Zeltlager neben Fußball-Stadion
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Immer mehr Menschen haben unter der Fußball-WM zu leiden

Zeltlager neben Fußball-Stadion

Brasilien - In Sao Paulo findet am 12. Juni das WM-Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien in der nagelneuen Arena Corinthians statt. Doch statt WM-Touristen kampieren in einem riesigen Zeltlager nahe dem Stadion rund 4.000 Familien, die Opfer von Enteignungen und Immobilienspekulationen geworden sind. Stellt die Regierung ihnen keine Sozialwohnungen zur Verfügung, drohen sie sogar mit Sabotage während des Turniers.

Sao Paulo - 28.05.2014

"Copa do Povo" (WM des Volkes) haben die Camper ihr Zeltlager getauft. Seit Anfang Mai kamen immer mehr Familien auf der Wiese im Stadtteil Itaquera an, rund zwei Kilometer vom WM-Stadion entfernt. Nach Angaben der Landlosenbewegung MTST (Bewegung der Arbeiter ohne Land) sollen bereits rund 15.000 bis 20.000 Menschen ihre Zelte hier aufgeschlagen haben.

"Ist es fair, dass alte Leute wie dieses Ehepaar ihre Miete nicht mehr zahlen können und jetzt hier in der Kälte sitzen?", fragt der 23-jährige Bruno Gomes de Jesus. Drei Kinder hat er; da reiche der Lohn als Busfahrer nicht mehr aus.

Kaum Entschädigung für umgesiedelte Bewohner

Seine Geldsorgen teilen die WM-Organisatoren derweil nicht. Eigens für die WM wurde in dem östlichen Stadtteil Itaquera für 400 Millionen Euro eine riesige Arena aus dem Boden gestampft. "Die öffentliche Hand hat das bezahlt, wobei die Hälfte über Kreditlinien von Staatsbanken und weitere 40 Prozent durch Steuernachlässe finanziert wurde", sagt Rosilene Vanzetto von der Nichtregierungsorganisation Jubileu Sul. "Das schlägt auf die Verschuldung der öffentlichen Haushalte durch." Gleichzeitig mussten Tausende Anwohner für den Bau neuer Zubringerstraßen umgesiedelt werden. Für ihre Entschädigungen sei nicht so viel Geld da gewesen, sagt Vanzetto.

Bis vor drei Jahren galt der Stadtteil Itaquera als das Armenhaus Sao Paulos. Hier endet die Metrolinie, mit der Hunderttausende Arbeiter und Dienstmädchen täglich zur Arbeit ins Zentrum fahren. Vor allem aus dem armen Nordosten zugezogene Familien errichteten sich in den unzähligen Slums Itaqueras in den vergangenen Jahrzehnten eine schlichte Hütte.

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Immobilienspekulanten sorgen für höhere Mieten

Besitztitel ihrer Grundstücke haben sie nicht; ihre Häuser und Hütten sind nirgends registriert. Ein Nachteil, wie sich jetzt herausstellt.

Dank der neuen Arena ist Itaquera plötzlich für Immobilienspekulanten interessant geworden. Man plant Shopping-Zentren und Wohnblöcke für die Mittelschicht rund um das Stadion. Für den Bau der Zufahrtsstraßen zur Arena enteignete die Regierung in großen Umfang - wobei besonders die Favela-Bewohner ohne Besitztitel den Kürzeren zogen. Zwar erhielten sie Abfindungen und Mietzuschüsse. Aber: "Die Mieten haben sich fast verdoppelt. Wer sein Haus verliert, findet nichts Entsprechendes mehr", sagt Bruno aus dem Zeltlager.

Auch die Favela da Paz, gelegen in Sichtweite des Stadions, sollte eigentlich geräumt werden. "Doch wir haben die Aufmerksamkeit der Medien auf uns gezogen und konnten so die Regierung an den Verhandlungstisch bringen", sagt Drancy Silva, der die Belange der rund 400 Familien vertritt. Vor wenigen Tagen bot die Regierung den Bewohnern neue Sozialwohnungen an, die ab 2015 bezogen werden könnten. "Aber wir geben unsere alten Hausschlüssel erst ab, wenn wir die neuen ausgehändigt bekommen."

Bewegung droht mit Boykott der WM

Drancy hat von anderen Favelas gehört, in denen die Bewohner ihre Wohnungen räumten, ohne zu wissen, wohin sie danach gehen sollten. Viele von ihnen sitzen jetzt im Zeltlager des der Landlosenbewegung.

Die ist mittlerweile die treibende Kraft hinter den Anti-WM-Protesten in Sao Paulo. Mitte Mai legte man zur Stadioneröffnung den Verkehr lahm; vor wenigen Tagen wurden rund 20.000 Demonstranten mobilisiert. "Sollten unsere Forderungen nicht erfüllt werden, wird es am 12. Juni keine WM geben", drohte damals MTST-Führer Guilherme Boulos Staatspräsidentin Dilma Rousseff.

Die lässt nun angeblich prüfen, die besetzte Campingwiese in Itaquera zu kaufen und dann an den MTST überschreiben zu lassen. Nichts fürchtet Rousseffs Regierung mehr als Probleme während der WM. Das wissen auch die Menschen im Lager. "Manche sagen, wir nutzen die Situation aus", so eine Mutter dreier Kinder. "Aber wenn nicht jetzt, wann dann?"

Von Thomas Milz (KNA)