums Teilen - von Leid, von Freude und Erfahrungen. "Die freudigsten Momente waren die Begegnungen mit den Armen in den verschiedensten Ländern, die trotz ihrer Armut ihre Hoffnung nicht verlieren - und damit auch mir Hoffnung gegeben haben", sagt der Niederrheiner rückblickend. "Sie waren Lehrmeister des Lebens für mich."

Als junger Seelsorger in Mexiko

Mehrfach war Klaschka bei Weichenstellungen unmittelbar dabei: etwa 2007 als Beobachter im brasilianischen Aparecida, als die Generalversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM eine "neue kontinentale Mission" unter den 235 Völkern mit ihren 240 Sprachen beschloss. Der heutige Papst Franziskus, damals noch Kardinal von Buenos Aires, zählte zu den prägenden Gestalten der Versammlung. Er saß der Redaktionskommission für das Schlussdokument vor - und setzte sich gegen konservative und römische Widerstände in der Kommission durch. Nicht nur deshalb sieht Klaschka die Papstwahl von Franziskus 2013 als das beste, was der Kirche passieren konnte.

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Video: © katholisch.de

Adveniat-Chef Klaschka geht - und zwar mit Sorge. Wie geht es für ihn persönlich weiter? Und was sagt er zu den Mauerplänen von Donald Trump? Ein Interview mit dem Internetportal Weltkirche.

Geboren am 12. Juli 1946 im niederrheinischen Rheinberg, wurde Bernd Klaschka 1973 im Bistum Münster zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren in Recklinghausen war er von 1977 bis 1984 als Seelsorger in Cardonal im mexikanischen Bistum Tula freigestellt. Nach weiteren Stellen im Bistum Münster zog es ihn 1996 ein zweites Mal nach Mexiko.

Im Bundesstaat Hidalgo übernahm er den Aufbau und die Verwaltung der von Armut geprägten Pfarrei Orizabita. Dort setzte er sich besonders für bessere Lebensbedingungen, Ausbildung und Arbeitsplätze der Otomi-Indianer ein und kämpfte gegen den virulenten Rassismus. 2004 schließlich berief ihn die Deutsche Bischofskonferenz zum Geschäftsführer der Adveniat-Geschäftsstelle in Essen.

In seiner Amtszeit hat Klaschka viel Wert darauf gelegt, dass hinter der Hilfe von Adveniat immer Menschlichkeit und Begegnung stehen. Erschüttert etwa von der absoluten Not in Haiti, von Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, spürte er: "Dort ist es wichtig, dass wir nicht nur Entwicklungsprojekte initiieren, sondern den Menschen sagen: Du bist nicht allein. Wir sind bei dir, wir verlassen dich nicht."

Adveniat blieb der "Option für die Armen" treu

Ein ebenso zentrales wie heikles Kapitel der gemeinsamen Geschichte von Adveniat und Lateinamerika war die Theologie der Befreiung. In den 70er und 80er Jahren, als marxistische Elemente einer "linken Theologie" das Verhältnis zwischen lateinamerikanischen Ortskirchen und dem Vatikan stürmisch gestalteten, blieb Adveniat der "vorrangigen Option für die Armen" treu.

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Viele Basisgemeinden, vor allem in Brasilien, seien damals auf vatikanisches Geheiß ausgeschaltet worden, bestätigt Klaschka. Den theologischen Kern der Befreiungstheologie, den Grundsatz "sehen - urteilen - handeln", habe sich die Kirchenleitung aber sehr wohl zu Eigen gemacht.

Außer der bis heute drängenden Frage der Verteilungsgerechtigkeit bereiten Klaschka auch die jüngsten politischen Entwicklungen in den USA Sorge. Der neue Präsident Donald Trump habe die Menschen in Lateinamerika mit vielen seiner Äußerungen gedemütigt. Und diese hätten ein ausgeprägtes historisches Gedächtnis für Erobertsein und Ausgebeutetsein. Klaschka befürchtet einen Domino-Effekt sinkender Solidarität. Genügend Arbeit für die Kirche in den USA und in Lateinamerika - und auch für seinen Nachfolger Heinz.

Klaschka selbst hat auch für seinen Unruhestand schon neue Pläne, um seine Erfahrungen aus Lateinamerika in seiner deutschen Heimat weiterzugeben. Ab Sommer will er sich der Krankenhausseelsorge widmen: "Kranke begleiten, trösten, stärken - mit meinen Erfahrungen von den indigenen Menschen Lateinamerikas."

Von Alexander Brüggemann (KNA)