Brasilien im "Religionsfieber"
Zeitung: Es entsteht eine neue Sekte pro Stunde

Brasilien im "Religionsfieber"

Evangelikale Sekten sind in Brasilien auf dem Vormarsch und verdrängen die katholische Kirche. Die Freikirchen erhalten oft finanzielle Unterstützung aus den USA und haben einflussreiche Mitglieder.

Rio de Janeiro - 26.03.2017

In Brasilien wird praktisch jede Stunde eine neue religiöse Sekte gegründet. Wie das Portal "O Globo" am Sonntag berichtete, sind seit Januar 2010 insgesamt 67.951 neue Kirchen bei der Steuerbehörde registriert worden. Das entspricht einem Schnitt von etwa 25 Neugründungen am Tag, wobei einige auch "Filialen" bereits bestehender Sekten an anderen Orten sind. In kaum einem Land gewinnen evangelikale Sekten so einen Einfluss - und sind für die katholische Kirche eine immer größere Konkurrenz. Oft reicht ein angemietetes Ladenlokal, dort werden die Gottesdienste abgehalten. Die Gruppen finanzieren sich oft vor allem über Spenden ihrer Mitglieder. Viele evangelikale Gruppierungen unterhalten zudem intensive Kontakte zu Freikirchen in den USA.

Neuer Bürgermeister von Rio gehört christlicher Sekte an

Im Prinzip kann jeder Bürger recht unbürokratisch eine neue religiöse Gruppe registrieren lassen. Auch der Regierung von Präsident Michel Temer gehören mehrere Anhänger solcher Sekten an. Der inzwischen wegen Korruptionsvorwürfen inhaftierte frühere Parlamentspräsident Eduardo Cunha, Treiber der Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff, hat weiterhin starken Rückhalt in der Evangelikalen-Bewegung.

Im für seine Freizügigkeit bekannten Rio de Janeiro wurde im Herbst 2016 der Ex-Sektenbischof Marcelo Crivella zum neuen Bürgermeister gewählt. Er gehört der "Universalkirche des Königreichs Gottes" an. Homosexualität sieht er als Krankheit an, über Schwarze sagte er mal, sie würden vor allem Cachaça-Schnaps und Prostitution mögen. Crivella boykottierte in diesem Jahr auch demonstrativ den Karneval in Rio. (rom/dpa)

Linktipp: Zahl der Katholiken sinkt

Mit rund 140 Millionen Katholiken ist Brasilien das größte katholisch geprägte Land der Welt. Angesichts enormer sozialer Gegensätze ist das Engagement der Kirche für Arme und Entrechtete weithin anerkannt. Dennoch macht der katholischen Kirche eine wachsende Zahl protestantischer und evangelikaler Kirchen und Gemeinschaften zunehmend ihre ehemals unangefochtene Rolle streitig. (Artikel vom Januar 2015)