Was von der 72-Stunden-Aktion geblieben ist

Vor einem Jahr...

Aktualisiert am 13.06.2014  –  Lesedauer: 
Gemeinsam ist es leichter - Ehrenamtliche vom CVJM Pfrondorf (Tübingen) schleppen einen Baumstamm.
Bild: © Julia Klebitz
Soziales

Bonn ‐ Was kann man nicht alles in 72 Stunden machen? Zum Beispiel eine Boeing mit sparsamen Zusatzflügeln ausstatten. Oder türkisch heiraten. Der Feuerwerkshersteller Comet braucht Ende Dezember nur 72 Stunden , um seinen Jahresumsatz zu erwirtschaften.

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In 72 Stunden die Welt ein ganzes Stück besser zu machen, das schafften die Teilnehmer der gleichnamigen Sozialaktion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vor genau einem Jahr. Rund 115.000 Personen hämmerten, sägten, kochten, bastelten, organisierten und musizierten sich vom 13. bis 16. Juni 2013 durch die Republik. Von Hamburg bis München und von Aachen bis Dresden - für den guten Zweck.

Mit Pinsel und Farbe brachten sie während der 72-Stunden-Aktion schmuddelige Unterführungen auf Vordermann und machten heruntergekommene Asylbewerberheime zu einem Zuhause. Mit handwerklichem Geschick und Fantasie wurden aus maroden Spielplätzen wieder sichere Anziehungspunkte für Kinder. Alte Menschen erlebten musikalische Nachmittage, Jugendliche mit Behinderung ihr erstes Zeltwochenende. Menschen in den damaligen Hochwasserregionen an Donau und Elbe freuten sich spontane Unterstützung aus ganz Deutschland.

Mit katholisch.de live dabei

Rund um die Uhr live verfolgen konnte man das Geschehen mit einem Klick auf katholisch.de. Die Redaktion begleitete die Aktion mit illustren Gästen, einer unermüdlichen Dauer-Moderation und vielen Show-Einlagen im eigens aufgebauten Studio. Über Skype wurden Helfer aus den Projekten live zugeschaltet. Rund 80 Videos und unzählige Bilder gingen aus ganz Deutschland in der Bonner Schaltzentrale ein und vermittelten ein Bild der großartigen Aktionen vor Ort.

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Video: © katholisch.de

175.000 Helfer haben die Welt in drei Tagen ein kleines Stückchen besser gemacht.

72 Stunden. Eine kurze Spanne, wenn man bedenkt, was in dieser Zeit alles auf die Beine gestellt wurde und geradezu ein Zeitsplitter aufs Jahr hin gesehen, das immerhin 8.766 Stunden umfasst. Und doch waren diese Tage und Nächte so intensiv, dass sie an vielen Orten nachwirken. So auch bei den Jugendlichen, die sich daran beteiligten. 78 Prozent geben in einer neun Monate später veröffentlichten Nachhaltigkeits-Studie des BDKJ an, sie hätten an diesen drei Tagen erlebt, dass sie selbst etwas bewegen können. 74 Prozent wollen sich auch künftig für das Gemeinwohl einsetzen.

Die Studie zeigt auch, dass mit Aktions-Ende rund drei Viertel der Projekte tatsächlich beendet waren. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss: Etwa 1.000 liefen oder laufen immer noch weiter. Eine von der Katholischen Landjugend Bewegung (KLJB) Börger im Bistum Osnabrück erbaute Weidenkirche ist heute fester Bestandteil des Gemeindelebens. Im Hof der Bonner Jugendgemeinde Campanile sorgt ein während der 72-Stunden-Aktion gemauerter Steinofen auch in diesem Sommer wieder für leckere Pizza und Dolce-Vita-Gefühle.

Renovierung mit Nachwehen

Ein Paradebeispiel für Nachhaltigkeit ist auch das Projekt einer Pfadfindergruppe aus dem Kölner Süden, die vor einem Jahr ein Asylbewerberheim verschönert hat. "Wir haben dort mit 32 Leuten einen Flur renoviert, Wände gestrichen und den Grillplatz erneuert", erzählt der Vorsitzende des Rumenthorp-Stammes aus Rondorf, Raimund Gabriel. Zuerst hätten sich die Bewohner die ganze Sache nur angesehen, "aber schon bald haben sie selbst Zement angerührt und Schubkarren gefahren."

Zum Abschluss gab es ein großes Fest. "Wir mussten nichts zu essen mitbringen, alle Familien aus dem Haus haben für uns gekocht", erinnert sich Gabriel. Aus dieser ersten freundschaftlichen Begegnung ist übers Jahr eine Serie geworden. "Wir besuchen die Menschen regelmäßig, sammeln Geld oder Kleiderspenden." Auch Gegeneinladungen zu Gemeindefesten oder zum Weihnachtsmarkt in der Heimatgemeinde der Pfadfinder, gab es bereits.

Die Frage, ob sie noch einmal bei einer solchen Aktion dabei wären, stellt sich dieser Gruppe gar nicht. Es ist selbstverständlich. Ob die Rondorfer Pfadfinder bei einer weiteren 72-Stunden-Aktion wieder etwas für die Heimbewohner tun würden? "Nein, da lassen wir uns was anderes einfallen", ist sich Gabriel sicher, denn: "Wir haben sowieso entschieden, dass wir ab jetzt einmal im Jahr etwas im Asylbewerberheim erneuern oder verschönern werden, auch unabhängig von der 72-Stunden-Aktion." Trotzdem wären sie sofort wieder mit von der Partie, wenn es eine Neuauflege geben würde.

Über eine neue Aktion muss noch entschieden werden

Auch die katholisch.de-Redaktion wäre alles andere als abgeneigt. "Diese Aktion war höchst ansteckend! So viel Engagement und junge Menschen, die gemeinsam an einem Strang ziehen. Natürlich war die gesamte Redaktion sofort vom 72-Stunden-Fieber gepackt", erinnert sich Gregory Elson, Chef vom Dienst für Technik und Art. "Wir würden uns freuen, wenn es noch einmal eine solche Aktion geben würde und wären alle auf jeden Fall gerne dabei." Bis dahin wird allerdings noch ein wenig Zeit ins Land gehen. "Im kommenden Jahr soll ein Ausschuss berufen werden, der sich mit der Frage nach einer weiteren bundesweiten 72-Stunden-Aktion auseinandersetzt", erklärt BDKJ-Sprecher Michael Kreuzfelder. Und vielleicht heißt es dann schon 2016 "Euch schickt der Himmel".

Von Janina Mogendorf

Superlative

- Das nördlichste Projekt fand in Harrislee an der dänischen Grenze statt. - Das südlichste Projekt wurde in Maktschellenberg am Grenzübergang zu Österreich verwirklicht. - Selfkant an der niederländischen Grenze war der westlichste Aktionsort. - In Böhmzwiesel an der tscheschichen Grenze wurde das östlichste Projekt durchgeführt. - Die kleinste Gruppe bestand aus vier Teilnehmern, die größte aus aus knapp 400 Menschen. - Die tiefste Gruppe tauchte gemeinsam mit Menschen mit Behinderung. - Den leckersten Beitrag lieferten sieben Bäckereien mit einem 72-Stunden-Brot. - Die späteste Gruppe bildeten Soldaten aus Donaueschingen, die während der Aktion im Hochwassergebiet helfen mussten. Drei Wochen später erfüllten sie ihre 72-Stunden-Aufgabe und sanierten Rettungswege in der Wutachschlucht im Schwarzwald.