Jetzt oder wohl nie
Herzkranker Junge trifft depressiven Autor und eine außergewöhnliche Freundschaft beginnt

Jetzt oder wohl nie

Tag der Freundschaft - Lars Amend, Mitte dreißig, erfolgreicher Schriftsteller, sitzt an einem Sommertag auf dem Balkon seiner schicken Berliner Wohnung und kann nicht mehr. "Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Ich hatte ein tolles Leben und fühlte mich trotzdem verloren", sagt er über seinen Zustand, den er rückblickend Wohlstandsdepression bezeichnet.

Bonn - 30.07.2014

"Es ging ständig von einer Party zum nächsten, ich habe immer auf irgendwelchen Gästelisten gestanden. Und dann kam der Moment, in dem ich mich gefragt habe: Ist es das jetzt gewesen?" Lars sieht in dieser Situation nur einen Ausweg: "Ich wusste, ich kann nicht länger darauf warten, dass etwas Neues passiert. Ich musste die Richtung wechseln."

Erst handeln, dann Fragen stellen. Dieses neue Motto führt ihn schließlich bis ans andere Ende der Welt in die Favelas von Rio de Janeiro. "Es war der krasseste Sommer meines Lebens", erinnert er sich. "Ich habe viel Gewalt hautnah mitbekommen, die Korruption, die Prostitution." Er erlebt die tiefe Armut, muss zusehen, wie Menschen direkt neben ihm erschossen werden und gerät selbst in Gefahr.

Ein Kaffee mit Folgen

Acht Wochen später sitzt Lars wieder in Berlin, die schrecklichen Bilder noch im Kopf und muss feststellen: Die erhoffte Erleuchtung über den Sinn des Lebens ist ihm in Rio nicht gekommen. Bevor er jedoch tiefer in seine Depression versinken kann, klingelt das Telefon. Eine Bekannte ist gerade in der Hauptstadt und möchte sich auf einen Kaffee treffen.

"Esther war in Berlin, weil sie einen Bambi erhalten hatte, für den Aufbau eines Kinderhospizes in Hamburg", erzählt Lars. Während sie im Café sitzen, berichtet er von seinem Sommer und sie von ihrer Arbeit im Hospiz. Ein besonderer Junge sei neuerdings dort, der anders sei, als die anderen Kinder. Er habe gerade eine Herzoperation hinter sich und sein Herz sei so schwach, dass jeder Tag sein letzter sein könnte.

Auf einem zerknittertem Zettel stehen die Wünsche 25 und 26: ganz viel lachen und die Mama glücklich sehen.
Bild: © Privat

Die Wunschliste von Daniel Meyer.

"Es hat mich schockiert, wie Esther sein Leben beschrieben hat", erzählt Lars. "Da sitzt so ein 15-Jähriger alleine in seinem Zimmer, ohne Freunde, in schwierigen Familienverhältnissen und wartet auf den Tod." In diesem Moment habe er sich gedacht, was bist du eigentlich für ein Typ, der alles hat, es aber nicht erkennen kann. "Mir wurde plötzlich klar, dass dieser Junge in Hamburg wahrscheinlich alles dafür tun würde, um nur einen Tag in meinen Schuhen zu stecken."

"Ich hatte nie eine Wahl"

Spontan entschließt sich der Schriftsteller, nach Hamburg zu fahren und Daniel einen schönen Tag zu bereiten. Bereits beim ersten Telefonat mit Daniels Mutter Debbie wird klar, wie sehr die kleine Familie unter der Situation leidet. "Eigentlich dachte ich, wir reden kurz und lernen uns ein bisschen kennen und dann haben wir vier Stunden telefoniert", sagt Lars. Debbie schüttet ihm ihr Herz aus und ist sichtlich dankbar für das Interesse dieses fremden Berliners.

Zwei Tage später steht Lars in der Tür des Kinderhospizes. Etwa zehn Meter entfernt spielt Daniel am Kicker-Tisch und dann geht alles ganz schnell. "Er sieht mich, fängt an zu kreischen, rennt auf mich zu und springt mich an", beschreibt Lars die Situation. "Und während er noch an mir hing rief er: Lars – endlich bist du da! So als hätte er immer schon auf mich gewartet."

Später wird der Autor sagen: "Wenn man mir vorher prophezeit hätte, dass ich mich bald um einen totkranken Jungen kümmern würde und in einer Rumpelkammer in Hamburg wohnen würde, um bei ihm sein zu können, dann hätte ich gesagt, ihr spinnt." So aber sei ihm die Entscheidung abgenommen worden. "Ich hatte nie eine Wahl. Es war Liebe auf den ersten Blick."

Die Wunschliste ins Glück

Aus dem geplanten gemeinsamen Tag wird zunächst eine gemeinsame Woche. Lars schläft in Daniels altem Kinderzimmer, begleitet ihn vormittags zur Förderschule und nachmittags ins Kinderhospiz. In dieser Zeit entsteht die Idee einer Wunschliste. "Ich habe Daniel gesagt, schreib alles auf, was du gerne erleben möchtest", erzählt Lars. Und die beiden setzen fast alles um: "Wir sind mit einer Limo durch die Stadt gefahren, haben im 5-Sterne-Hotel übernachtet, Mädels geküsst, einen Liebesbrief geschrieben..."

Die beiden Freunde haben ein Buch über ihre Geschichte geschrieben. "Dieses bescheuerte Herz: Über den Mut zu träumen" ist erschienen im Fischer Krüger Verlag (ISBN 978-3-8105-1332-8) und kostet 18,99 Euro.

Lars wird zum großen Bruder und zum besten Freund. "Ich habe gemerkt, wie sehr ihm das fehlt. Er hatte niemanden zum Reden außer seiner Mutter." Für einen Jugendlichen in der Pubertät nicht einfach, hat man doch Fragen zu Mädchen und Träume, die man nicht unbedingt mit der eigenen Mutter besprechen will. Am Ende der gemeinsamen Woche fragt Daniel: "Sag mal Lars, warst du nur für diese Woche mein Bruder oder ist das jetzt für immer?" Lars antwortet: "Das ist jetzt für immer!"

Und er hält Wort. An vier Tagen in der Woche lebt der Autor nun in Hamburg, verbringt seine Zeit mit Daniel und von Tag zu Tag geht es besser. Allen beiden. "Daniel hat mir gezeigt, wie man jeden Tag lebt, als wäre es der letzte, denn für ihn ist das Realität." Angst ihn zu verlieren habe er nicht: "Wenn man lernt, Kleinigkeiten zu schätzen und bewusst im Moment zu leben, dann spielt der Tod eigentlich keine Rolle mehr."

Ein besonderer Moment

Eine Szene ist dem heute 36-Jährigen besonders im Gedächtnis geblieben. Er plant eine große Überraschung für Daniel, organisiert dem glühenden Bayernfan eine Reise nach München mit Übernachtungen im Mannschaftshotel, Spielbesuch und VIP-Launch. "Er hätte ein signiertes Trikot bekommen, Elfmeterschießen gegen Manuel Neuer geübt, eine halbe Stunde mit Jerome Boateng abgehangen… der Traum eines jeden Jungen." Aber als er Daniel am Telefon davon erzählt, sagt der: "Ich habe im Moment nicht die Kraft dazu. Es reicht, wenn du kommst, wir zusammen auf der Couch sitzen und du einfach bei mir bist."

Der Satz aus dem Mund eines 15-Jährigen bringt Lars endlich die ersehnte Antwort auf seine bohrende Frage nach dem Sinn des Lebens. "Am Ende des Tages geht es darum, jemanden zu haben, der einen begleitet, der ist für einen da ist und mit dem man über seine Träume und Ängste reden kann." Und genau diese Art von Freundschaft verbindet die beiden noch heute. "Ich habe am Anfang zu Daniel gesagt: Ich sag dir alles und du sagst mir alles. Keine Geheimnisse." Und so halten sie es auch zwei Jahre später noch.

Während sie Daniels Wunschliste Punkt für Punkt abarbeiten, sprechen sie auch über den Tod und wie es danach weitergeht. "Daniel glaubt an Gott und an den Himmel. Seine Vorstellung ist, dass alle, die er im Leben liebgewonnen hat, dort mit ihm auf einer Wolke sitzen und Tee trinken." Eine Zeit lang habe sich Daniel jedoch große Sorgen gemacht, er könne nicht in den Himmel eingelassen werden, weil er nicht konfirmiert war. "Er hatte das Gefühl ihm fehlt die Eintrittskarte und er wusste, dass man bei der Konfirmation eine Urkunde bekommt. Die wollte er unbedingt haben", sagt Lars.

Konfirmation als Eintrittskarte in den Himmel

Wegen seiner Krankheit kann Daniel nicht am Konfirmandenunterricht teilnehmen. Nach längerer Suche findet sich jedoch eine Pastorin, die ihn auch so zur Konfirmation annimmt. "Es war ein wunderschöner Gottesdienst, Daniel hatte einen neuen Anzug an und eine Freundin von mir hat ein Lied komponiert und gesungen", erzählt Lars. Als Daniel seine Urkunde in den Händen hält, faltet er sie und steckt sie in die Hosentasche. "Seitdem trägt er sie immer bei sich, weil er sich sagt: Jetzt kann ich tot umfallen und bin ganz sicher, dass ich in den Himmel komme."

Wie es Lars Amend seit der Begegnung mit Daniel geht? "Super", sagt er. "Auch wenn die depressiven Gedanken, die ich vorher hatte, nicht komplett weg sind." Er merke aber an Kleinigkeiten, dass sich etwas verändert hat. "Wenn ich zum Beispiel keine Lust auf Joggen habe, muss ich an Daniel denken, der alles dafür tun würde und, zack, stehe ich drei Minuten später auf der Straße." Und wenn er sich in düsteren Gedanken zu verlieren drohe, dauere es fünf Minuten und dann sei es auch schon wieder vorbei.

Auch der Umgang mit seinen erwachsenen Freunden habe sich geändert. "Ich mache heute Dinge, die ich vor Daniel nicht gemacht habe." Zum Beispiel ruft er Freunde an, einfach um zu fragen, wie es ihnen geht und ihre Stimme zu hören. "Seit ich Daniel kenne, weiß ich, wie wichtig das ist. Mit so einem Zwei-Minuten-Telefonat kannst du Menschen glücklich machen." Es sei ein schöner Nebeneffekt dieser Freundschaft, dass auch andere Beziehungen enger und intensiver geworden seien.

Zum ersten Mal verliebt

Und Daniel? "Es wird ihm körperlich nie besser gehen, sondern immer bergab. Mal schneller und mal langsamer." So habe seine Lungenleistung wieder stark nachgelassen. Und trotzdem geht es ihm den Umständen entsprechend gut und das hat seinen Grund: "Er ist zum ersten Mal in seinem Leben verliebt, hat seine Freundin über Facebook kennengelernt und sie telefonieren und schreiben sich jeden Tag", freut sich Lars mit seinem Freund.

Als er Daniel kennengelernt hat, wusste dieser nicht, wie viele Tage er noch zu leben hat. Sein erster Wunsch auf der Wunschliste war, noch einmal Geburtstag zu feiern und aus diesem einen, sind nun schon zwei Mal geworden. "Alle haben gesagt, wäre ich nicht gekommen und hätte ihn zurück ins Leben geführt und ihm gezeigt, wie schön es ist, dann wäre er heute nicht mehr da", sagt Lars.

"Der Freund erweist zu jeder Zeit Liebe, als Bruder für die Not ist er geboren", heißt es in den Sprüchen der Bibel über das Wesen der Freundschaft. Lars Amend und Daniel Meyer haben genau das erlebt.

Von Janina Mogendorf

Bibelweisheiten über Freundschaft

"Wer Fehler zudeckt, sucht Freundschaft; wer eine Sache weiterträgt, trennt Freunde." (Spr 17,9) "Der Freund erweist zu jeder Zeit Liebe, als Bruder für die Not ist er geboren." (Spr 17,17 ) "Manche Freunde führen ins Verderben, manch ein lieber Freund ist anhänglicher als ein Bruder." (Spr 18,24) "Besitz vermehrt die Zahl der Freunde, der Arme aber wird von seinem Freund verlassen." (Spr 19,4) "Treu gemeint sind die Schläge eines Freundes, doch trügerisch die Küsse eines Feindes." (Spr 27,6) "Salböl und Weihrauch erfreuen das Herz, die Herzlichkeit eines Freundes erfreut mehr als duftendes Holz." (Spr 27,9)