Tamilenwallfahrt nach Kevelaer
Bild: © KNA
Pilgerort Kevelaer feiert Jubiläum und sucht Wege in die Zukunft

Minibild mit Megawirkung

Wallfahrtsorte - Seit 375 Jahren pilgern Menschen nach Kevelaer, dem zweitgrößten Marienwallfahrtsort Deutschlands. Es sind weniger Gruppen als früher - aber immerhin 1.000 pro Jahr. Der Ort sucht nun Wege in die Zukunft.

Von Andreas Otto (KNA) |  Kevelaer - 27.03.2017

Die Glocken geben keine Ruhe. Um 11.30 Uhr hätte der Gottesdienst in der Marienbasilika eigentlich schon längst begonnen haben sollen. Aber die Gruppe aus Waldfeucht-Haaren lässt sich Zeit. Und niemand in Kevelaer stört sich an dem Dauergeläut. Das niederrheinische Städtchen ist Wallfahrer gewöhnt - und auch Verspätungen.

Es ist 20 Minuten über der Zeit, als sich in den Glockenklang Posaunentöne mischen. Über die Hauptstraße nähert sich langsam die Prozession mit den 350 Pilgern - darunter 45 mit Rädern und 10 mit Pferden. Die Vierbeiner tänzeln unruhig auf dem Pflaster, als der Zug das kleine sechseckige Gebäude in der Mitte des Platzes umkreist: die sogenannte Gnadenkapelle. Sodann ziehen die Wallfahrer singend in die Basilika wenige Schritte weiter ein.

So wie an diesem Herbsttag finden jedes Jahr rund 1.000 Gruppen ihren Weg nach Kevelaer - zu Fuß, mit dem Bus, im Auto, per Bahn sowie auf Pferden oder Motorrädern. Auch Tamilen und Hundefreunde kommen. Und Sportler wählen schon mal das Kanu, um über die Niers ans Ziel zu kommen. Und dieses Ziel, das ist ein Minibild, eine postkartengroße Darstellung der Gottesmutter Maria. Auch die Ehrenrunde der Waldfeucht-Haarener gilt diesem Kupferstich, dem Herz der Gnadenkapelle, ja von ganz Kevelaer.

Innenansicht der Marienbasilika in Kevelaer.

Innenansicht der Marienbasilika in Kevelaer.

Seit 375 Jahren zieht das Bild Menschen an. Der zweitgrößte Marienwallfahrtsort Deutschlands feiert im Sommer dieses Jubiläum mit einer großen Festwoche. Dann wird daran erinnert, wie alles seinen Anfang nahm an der alten Handelsstraße von Köln nach Antwerpen.

"Trösterin der Betrübten"

Es war die Zeit, als im Dreißigjährigen Krieg Millionen Menschen durch Waffen, Hunger und Seuchen ihre Leben ließen. Soldaten zerstörten auch Kevelaer und töten etwa 100 Menschen. In diesen Zeiten existenzieller Not ergreifen der Handelsmann Hendrick Busman und seine Frau die Initiative, machen sich aus ihrem "geringen Verdienste täglich eine Ersparnis" und kaufen Soldaten aus Luxemburg das Papierbild mit der "Trösterin der Betrübten" ab. Sie berichten von Eingebungen, einen Bildstock zu bauen, in dem das Gnadenbild dann am 1. Juni 1642 seinen Platz findet.

Es ist der Beginn einer religiösen Bewegung, die aus dem kleinen Bauernort eine Wallfahrtsstätte wachsen lässt mit immer größeren Dimensionen und derzeit jährlich 800.000 Pilgern. Dabei ist das Gnadenbild wenig spektakulär: Zu sehen ist eine längst verblasste Madonna mit einem weiten Mantel. Doch die Zahl der Besucher wächst - auch nach Wunderberichten. Schon bald wird für die Pilger ein kleines Gotteshaus, die Kerzenkapelle, gebaut.

Der Wallfahrtsor Kevelaer genießt eine hohe Anerkennung. Zum silbernen Priesterjubliäum von Rektor Rolf Lohmann im Mai 2014 kam auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.

Über dem Heiligtum selbst lassen die Kevelaerer wie eine Schutzhülle die Gnadenkapelle entstehen. Ein vergoldeter Silberrahmen um das Madonnen-Bild, eine Ehrenkrone, unzählige Edelsteine und Rosenkränze machen aus dem Kleinod ein Schmuckkästchen - ein augenfälliges Zeichen für die jahrhundertealte Verehrung der Gottesmutter und die Glaubensgewissheit, dass sie sich für die Anliegen der Beter als Fürsprecherin bei Gott stark macht. In diese Traditions-Kette eingereiht hat sich auch die Gruppe aus Waldfeucht-Haaren, die in der erst 1923 erbauten Marienbasilika ihren Gottesdienst feiern, ein weiteres markantes Gebäude im Wallfahrts-Ensemble.

Überschaubares Ambiente

Während Pilgerorte wie Lourdes sich durch Weitläufigkeit und Menschenmassen auszeichnen, liegt im 28.000-Einwohner-Ort Kevelaer alles kompakt beieinander. Wenn es im Mai wärmer wird und die Wallfahrtssaison beginnt, finden die täglich bis zu 70 Pilgergruppen ein überschaubares Ambiente vor: Wenige Schritte von den Gebetsstätten entfernt suchen Gaststätten und die typischen Geschäfte mit Kerzen oder dem Christophorus fürs Auto ihre Kundschaft.

Der Gasthof zum Goldenen Hammer - einst wurden hier mal die Pferde der Pilger beschlagen - verbindet Herberge und Devotionalienladen. Im Gastraum erwarten schlichte Holztische und -stühle den Besucher. In einer Ecke findet sich alles, was das Pilgerherz begehrt: von der Engelfigur bis zu Erbauungsschriften. "So sahen früher die Pilgergaststätten aus", berichtet Ingeburg Schündelen, die den Familienbetrieb in vierter Generation leitet.

Damals, in ihren Kinderzeiten, kamen Pilger mit Sonderzügen und Hunderten von Bussen, erinnert sie sich. "Bei dem Andrang konnte ich keine Pflastersteine mehr sehen." Diese Boom-Zeiten sind vorbei.

Beschäftigte Schündelen noch vor sieben Jahren einen Koch und zwei Service-Kräfte, macht die 62-Jährige nun alles selbst. Eine schmale Holztreppe führt nach oben in eine Welt der 70er-Jahre. 23 Euro kostet die Nacht in den schlichten Betten. "Reich wird man davon nicht", so Schündelen. Wie es mit ihrem Lokal mal weitergeht? Ihr Sohn jedenfalls möchte das Haus nicht übernehmen und hat sich beruflich längst anders orientiert.

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Pfarrer Rolf Lohmann lädt Gläubige zum Mitfeiern ein

Die Zukunft des Ortes, dessen Wallfahrt nach dem Willen von Stadt und örtlicher Pfarrei immaterielles Weltkulturerbe werden soll, treibt auch Bürgermeister Dominik Pichler um. Für den 41-Jährigen ist das "Alleinstellungsmerkmal" Wallfahrt durchaus auch ein Marketing-Argument, "wenngleich der Pastor das nicht gerne hört". Aber auch Pichler nimmt wahr, dass die Gruppen weniger und kleiner werden.

Attraktivitätsoffensive

Deshalb versucht er, Kevelaers Attraktivität zu steigern - etwa durch eine Modernisierung des Stadtkerns. Zudem will er ein Zusatzangebot etablieren und unter dem Motto "Gesund an Leib und Seele" einen Pilgerpark mit Thermalbad bauen. Nicht nur die klassischen Katholiken sollen kommen, sondern auch andere Menschen, die Spirituelles suchen - und die Quote der Hotelübernachtungen erhöhen. Gastwirtin Schündelen findet das Vorhaben passend, "denn für Leute mit Gebrechen ist unsere Maria doch da".

Auch Wallfahrtsrektor Rolf Lohmann hält die Pläne für "absolut verträglich" mit Kevelaer. Zugleich ist er optimistisch, was die Wallfahrt angeht. Er beobachtet - gerade auch nach Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg" - eine "Renaissance der Wallfahrtsbewegung". Das Gros der Pilger - 60 Prozent - machten zwar immer noch Gruppen mit festem Programm aus. Aber auf schon 40 Prozent sei der Anteil der "Individualpilger" gewachsen, zitiert Lohmann eine Umfrage.

Hunderte Wachslichter an der rußgeschwärzten Außenwand der Kerzenkapelle selbst im Winter, also außerhalb der eigentlichen Pilgerzeit, bestätigen diesen Trend. Bewegung und Besinnung - von dieser Mischung lassen sich nach Beobachtungen des Wallfahrtsrektors gerade viele junge Menschen begeistern - auch wenn sie der Kirche kritisch gegenüberstehen. Und für sie müsse Kevelaer neue Zugänge schaffen.

Einen Weg zwischen Tradition und Moderne suchen auch die Waldfeucht-Haarener - etwa mit einem "Schnupperpilgertag". Der hat dazu geführt, dass diesmal 13 Neupilger zwischen 18 und 45 Jahren mitgekommen sind. Brudermeister Willi Storms weiß, dass darunter nicht nur Top-Kirchgänger sind und der eine oder andere sogar ausgetreten ist. Aber der Ausstieg aus dem Alltag und das "ergreifende Gemeinschaftgefühl" reiße auch junge Menschen mit. Storms Sohn Bernd, der ihm als Brudermeister nachfolgen soll, meint: "Wer einmal mit dem Virus infiziert ist, kommt wieder mit."

Von Andreas Otto (KNA)

Linktipp: Mysterienspiel über Maria in Kevelaer geplant

Der Wallfahrtsort Kevelaer feiert in diesem Jahr seinen 375 Geburtstag. Zum Jubiläum haben die Verantwortlichen etwas Besonderes geplant. Im Fokus steht der Mensch Maria.