Eine alte Teufelsdarstellung
Theologe Ziegenaus über die Menschen und den Teufel

Woher kommt das Böse?

Theologie - Wenn Gott, der Schöpfer, gut ist - warum können wir Menschen als seine Geschöpfe dann Böses tun? Und was hat der Teufel damit zu tun? Ein Gespräch mit dem Theologen Anton Ziegenaus über Gott und Teufel.

Von Johanna Heckeley |  Bonn - 22.06.2017

Frage: Herr Ziegenaus, woher kommt das Böse?

Ziegenaus: Es gibt verschiedene Erklärungen. Die einen sagen, dass es einen Gott gibt, der immer das Gute will, und einen anderen Gott, der immer das Böse will. Andere sagen allerdings, dass Gott nicht böse sein und nichts Böses wollen kann, weil er gut ist. Das ist auch der christliche Standpunkt. Daneben gibt es die Erklärung, dass das Böse aus dem menschlichen Willen kommt: Der Mensch ist frei und kann sich für diese oder für jene Richtung entscheiden. Er kann daher auch das Böse wollen und es tun. Wieder andere sagen, dass das Böse seine Herkunft in unseren Stammeltern hat. Das ist die christliche Idee der Erbsünde. Hier gibt es oft ein Missverständnis: Nicht die Sünde selbst wird vererbt, denn sie ist immer die Folge einer persönlichen Entscheidung. Der Mensch kann allerdings eine Anfälligkeit für Sünde haben, sagen wir, eine Versuchlichkeit, sodass er auf gewisse Reize wohlwollender reagiert, obwohl er sie an sich ablehnt. Das sind dann die zwei Seelen in der Brust, die der Mensch aufgrund der Erbsünde hat.

Frage: Welche Rolle spielt der Teufel dabei?

Ziegenaus: Der Teufel kommt aufgrund einer geläuterten Gottesauffassung ins Spiel: Man wurde sich bewusst, dass Gott gut ist und den Menschen nicht das Böse und Schwere wünscht. Im Alten Testament gibt es zwei Stellen, die das zeigen. Sie hängen mit der Volkszählung Davids zusammen: Im Buch Samuel reizt Gott selbst David, dass er die Zählung durchführen lässt (2 Samuel 24 3f). Wenn man die Volkszählung so interpretiert, dass David damit seine eigene Macht sehen und demonstrieren wollte, dann vergisst er dabei, dass er all das von Gott hat. Das sorgt bei ihm für ein schlechtes Gewissen – und  Gott zieht ihn dafür zur Rechenschaft und bestraft ihn. Aber das wäre zweifellos ein grausamer Gott: Zuerst verführt er David, um ihn dann für seine Tat zu strafen. Diese Stelle ist offensichtlich problematisch. Im ersten Buch der Chronik ist es dann der Teufel, der ihn zur Volkszählung anstiftet (1Chronik 21). Hier ist Gott der Schöpfer, der Allmächtige, der nicht das Böse will und noch dazu den Menschen dafür bestraft. Das wäre ja ein sadistischer Gott – und aus diesem Grund gibt es diese Entwicklung der Gottesauffassung im Alten Testament, ein schöpfungstheologisches Argument. Für das Böse muss deshalb Böse ein anderer Verantwortlicher gesucht werden.

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Immer wieder spricht Papst Franziskus vom Teufel. In vielen seiner Predigten und Ansprachen findet man Passagen über den "entzweienden Säer von Unkraut", den "Spalter von Gemeinschaften" oder die personifizierte Versuchung. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Bamberger Dogmatiker Jürgen Bründl was der Papst damit erreichen will und welche theologischen Aussagen dahinter stehen.

Frage: Wer ist denn der Teufel?

Ziegenaus: Der Teufel ist eine Person, daran halte ich fest. Wenn der Teufel keine Person wäre, wäre das Böse schöpfungsgegeben, also der Schöpfer dafür verantwortlich. Dann könnte er den Menschen für das Böse nicht zur Verantwortung ziehen.

Frage: Wie ist der Teufel zu dem geworden, was er ist?

Ziegenaus: In der theologischen Tradition sagt man, der Teufel wäre ein Engel gewesen, und zwar einer, der sich Gott verweigerte und ungehorsam wurde. Deshalb wurde er für immer und ewig aus der Gemeinschaft mit Gott gestoßen. Das Böse kam also nicht von Gott, sondern aus der freien Entscheidung dieses Engels, der an sich gut geschaffen war.

Frage: Der Teufel wurde also aus freiem Willen böse?

Ziegenaus: Gehen wir von dem Willen des Menschen aus: Heute gibt es Leute, die die Willensfreiheit leugnen und sagen, die Entscheidungen des Menschen seien etwa durch die Erziehung vorbestimmt. Bei Gerichtsverfahren zum Beispiel werden Verbrechen manchmal mit der schlechten Kindheit des Täters oder Störungen in seiner geistigen Entwicklung erklärt. Diese Erklärungen sind für den Teufel nicht zulässig, denn Engel leben ja in einer total guten Welt. Daher ist für sie an eine solche Prädestination nicht zu denken. Dann gibt es Positionen, die dem Menschen den freien Willen zugestehen, aber sagen, dass das Böse zum Menschen dazugehört wie das Gute. Der Philosoph Karl Jaspers zum Beispiel spricht von Chiffren. Das sind Tendenzen im Menschen: Es gibt die Tendenz der Hoffnung, dass es gut ausgeht, und der Angst, dass es schlecht ausgeht, sowie die der Todesangst und die der Unsterblichkeit. Diese bestimmen unser Leben. Würden sie fehlen, wäre das Leben dumpf und langweilig. Der Mensch braucht sie sogar, sonst wäre er geistig lahm, er hätte keine Handlungskräfte. Es treibt den Menschen an, dass er aus seiner geistigen Unbeweglichkeit heraus etwas unternimmt. Nur so kann er gedeihen und reifen. Mit dieser Erklärung will Jaspers zeigen, dass der Mensch Chiffren des Guten und des Bösen hat. Den Teufel kann man also als eine Person, die einen freien Willen hat, interpretieren, oder aber als das Teuflische im Menschen. Letzteres ist aber, wie eben schon gesagt, aus schöpfungstheologischen Gründen nicht akzeptabel, weil Gott uns als Schöpfer dann ja das Böse mitgegeben hätte. Und ebenso, wie man nichts dafür kann, dass man atmen muss, könnte man nichts dafür, beispielsweise zu morden, wenn uns das Böse mitgegeben wäre. Mit einem freien Willen ist der Mensch jedoch für seine Taten verantwortlich – genauso wie die Engel als geistige Wesen für die ihren.

Der Teufel ist der Ankläger der guten Schöpfung und klagt so im Grunde immer wieder Gott an.

Zitat: Anton Ziegenaus

Frage: Wie ist dann das Verhältnis von Teufel zu Gott?

Ziegenaus: Gott hat den Teufel geschaffen – allerdings nicht als Teufel, sondern als Engel, als gutes Wesen. Und Gott nimmt seine Entscheidungen nicht zurück, das heißt, was er erschaffen hat, das vernichtet er nicht. Als Strafe für seine Verfehlungen ist der Teufel auf ewig verdammt. Die Härte dieser Strafe ist für uns Menschen schwer zu ertragen. Daher gibt es die Vorstellung, dass Gott am Ende der Zeit den Teufel begnadigt. Aber das wird er nicht – nicht deshalb, weil er den Teufel hasst; Gott ist die Liebe und er hasst auch den Teufel nicht. Sondern deshalb nicht, weil die Entscheidung des Teufels eine so freigeistige Entscheidung war, dass sie bleibenden Charakter hat. Wir Menschen nehmen unsere Entscheidungen zurück, wenn wir sie bedauern. Der Grund dafür ist, dass wir im Moment der Entscheidung nie alles berücksichtigt haben, weil wir mitten in der Zeit sind. Das unterscheidet sich von der Entscheidung, die ein geistiges Wesen treffen kann. Ein geistiges Wesen hat dabei alle möglichen Einwände berücksichtigt. So ist eine solche Entscheidung dauerhaft. Nicht umsonst sagt man ja, dass der Riegel zur Hölle nicht außen, sondern innen liegt. Das heißt, nicht Gott hat den Teufel ausgesperrt, sondern der Teufel will die Tür nicht öffnen.

Frage: Wie kann man den Teufel als Person charakterisieren?

Ziegenaus: Es ist wahrscheinlich immer schwierig, sich den Teufel vorzustellen. Wenn man sich archetypische Bilder des Teufels macht, etwa mit Hörnern und einem Pferdefuß, dann sind diese Bilder alle Hilfskonstruktionen. Sie können das Verkehrte, das Schöpfungswidrige des Teufels zwar zum Ausdruck bringen, aber die Vorstellungen können auch irreführen. In der Bibel wird der Teufel immer als derjenige dargestellt, der die Güte der Schöpfung infrage stellt. Im Buch Ijob meint der Teufel, wenn Ijob nur richtig versucht würde, dann würde er auch den Glauben an Gott aufgeben. Doch die Bibel demonstriert, dass das nicht der Fall sein muss. Der Teufel ist der Ankläger der guten Schöpfung und klagt so im Grunde immer wieder Gott an. Er wird deshalb auch immer wieder Angst verbreiten, beispielsweise die Angst, etwas nicht zu können oder nicht zu schaffen. Auf diese Weise zweifelt er die Fähigkeit der eigenen Natur an.

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Der Kölner Prälat Helmut Moll ist Beauftragter des Erzbistums Köln für Selig- und Heiligsprechungen und Experte für Exorzismus. Im Interview spricht er über ein falsches Verständnis und die biblischen Grundlagen der Dämonenaustreibung. (Artikel von April 2016)

Frage: Wie wirkt der Teufel außerdem?

Ziegenaus: Auch das ist schwierig zu beschreiben. Der Bonner Exeget Heinrich Schlier sagt etwa, der Teufel wirke atmosphärisch, also ohne Körper, zwischen den Menschen. Der amerikanische Soziologe Peter L. Berger hat auf ähnliche Weise versucht, dessen Wirkweise mit "Gerüchten" oder mit dem "Zeitgeist" zu erklären, der Menschen stark beeinflussen kann. So wird das Denken des Menschen, das eigentlich klar ist, vernebelt. Durch diese Vernebelung ignoriert der Mensch das Problem einfach und tut das Böse, obwohl er es bei nüchternem Nachdenken ablehnen würde.

Frage: Wenn der Teufel eine Person ist, gibt es dann auch die Hölle als Ort?

Ziegenaus: Das ist schwierig. Wo sollte dieser Ort sein? In diesem Sinne würde ich das nicht sehen. Es gibt die Hölle als Zustand ohne Ort. Es ist eine menschliche Vorstellung, dass alles, was ist, auch ein "wo" haben muss. Aber diese lokale Kategorie muss es nicht geben. Ein Beispiel: Wir können uns Glück und Unglück oder Trauer und Freude vorstellen. Das gibt es auch nicht im Sinne des Fassbaren. Ebenso lassen sich die Kategorien des Ortes und der Zeit auch nur schwer auf Gott und den Teufel anwenden.

Frage: Können Sie erklären, warum in Deutschland der Teufel gerne metaphorisch aufgefasst wird, etwa als das Böse an sich oder als Gottesferne?

Ziegenaus: Das kann ich nicht beantworten. Aber dass viel über den Teufel geredet wird, ist vielleicht eine Folge des Christentums: Es spricht viel stärker vom Bösen, weil es weiß, dass das Böse überwunden ist: In Christus ist der Stärkere gekommen, der es bezwungen hat. Das Böse, die ewige Verdammnis, ist für uns Menschen eigentlich unerträglich. Doch man kann davon reden, ihr sozusagen in die Augen schauen, weil man eine Rettung von diesem Bösen kennt, weil es eine Erlösung gibt und das Böse nicht allmächtig ist.

Von Johanna Heckeley

Zur Person

Anton Ziegenaus (81) ist emeritierter Professor für Dogmatik an der Universität Augsburg. Er hat unter anderem zur Sakramentenlehre, Eschatologie und Kanongeschichte geforscht.