Eine Taube fliegt durch den Himmel.
Das Wirken des Heiligen Geistes hinterlässt Spuren in Kirche und Welt

"Dein Geist weht, wo er will"

Ein Lied erinnert daran, dass der Geist Gottes "weht, wo er will". Er ist die treibende Kraft beim Dialog zwischen den Religionen, schreibt der Essener Weihbischof Wilhelm Zimmermann in seinem Gastbeitrag.

Von Wilhelm Zimmermann |  Essen - 04.06.2017

"Dein Geist weht, wo er will", so beginnt ein beliebtes Lied, das mir zum Pfingstfest als Erstes in den Sinn kommt. Natürlich ist mir der klassische Pfingsthymnus "Veni creator Spiritus" lieb und vertraut. Und selbstverständlich singe ich gerne auch die deutsche Fassung, die mit den Worten beginnt "Komm Heilger Geist, der Leben schafft". In diesem Lied scheint bereits die Vielfalt der Wirkungen auf, die wir dem Heiligen Geist zuschreiben. Wir feiern ihn am Pfingstfest als den Geist Gottes, der uns zum Guten drängt, der uns in Bewegung bringt, der uns Kraft schenkt.

Pfingsten feiern heißt, mit Gott rechnen

Dieser Heilige Geist ist immer gut für Überraschungen. Er bewirkt das Unerwartete. Er geht über das Vorhersehbare hinaus. Er ist nicht gebunden an die Grenzen unserer Pläne. Er lässt sich nicht einsperren in die Kategorien unseres Denkens. Er verkörpert die Möglichkeiten Gottes, die unendlich größer sind als unser Horizont. Er will sich neue Bahnen brechen jenseits der eingefahrenen Gleise. Pfingsten feiern heißt für mich daher zuerst, Gott zuzutrauen, dass ihm kein Ding unmöglich ist. Pfingsten feiern heißt für mich, mit Gott rechnen – nicht nur in der Vergangenheit, sondern heute, nicht nur bei anderen, sondern bei mir. Bin ich bereit, mich vom Heiligen Geist von meinen gewohnten Wegen wehen zu lassen und in der Nachfolge Jesu Neues zu wagen?

"Dein Geist weht, wo er will" – über die Frage, die auf mein Leben zielt, weist das Lied auf einen weiteren Punkt hin, der mir als Bischofsvikar für Ökumene und interreligiösen Dialog besonders wichtig ist. Das Wirken des Heiligen Geistes beschränkt sich nicht auf die Kirche. Ihre Entstehung verdankt sich die Kirche zwar diesem Wirken, wie es die Apostelgeschichte eindrucksvoll mit der Pfingsterzählung beschreibt, dem Brausen vom Himmel und den Zungen von Feuer. Erst durch den Heiligen Geist, der wie ein Brausen vom Himmel kommt und sich in Zungen von Feuer auf die hinter verschlossenen Türen versammelten Jünger niederlässt, fassten sie den Mut, die Botschaft von der Auferstehung zu verkünden.

Bild: © Bistum Essen

Wilhelm Zimmermann ist seit 2014 Weihbischof im Bistum Essen.

Pfingsten ist aber mehr als der Geburtstag der Kirche. Denn der Heilige Geist wirkte, wie es das Zweite Vatikanische Konzil formuliert, "schon in der Welt, ehe Christus verherrlicht wurde" (Ad Gentes 2). Als Schöpfer der Welt und aller Menschen will Gott auch das Heil der ganzen Welt und aller Menschen. Daher kann das Wirken seines Heiligen Geistes nicht auf ein Volk oder den Raum der Kirche begrenzt werden. Dies gilt unbeschadet der Erwählung Israels und der besonderen Rolle der Kirche als "Zeichen und Werkzeug" dieses Heils. Aber das Konzil spricht bewusst auch vom "Samen des Guten in den Riten und Kulturen anderer Völker", von "Reichtümern, die der freigebige Gott unter den Völkern verteilt hat" (Ad Gentes 11) und davon, dass anderen Religionen "nicht selten ein Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet" (Nostra Aetate 3).

Dialog ist wichtig für friedliche Zusammenarbeit

Pfingsten feiern heißt für mich daher, mit dem Wirken des Heiligen Geistes in der Welt, mit Spuren des einen Gottes und seines Geistes auch in anderen Religionen, insbesondere im Judentum und im Islam zu rechnen. Als Christ gehört das Gespräch mit Angehörigen anderer Religionen zu meinem Glauben, weil andere Religionen keine gottlosen Orte sind. Vielmehr können mir auch dort Elemente der göttlichen Wahrheit und Spuren des Heiligen Geistes begegnen. Daran anknüpfend gilt es, mit Klugheit und Liebe und auf der Basis der Werte des Evangeliums einen wo nötig kritischen, aber immer respektvollen Dialog zu führen.

Dieser Dialog ist notwendig, damit das friedliche Zusammenleben gelingt. Aus Sicht der katholischen Kirche ist der Dialog aber mehr als eine friedensfördernde Maßnahme und ein integrationspolitisches Erfordernis. Er hat seinen Grund im Heilswillen Gottes und im Wirken seines Heiligen Geistes. Auf dem Hintergrund einer solchen Haltung sind für mich pauschale und undifferenzierte Verurteilungen anderer Religionen nicht nachvollziehbar, insbesondere der in unseren Tagen immer wieder vorgebrachte Vorwurf, beim Islam handle es sich in seiner Gesamtheit um nichts anderes als eine politische Ideologie.

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Video: © katholisch.de

Der Bonner Stadtdechant Wilfried Schumacher erklärt die Bedeutung des christlichen Feiertages Pfingsten.

Dass der Heilige Geist weht, wo er will, lenkt meinen Blick am Pfingstfest schließlich auf die verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Katholiken und Protestanten, orthodoxe und freikirchliche Christen: sie alle haben ihren Ursprung in der einen Kirche, in der Verkündigung der vom Heiligen Geist bewegten Jünger am Pfingsttag. Im Laufe der Geschichte hat diese eine Kirche ihre ursprüngliche Einheit verloren. Doch in allen christlichen Kirchen sind die Gaben des Heiligen Geistes wirksam.

Der Heilige Geist ist die treibende Kraft der Ökumene

Der Heilige Geist ist also die innere Verbindung zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen und Traditionen. Und er ist die treibende Kraft bei allen Bemühungen, diese verschiedenen Konfessionen wieder zu einer sichtbaren Einheit zu führen, bei der die Vielfalt des christlichen Lebens erhalten bleibt und die Schätze, die sich in den kirchlichen Traditionen entwickelt haben, nicht verloren gehen.

Besonders am Pfingstmontag feiern daher viele Gemeinden ökumenische Gottesdienste, bei denen das Gebet um die Einheit der Kirche im Mittelpunkt steht. In diesem Jahr, in dem an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren erinnert wird, dürfen wir dankbar feststellen, dass es zwischen Katholiken und Protestanten hoffnungsvolle Zeichen wachsender Gemeinschaft gibt. So möchte ich am Pfingstfest mit den Schwestern und Brüdern in den Kirchen der Reformation, in den orthodoxen Kirchen und in den freikirchlichen Gemeinden beten: "Allmächtiger, ewiger Gott, schenke uns den Heiligen Geist, den Geist der Versöhnung, der wegnimmt, was uns trennt, und uns glaubwürdige Schritte zur Einheit der Kirche gehen lässt."

Von Wilhelm Zimmermann

Der Autor

Wilhelm Zimmermann (*16. Juni 1948) ist seit 2014 Weihbischof im Bistum Essen.