Schachfigur
Gudrun Sailer über das Treffen von Papst Franziskus und Donald Trump

Kein neuer Bruderkuss, aber fast

Gudrun Sailer über das Treffen von Papst Franziskus und Donald Trump

Von Gudrun Sailer |  Bonn - 16.05.2017

Ein neues Papst-Graffito ist letzte Woche in Rom aufgetaucht. Es zeigt einen innigen Kuss zwischen Papst Franziskus und Donald Trump, ersterer trägt Heiligenschein, letzterer zwei rote Hörner in der gelben Frisur. "Das Gute vergibt dem Bösen" steht auf dem Gürtel des Papstes. In der Unverfrorenheit, die Straßenkunst zu eigen ist, kommentiert das Werk vorab ein politisches Ereignis ersten Ranges: Nächste Woche empfängt Franziskus den US-Präsidenten in Audienz.

Zu besprechen gibt es viel. Der Papst und Trump haben offene Meinungsverschiedenheiten. Franziskus ist Oberhaupt einer Kirche, die von Jesus her die Liebe zu den "Weggeworfenen" predigt und Trump ist ein präsidialer Immobilienmogul, der mit dem Ausbau einer Mauer sein reiches Land vor armen Einwanderern "schützen" will. Franziskus mahnt die Welt zum Klimaschutz, der US-Präsident sieht Klimavereinbarungen als lästige Fußfesseln für das Wirtschaftswachstum seines Landes.

Was werden sie besprechen? Auf dem Rückflug von Fatima deutete Franziskus nur das "Wie" an. Man müsse eine Tür suchen, die nicht ganz verschlossen sei, über Gemeinsames reden, seine Meinung respektvoll äußern und dabei "sehr aufrichtig" sein. Im Gespräch, so Franziskus, würden "die Dinge ans Licht kommen". Er beurteile niemanden, ohne ihn erst gehört zu haben.

Indem er die Botschaft Jesu mehr ins Öffentliche hinein verlängerte als seine Vorgänger es taten, hat Franziskus das Papstamt politisiert. Er bleibt in erster Linie eine geistliche Größe. Daneben aber hat er eine politische Strahlkraft, um die ihn weiß Gott so mancher Regierungschef beneidet. Hat es mit seiner körperlichen Präsenz zu tun? Franziskus lebt sein Amt physisch: Er umarmt. Er fasst an und lässt sich anfassen. Er küsst Hände. Er wäscht Füße. Viele strömen zu seinen Audienzen, um sich vom Papst berühren zu lassen, von seinen Gesten mehr als von seinen Worten.

Sicher, das berührende Element ist ein Privileg des Religiösen, das der Politik schlecht ansteht. Deshalb kann man den "sozialistischen Bruderkuss" (1991) zwischen Honecker und Breschnew irritierender finden als das neue Papst-Graffito, das sich daran inspiriert. Der Papst-Trump-Kuss spricht nicht von homoerotisch aufgeladenem Klüngel unter gleichgetakteten Diktatoren, sondern – wenngleich provozierend – von Bekehrung durch Berührung. Dass es zu so etwas nächste Woche in Rom kommt, kann man getrost ausschließen. Und doch. Franziskus und Trump haben ihre Meinungsverschiedenheiten bisher über mediale Sticheleien ausgetragen. Nur Begegnung, Handschlag, persönliches Gespräch können eine neue Basis legen. Und die braucht es. Nicht für die beiden, sondern für die Welt. 

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Radio Vatikan".

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