Papst Pius IX.: Gefangen im Vatikan
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Gedenktag: 7. Februar

Papst Pius IX.: Gefangen im Vatikan

Seine Pontifikatsdauer von fast 32 Jahren ist bis heute die längste historisch nachgewiesene Amtszeit eines Papstes. Pius IX. war zudem der "Papst des Unfehlbarkeitsdogmas". Er bleibt eine umstrittene Figur der jüngeren Kirchengeschichte.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Rom - 07.02.2019

An Pius IX., der sich seit dem Verlust des Kirchenstaates 1870 als "Gefangener im Vatikan" fühlte, richtete ein Diplomat die Frage, wann er ihn denn besuchen dürfe. "Wann immer Sie wollen", erwiderte der Papst. "Ich bin ja bekanntlich immer zu Hause." Am 13. Mai 1792 wurde Giovanni Maria Mastai-Ferretti, der "Papst der Unfehlbarkeit", geboren. Der Witz, die faszinierende Ausstrahlung und der Charme dieses Papstes, der die katholische Kirche von 1846 bis 1878 leitete - so lange wie kein anderer Petrus-Nachfolger -, sind fast sprichwörtlich. In einer Zeit, in der der Katholizismus allenthalben politisch und intellektuell in Bedrängnis geriet, war Pius IX. eine herausragende Identifikationsfigur. Im Jahr 2000 wurde er seliggesprochen - und bleibt doch eine der umstrittenen Figuren der jüngeren Kirchengeschichte.

Ein beschwerlicher Weg

Viele Stolpersteine, so meinen Historiker, liegen auf dem Weg der Heiligmäßigkeit jenes Mannes, der als liberale Galionsfigur begann und 1878 als Kämpfer gegen den Liberalismus starb. Da sind etwa die Festschreibung des päpstlichen Primats und der Unfehlbarkeit in Fragen der Glaubens- und Sittenlehre auf dem Ersten Vatikanum 1870, die vielen der Konzilsbischöfe als nicht opportun erschien und die bis heute Haupthindernisse für die Ökumene sind. Da ist der "Syllabus errorum": 80 Sätze, in denen Pius IX. 1864 "Irrtümer" der Zeit verdammte, darunter Kommunismus und Liberalismus oder auch Menschenrechte wie Gewissens- und Pressefreiheit.

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Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil in den Jahren 1869/1870 wurde lange darum gerungen - bis die Gegner Rom schließlich verließen. Verabschiedet wurde es am Ende trotzdem: das Dogma der Päpstlichen Unfehlbarkeit.

Wenig im frühen Werdegang des Konzilspapstes hatte auf ein solch restauratives Wirken hingedeutet. Mastai-Ferretti wurde 1792 in eine Familie des geistig aufgeschlossenen italienischen Landadels geboren. Nach seiner Priesterweihe 1819, für die er wegen regelmäßig wiederkehrender epileptischer Anfälle eine Dispens benötigte, wurde der so Ehrgeizige wie musisch Begabte 1827 Erzbischof von Spoleto und 1832 Bischof von Imola. Dort erwarb er sich wegen seines auf Ausgleich bedachten Wirkens einen Ruf als "Liberaler" - der freilich den politischen Ideen des Liberalismus keineswegs nahe stand.

Hoffnungsträger für mehr kirchliche Offenheit

Als Hoffnungsträger für mehr kirchliche Offenheit wurde er am 16. Juni 1846 von den italienischen Kardinälen zum Papst gewählt - ohne allerdings erst die Ankunft der ausländischen abzuwarten. Er machte sich gleich ans Werk - und machte mit fortschrittlichen Maßnahmen wie dem Bau eines Eisenbahnnetzes im Kirchenstaat viele Punkte bei der Bevölkerung. Doch schon wenig später, nach den Wirren der Revolutionswelle von 1848/50, bekommt sein Pontifikat deutliche Züge schroffer absolutistischer Restauration. Die italienischen Nationalisten nahmen ihm zudem übel, dass er sich im "Befreiungskampf" gegen das katholische Österreich zu Neutralität verpflichtet hatte. In der kirchlichen Auseinandersetzung mit der Moderne verfolgte Pius IX. einen Kurs der "Intransigenz" (Festungsmentalität), der erst im Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren endgültig aufgegeben wurde.

Linktipp: Was ist das Dogma der Unfehlbarkeit?

Vor knapp 145 Jahren wurde beim Ersten Vatikanischen Konzil das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet. Doch was bedeutet das eigentlich? Katholisch.de erklärt in der Serie "Katholisch für Anfänger", was es damit auf sich hat.

Erneuerung der Volksfrömmigkeit, kirchliche Zentralisierung im Papstamt, aber auch der Verlust des seit dem Mittelalter bestehenden weltlichen Kirchenstaates 1870 kennzeichnen sein Pontifikat. 1854 verkündete er das Dogma von der "Unbefleckten Empfängnis Mariens", wonach die Muttergottes als Mensch ohne Erbsünde geboren wurde. In die Amtszeit des eher mystisch-religiös denkenden Pius IX. fielen nicht nur der Beginn des Kulturkampfs in Deutschland und der Deutsch-Französische Krieg. Kirchenpolitisch bedeutsam waren auch die Errichtung der kirchlichen Hierarchie in England und den Niederlanden und der Abschluss zahlreicher Konkordate.

Umstrittene Seligsprechung

Die Seligsprechung Pius IX. fand nicht nur Zustimmung. So kritisierte die "Arbeitsgemeinschaft katholischer Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum", sein "völliger Verzicht auf nüchterne Zeitanalyse und geduldige Differenzierung" machten eine Seligsprechung unvertretbar - mehr noch als seine "erheblichen menschlichen Schwächen" sowie sein offensichtlicher Mangel an theologischer Bildung und der Tugend der Klugheit. Wie kein anderer Papst vor ihm habe sich Pius IX. - der als unausgeglichen, herrisch, impulsiv und ungeduldig beschrieben wird - allen reformfreundlichen Denk- und Kulturbewegungen widersetzt.

Im Februar 1878 starb Mastai-Ferretti, trotz seines hohen Alters von fast 86 Jahren überraschend. Gemäß seinem Wunsch wurde er in der Kirche San Lorenzo fuori le Mura beigesetzt - und hatte doch Glück, dass er nicht bei seiner Überführung 1881 von einem römischen Pöbel in den Tiber geworfen wurde. Die junge Republik hatte mit dem hartnäckigen Verteidiger des Kirchenstaates noch lange keinen Frieden gemacht.

Von Alexander Brüggemann (KNA)