Die Kirche St. Michael bietet besondere Führungen an

"Lebendige Steine" erzählen vom Glauben

Aktualisiert am 10.06.2017  –  Lesedauer: 
Ehrenamt

München ‐ In der Münchner Kirche St. Michael werden junge Menschen für eine Kirchenführung zu "lebendigen Steinen". Sie erklären die Kirche, aber erzählen auch vom Glauben. Ein Ortsbesuch.

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Die Münchner Fußgängerzone zeigt sich von ihrer typischen Seite. Mit Taschen beladene Frauen und Männer bummeln neben fotografierenden Touristen und hastenden Geschäftsleuten die Kaufingerstraße zwischen Marienplatz und Stachus auf und ab. Die warme Frühjahrssonne lockt die Menschen in Scharen nach draußen, eine folkloristische Akkordeongruppe sorgt für die musikalische Untermalung. Viele von ihnen nehmen nur aus dem Augenwinkel wahr, dass sich die prachtvolle Fassade der Jesuitenkirche Sankt Michael heute anders präsentiert als sonst: Vor dem Eingang prangt ein quietschgrünes Plakat, das die Vorbeieilenden zu einer kostenlosen Kirchenführung einlädt.

Wer sich von dem Plakat ansprechen lässt und in die Kirche hineingeht, entdeckt sofort die jungen Erwachsenen, deren Westen denselben charakteristischen Grünton aufweisen. Jeden zweiten Mittwochnachmittag im Monat stehen die "pietre vive", die "lebendigen Steine", bereit, um Interessierten eine individuelle Führung durch die imposante Kirche zu geben, die stilistisch am Übergang von der Renaissance zum Frühbarock einzuordnen ist.

Eine Kirchenführerin erklärt einer Besucherin die Kirchenfassade.
Bild: ©Theresia Lipp

Martina Edenhofer erklärt einer Besucherin die Fassade.

Mit den anderen "lebendigen Steinen" wartet Cedric Büchner im hinteren Teil der Kirche darauf, dass eine Tour beginnen kann. "Wir werden angesprochen und sprechen auch selbst an", erklärt der Theologiestudent das Konzept. Wie viele Menschen kommen, sei unterschiedlich. "Es gibt Tage, da könnte man sich zerreißen, und andere, da tröpfelt es nur", beschreibt seine Kollegin Martina Edenhofer. Büchner hat den ersten Besucher aus der warmen Sonne in die kühle Kirche gelockt. Dem ursprünglich aus Russland stammenden Mann erläutert er gestenreich die Idee des Raums und geht dabei auf dessen Vorwissen ein. Als Russe kennt er die Gebärde, mit der das dargestellte Christuskind über dem Eingang das Segenszeichen macht, denn mit dieser Fingerhaltung bekreuzigen sich orthodoxe Gläubige bis heute. Ein erster Anknüpfungspunkt ist gefunden, das Eis zwischen den beiden scheint gebrochen zu sein.

Nicht nur die Sprache ist eine Herausforderung

Maximilian Gigl, Koordinator der "pietre vive" in München, betont die Einzigartigkeit der Führungen: "Bei uns gibt es keine Voranmeldung." In der Regel kämen zufällige Besucher, die so, wie sie gerade in einen Laden gegangen sind, auch in die Kirche gehen. Daneben spiele die "Reiseführermentalität" eine große Rolle. Man wolle die Highlights der Stadt sehen und da sei Sankt Michael ganz vorne mit dabei. Das hat auch zur Folge, dass ein Drittel bis die Hälfte der Führungen nicht auf Deutsch stattfinden. Darauf sind die "pietre vive" vorbereitet. Neben Deutsch sprechen die zwölf Mitglieder Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Kroatisch, Filipino und sogar Chinesisch. Wer welche Sprache spricht, ist auf der Karte vermerkt, die sich jeder "lebendige Stein" an seine grüne Weste gepinnt hat.

Auch wenn sie deren Sprache sprechen, wissen die Kirchenführer vorher nicht, wie es bei den Menschen mit dem Glauben aussieht. "Man beginnt die Führung und auf einmal merkt man, ob sich da etwas entwickelt oder ob nur gelangweilte Blicke kommen", erzählt Gigl. Genau das macht für die Mitglieder aber auch den Reiz aus. "Ich finde es spannend, mit ganz unterschiedlichen Menschen über den Glauben zu sprechen", sagt Martina Edenhofer. Einmal habe sie etwa den ersten Besuch einer katholischen Kirche von muslimischen Kindern begleitet. "Es war eine richtige Herausforderung, in ganz einfachen Worten über das Christentum zu sprechen", berichtet sie. Der Kirchenraum war der 26-Jährigen eine Stütze: "Mir hilft es, wenn ich etwas Anschauliches dabeihabe: Nicht nur erzählen, sondern anhand der Kirche zeigen."

„Das Kirchengebäude ist zwar wichtig und ein heiliger Ort, aber das eigentliche ist, dass es gefüllt ist von lebendigen Steinen, von gelebtem Glauben.“

—  Zitat: Maximilian Gigl

Damit wirklich etwas rüberkommen kann, soll man laut Gigl das weitergeben, was einen selbst berührt hat. "Wir versuchen auch, den Kirchenraum als Emotionsraum erlebbar zu machen", erklärt der Doktorand. Das sei schon am Namen der Gruppe erkennbar: "Das Kirchengebäude ist zwar wichtig und ein heiliger Ort, aber das eigentliche ist, dass es gefüllt ist von lebendigen Steinen, von gelebtem Glauben." Das unterscheide die "pietre vive" von anderen Kirchenführungen: "Wir machen eben nicht nur Jahreszahlen oder Kunstgeschichte, sondern wir wollen immer die dahinterliegende religiöse Botschaft entschlüsseln."

Damit die "lebendigen Steine" ihren Glauben auch selbst vertiefen und reflektieren können, treffen sie sich neben den Führungen zu Gemeinschaftsabenden. Dort bekämen die Mitglieder einen Gebetsimpuls, der von der Spiritualität des Jesuitengründers Ignatius von Loyola geprägt ist, erzählt Gigl. Nach dem Gebet bleibt noch Zeit, gemeinsam zu essen und sich über das Erlebte auszutauschen. Die ignatianische Spiritualität spielt für die jungen Menschen auch bei der Führung selbst eine Rolle. Einer der Leitsprüche des spanischen Heiligen laute: "Gott in allen Dingen finden". Nach jeder Führung setzen sie sich daher in die Bank und fragen: "Was wollte Gott mich durch diese Führung, diese Begegnung, diese Menschen lehren?". Der 28-Jährige ist überzeugt, dass sich so Gottes Spuren im eigenen Leben entdecken lassen.

Eine Menschengruppe wird durch eine Kirche geführt
Bild: ©pietre vive München

Die prachtvoll ausgestattete Jesuitenkirche Sankt Michael bietet unendlichen Stoff für Führungen. Maximilian Gigl (grüne Weste, Mitte) sorgt als Koordinator dafür, dass immer genügend "lebendige Steine" da sind.

Die enge Verbindung zu der Ordensgemeinschaft ergibt sich aus der Gründung der "pietre vive" durch den Jesuiten Jean-Paul Hernandez. Als Studentenpfarrer in Bologna hatte er die Idee, mit seinen Studenten ein pastorales und zugleich geistliches Angebot zu machen – das Konzept strahlte auf andere Städte aus. Heute gibt es 32 Standorte, von Rom über Prag bis nach Santiago de Chile. Jede Ortsgruppe ist eigenständig, aber wer möchte, kann an internationalen Angeboten wie Ausbildungswochenenden oder Sommercamps teilnehmen. In München gibt es die "pietre vive" seit 2012. Die Jesuiten dort freuen sich über das Angebot der jungen Menschen, da es zu ihrem Konzept der "Citypastoral" passt.

Inzwischen hat Cedric Büchner seine zweite Führung für zwei Männer begonnen, die extra dafür hergekommen sind. Der junge Student stellt sich vor: "Ich bin kein Kunsthistoriker, sondern sage, was ich theologisch verstanden habe." Von der Statue des Christuskinds über das Taufbecken und das Kreuz führt er seine Besucher den Lebensweg Jesu entlang bis zum Altar. Die vielen Statuen und Bilder gäben der Kirche ein Gesicht. "Man kann sich Vorbilder raussuchen", folgert Büchner, und zwinkert in die Richtung seiner Zuhörer. Die sind nach der Führung von dem Konzept der "lebendigen Steine" überzeugt. "Was beeindruckt, ist, dass das ein junger Student ist. Dass sich da jemand Zeit nimmt, weil er begeistert ist", resümiert Lukas Franek aus München. Mathias Werfeli aus Basel stimmt ihm zu: "Ich fand vor allem den theologischen Ansatz hilfreich. Kunsthistoriker kennen die Kunst, aber nicht die Funktion des Kirchenraums". Büchner würde gerne noch mehr erzählen, aber an der Kirchentür steht schon erwartungsvoll der Mesner mit dem klirrenden Schlüsselbund. Nicht nur für die lebendigen, auch für die echten Steine ist für heute Feierabend.

Von Theresia Lipp

Die "pietre vive"

Weitere Informationen zu den "lebendigen Steinen" in München und ihren Führungen können Sie auf der Facebook-Seite der "pietre vive" finden.